Spätestens seit der Corona-Pandemie haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur. In sozialen Medien kursieren Erzählungen, die Pandemie sei von böswilligen Eliten geplant worden und die Impfstoffe dienten in Wirklichkeit dazu, die Bevölkerung zu reduzieren oder mit Hilfe heimlich verabreichter Mikrochips zu kontrollieren. Zudem verbreiten sich Narrative, die vor angeblichen Gefahren des Mobilfunkstandards 5G warnen, unbelegte Behandlungen für schwere Krankheiten propagieren oder argumentieren, die Erde sei eine Scheibe. Doch was bringt Menschen dazu, sich für solche Ideen zu begeistern?
Beobachter unter Verschwörungstheoretikern
Um diese Frage zu beantworten, ist ein Team um Tim Hill von der University of Bath in Großbritannien fünf Jahre lang intensiv in verschwörungstheoretische Kreise eingetaucht. Von Insidern ließen sich die Forschenden in Gruppen einführen, die an Ideen von einer flachen Erde, gefährlichen 5G-Strahlen, böswilligen globalen Eliten oder Verschwörungen rund um Impfstoffe glaubten. Dabei legten Hill und seine Kollegen von Anfang an offen, dass sie sich aus soziologischer Perspektive mit Verschwörungstheorien beschäftigen.
„Obwohl man uns anfangs mit Misstrauen begegnete, führte unser Interesse an den Ansichten der Community-Mitglieder dazu, dass man uns Zugang zu geschlossenen Gruppen in sozialen Online-Netzwerken wie Discord und Telegram gewährte“, berichtet das Team. Bald besuchten die Forschenden auch interne Treffen und Veranstaltungen und nahmen als Beobachter an verschwörungstheoretischen Konferenzen und Protestaktionen teil. „Anfangs hatten wir Bedenken, uns Gruppen zu nähern, die oft als wahnhaft, gefährlich und wütend dargestellt werden“, sagt Hill. „In der Praxis stellten wir jedoch fest, dass die Menschen bei den Veranstaltungen freundlich, neugierig und enthusiastisch waren. Diese soziale Qualität wurde zum Schlüssel unserer Ergebnisse.“
Mehrstufiger Weg
Während frühere Studien oft davon ausgingen, dass vor allem irrationales Denken und paranoide Persönlichkeitszüge dazu beitragen, dass jemand an Verschwörungstheorien glaubt, zeigen die Ergebnisse von Hill und seinen Kollegen, dass sich vielfältige Menschen für die Theorien begeistern – oft vor dem Hintergrund von einschneidenden Erlebnissen im persönlichen Leben. Anhand von persönlichen Interviews mit 23 Personen arbeiteten die Forschenden heraus, dass der Weg zum überzeugten Verschwörungstheoretiker üblicherweise in mehreren Stufen verläuft: Zunächst sorgt eine persönliche Erfahrung dafür, dass die Menschen vertrauenswürdige Wissensquellen in Frage stellen. Verschwörungstheorien fangen dann die Gefühle von Enttäuschung, Trauer oder Unverständnis auf und sorgen so für „emotionale Resonanz“, wie die Forschenden erklären.





