Die Gemeine Stechmücke Culex pipiens, auch Nördliche Hausmücke genannt, ist eine der in Europa häufigsten Mückenarten. Wenn wir einen Mückenstich haben, steckt meist sie dahinter. Schon länger ist aber bekannt, dass diese Mückenart in zwei Unterarten vorkommt: Culex pipiens pipiens sticht nur Vögel und gilt als die ursprüngliche Variante dieser Stechmücken. Culex pipiens molestus ist hingegen auf uns Menschen und andere Säugetiere spezialisiert. Beide Formen sind äußerlich nicht voneinander zu unterscheiden, wohl aber genetisch und in ihrem Verhalten. So fällt die vogelstechende Variante im Winter in einen Ruhezustand und ist für ihre Eiablage obligatorisch auf eine vorhergehende Blutmahlzeit angewiesen. Die vor allem in Städten und deren selbst im Winter warmen unterirdischen Lebensräumen vorkommende menschenstechende Form molestus bleibt jedoch auch ganzjährig aktiv. Sie kann zudem im Notfall ihre Eier auch ohne Blutmahlzeit ablegen.

Paradebeispiel für schnelle Evolution?
Doch wie ist diese menschstechende Form von Culex pipiens entstanden? „Diese rätselhafte Mücke wurde während des Zweiten Weltkriegs in London berühmt und schien so perfekt an das Leben unter der Erde angepasst zu sein, dass man dachte, sie müsse sich dort entwickelt haben”, erklärt Seniorautorin Carolyn McBride von der Princeton University. “Sie wurde zum Paradebeispiel für schnelle Evolution in modernen Städten.” Gängiger Annahme nach hat sich Culex pipiens molestus in U-Bahnen und Kellern Nordeuropas aus der vogelstechenden Form entwickelt – und das erst in den letzten rund 200 Jahren. Sie galt daher als Paradebeispiel dafür, wie sich Tiere an menschliche Umgebungen und die Urbanisierung anpassen können. Aber was ist dran an diesem Szenario? Das haben McBride, Erstautor Yuki Haba von der Princeton University und ihre Kollegen nun untersucht. “Wir haben erstmals einen großen Satz an populationsgenetischen Daten ausgewertet, um zu klären, wann, wo und in welchem ökologischen Kontext Culex pipiens molestus entstanden ist”, so die Forschenden.
Für ihre Studie kooperierten die Forschenden mit 150 Organisationen, um rund 12.000 Culex-pipiens-Exemplare aus verschiedensten geografischen und genetischen Zusammenhängen zu untersuchen. Zu den Proben gehörten auch Mücken aus dem heutigen London sowie Museumsexemplare, die seit 1940 im Londoner Untergrund gesammelt und konserviert worden waren. Bei knapp 360 Exemplaren aus 77 verschiedenen Orten der Nordhalbkugel führte das Team hochauflösende Genomanalysen durch. Die Analysen ergaben, dass sich die molestus- und pipiens-Form in nördlicheren Breiten heute tatsächlich deutlich genetisch unterschieden und zwei unterscheidbare Populationen bilden. In südlicheren Breiten wie Nordafrika und dem Mittelmeerraum ist diese Trennung jedoch weniger deutlich. Dennoch zeigen diese Populationen keine Zeichen neuerer Vermischungen, wie Haba und seine Kollegen berichten. Sie sind daher einem bisher wenig erforschten Verdacht nachgegangen: “Die südlichen pipiens-Formen könnten der molestus-Variante deshalb näherstehen, weil molestus dort aus ihnen entstanden ist”, postulieren die Forschenden. Ob das der Fall war, überprüften sie durch weitere vergleichende Genomanalysen.





