Das West-Nil-Virus wird durch Stechmücken übertragen und vermehrt sich vor allem in Vögeln. Menschen und Pferde sind sogenannte Sackgassenwirte. Sie können ebenfalls erkranken, haben jedoch eine zu geringe Viruslast im Blut für eine weitere Übertragung. Viele Infektionen verlaufen mild und unbemerkt, doch in schweren Fällen greift das Virus das zentrale Nervensystem an und verursacht Hirnhaut- oder Gehirnentzündungen.
Simulation mit Mücken, Vögeln und Wetter
Ursprünglich stammt der Erreger aus den tropischen Regionen Ostafrikas. Doch 2018 wurden auch in Deutschland die ersten infizierten Vögel entdeckt. Seither verbreitet sich das Virus auch hierzulande und befällt Vögel, Pferde und Menschen. Die meisten Infektionen bei Menschen wurden bislang in Ostdeutschland beobachtet. „Die jüngsten Trends des Klimawandels, die durch frühe und verlängerte Sommer, steigende Temperaturen und überdurchschnittliche Niederschlagsmengen gekennzeichnet sind, haben wahrscheinlich die Ausbreitung des West-Nil-Virus in Europa begünstigt“, erklärt ein Team um Pride Duve vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg.
Um genauer zu verstehen, welche Faktoren für die Ausbreitung des Virus eine Rolle spielen, haben Duve und seine Kollegen mathematische Modelle erstellt, mit denen sie Übertragungs- und Verbreitungswege simulieren können. Für ihr Modell berücksichtigen die Forschenden unter anderem den Lebenszyklus und die Stechrate von Culex-Stechmücken, den wichtigsten Überträgern des West-Nil-Virus, außerdem Temperaturdaten für Deutschland und die Bewegungsmuster von Zugvögeln und Standvögeln.
West-Nil-Hotspot in Ostdeutschland
„Die Simulationsergebnisse zeigten eine starke Übereinstimmung mit den gemeldeten West-Nil-Virus-Fällen bei Vögeln und Pferden in Deutschland“, berichten die Forschenden. Ebenso wie in der Realität beobachtet ergab das Modell, dass die meisten Ausbrüche in den östlichen Bundesländern stattfinden, wo die Sommertemperaturen der letzten Jahre die Vermehrung der Culex-Stechmücken begünstigt haben. Zudem zeigte sich ein Ausbreitungskorridor über Norddeutschland und bis in den Südwesten Deutschlands. Der wichtigste Faktor für die Verbreitung in neue Gebiete waren der Studie zufolge Zugvögel.

Mit ihrem Modell simulieren die Forschenden die Ausbreitung des West-Nil-Virus in Deutschland. Die Ergebnisse stimmen gut mit tatsächlich gemeldeten Fällen überein. — © Duve et al. (2026), CC-by 4.0
„Unsere Modellrechnungen zeigen, dass West-Nil-Fälle in Deutschland nicht dem Zufall folgen, sondern einem wiederkehrenden räumlichen Muster“, sagt Duve. „Temperatur, Zugvögel und die lokale Stechmückendichte bestimmen gemeinsam, wo in einer Saison mit Fällen zu rechnen ist.“ Diese Informationen können auch Gesundheitsämtern helfen, Zeiträume und Regionen mit besonders hohem Risiko vorherzusehen. Gerade ältere und geschwächte Menschen, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf haben, können dann besonders darauf achten, sich vor Mückenstichen zu schützen – etwa durch Insekten-Abwehrmittel sowie durch lange Kleidung.
Grundlage für Prävention und Frühwarnsysteme
Zusätzlich haben Duve und sein Team auch weitere Maßnahmen simuliert, mit denen sich Fälle von West-Nil-Fieber verhindern lassen könnten, darunter die Reduktion von Stechmückenpopulationen durch Bekämpfung von Brutstätten, die Impfung von Pferden in betroffenen Regionen sowie durch verstärkten persönlichen Stechmückenschutz beim Menschen. Je nach Randbedingungen kann das Modell Hinweise darauf liefern, welche Maßnahmen am erfolgversprechendsten sind.
Aus Sicht der Forschenden könnten ihre Modelle Erkenntnisse aus der realen Überwachung der Ausbreitung ergänzen und perspektivisch in nationale oder regionale Frühwarnsysteme einfließen. Diese könnten Monitoring-Ergebnisse von Fällen bei Vögeln und Pferden mit Informationen zu den Stechmückenpopulationen und aktuellen Klimadaten kombinieren. Auf dieser Basis könnten Gesundheitsbehörden beispielsweise Warnungen herausgeben oder gezielte Maßnahmen in Angriff nehmen.
Quelle: Pride Duval (Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, BNITM, Hamburg) et al., One Health, doi: 10.1016/j.onehlt.2026.101386





