Sprache ist nicht nur ein wichtiges Mittel der Kommunikation. Als Teil des kulturellen Gedächtnisses spiegelt sie das Wissen ganzer Bevölkerungsgruppen wider – und prägt zugleich die Wahrnehmung und das Denken jener, die sie sprechen. Studien zeigen, dass die Muttersprache zum Beispiel beeinflusst, wie wir Ereignisse kategorisieren oder uns an Bewegungen erinnern. Sogar welche Sinne beim Zuhören beteiligt sind, kann sich je nach Muttersprache unterscheiden. Forscher um Federica Amici vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben nun den Einfluss der Sprache auf einen grundlegenden Speicher unseres Gehirns untersucht: das Arbeitsgedächtnis. Sie wollten wissen: Beeinflusst die Sprache, wie gut wir uns bestimmte Informationen in Erinnerung rufen können?
Die Idee dahinter: Viele Sprachen unterscheiden sich in ihrer sogenannten Verzweigungsrichtung. In typischen Rechtsverzeigungssprachen wie Italienisch steht der sogenannte Satzkopf am Anfang, dahinter folgen Komponenten, die zusätzliche Informationen über diesen Kopf liefern. Zum Beispiel: “Der Mann, der an der Bushaltestelle saß.” Im Gegensatz dazu folgen Linksverzweigungssprachen wie Japanisch einer umgekehrten Reihenfolge. Dort werden die ergänzenden Informationen meist dem Satzkopf vorangestellt: “Wer an der Bushaltestelle saß, der Mann.” Während Italiener gesprochene oder geschriebene Informationen in der Reihenfolge verarbeiten können, wie sie im Satz vorkommen, können Japaner dies nicht. Denn eine klare Bedeutung des Satzanfangs erschließt sich oft erst nach der Analyse des Satzkopfes am Ende.
Die Reihenfolge ist entscheidend
Daher müssen Sprecher solcher Linksverzweigungssprachen am Anfang eines Satzes stehende Informationen solange im Arbeitsgedächtnis behalten, bis sie auch den Kopf kennen – erst dann ist ein Verständnis des Satzes möglich. Daraus ergab sich für die Wissenschaftler die Vermutung, dass sich die Funktionsweise des Arbeitsgedächtnisses abhängig von der Verzweigungsrichtung der Muttersprache unterscheidet. Ob dies stimmt, testeten sie an Menschen aus acht Sprachkulturen. “Das Beste an diesem Projekt war es, Wüsten und Meere zu überqueren, um erstaunliche Menschen zu treffen, die die wunderbarsten Sprachen sprechen – von Khoekhoe bis Khmer”, sagt Amici. Dabei stellten sie jeweils rund 30 Muttersprachler aus jeder Sprachgruppe mit sechs Gedächtnisaufgaben auf die Probe. Wie gut konnten sich die Probanden zum Beispiel in einer bestimmten Reihenfolge präsentierte Wörter oder Zahlen kurzfristig merken und diese direkt im Anschluss wiedergeben?
Die Ergebnisse offenbarten deutliche Unterschiede: “Die wichtigste Erkenntnis der Studie ist, dass sich Sprecher linksverzweigter Sprachen bei verbalen und nicht verbalen Arbeitsgedächtnisaufgaben besser an anfängliche Reize erinnern können”, berichtet Co-Autor Alejandro Sánchez-Amaro von der University of California in San Diego. Wahrscheinlich habe dies tatsächlich damit zu tun, dass das Verstehen von Sätzen in diesen Sprachen sehr stark davon abhängt, sich Informationen vom Satzanfang bis zum Ende zu merken. Die einzige Ausnahme stellte dabei die in Südäthiopien gesprochene Sprache Sidama dar. Dies könnte den Forschern zufolge zum einen daran liegen, dass Sidama nicht so konsistent dem linksverzweigten Muster folgt wie die anderen Sprachen aus der Stichprobe. Zum anderen hatten die Teilnehmer aus dieser Sprachgruppe zuvor kaum Kontakt zu Technik wie Laptops und Aufnahmegeräten – ein Faktor, der den Ablauf der Tests teils erheblich verlängerte.





