Antibiotika bekämpfen nicht nur schädliche Bakterien, sondern ziehen auch die nützlichen Mikroben in unserem Darm in Mitleidenschaft. Besonders schwerwiegend sind die Auswirkungen bei Blutkrebspatienten, die vor und nach einer Stammzelltransplantation oft wochenlang mit Antibiotika behandelt werden – zusätzlich zur Chemotherapie. Die Schäden am Mikrobiom führen bei ihnen nicht nur zu Nebenwirkungen wie Durchfall, sondern können sogar den Behandlungserfolg gefährden.
Stuhlproben und Ernährung analysiert
„Das Mikrobiom entwickelt sich zu einem wichtigen Faktor in der Krebsbehandlung“, erklärt Marcel van den Brink vom Krebsforschungszentrum City of Hope in Kalifornien. „Je besser wir verstehen, was es fördert und was es stört, desto mehr Möglichkeiten haben wir, die Nebenwirkungen der Behandlung zu verringern und gleichzeitig das Ansprechen der Patienten auf die Therapie sowie ihre Genesung zu verbessern.“
Gemeinsam mit einem Team um Erstautorin Anqi Dai vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York hat van den Brink deshalb untersucht, inwieweit die Ernährung während einer Antibiotikabehandlung die Auswirkungen auf das Mikrobiom beeinflusst. An der Studie nahmen 173 Leukämiepatienten teil, die während ihrer Zeit im Krankenhaus täglich Stuhlproben zur Verfügung stellten und zu jeder Mahlzeit angaben, wie viel sie davon verzehrt hatten.
„Im Gegensatz zu früheren Ernährungsstudien, die sich auf die Erinnerungen der Patienten an ihre Mahlzeiten oder andere ungenaue Erhebungen stützten, arbeiteten wir mit akribischen Ernährungsprotokollen, die in Echtzeit erfasst wurden“, erklärt van den Brink. „Dadurch konnten wir nach Mustern suchen, die sonst möglicherweise nicht zu erkennen gewesen wären.“
Schädliche Bakterien auf dem Vormarsch
Bei der Auswertung der Daten stießen die Forschenden auf ein auffälliges Muster: „Bei den Patienten, die während der Antibiotikabehandlung mehr Süßes zu sich nahmen, nahm die mikrobielle Vielfalt im Darm besonders stark ab, da aggressive Mikroben andere Bakterienstämme verdrängten“, berichtet van den Brink. Pro 100 Gramm Zucker, die während einer Behandlung mit Breitbandantibiotika aufgenommen wurden, sank die Artenvielfalt im Darmmikrobiom um durchschnittlich 24 Prozent.
Während die nützlichen Bakterien abnahmen, breitete sich eine schädliche Spezies besonders aus: Enterococcus faecium. Diese pathogenen Bakterien erhöhen bei Transplantationspatienten das Risiko für Blutbahninfektionen und weitere lebensbedrohliche Komplikationen, darunter eine Reaktion der transplantierten Immunzellen gegen den Körper des Patienten. Ob der Zucker die Enterokokken direkt fördert oder über einen anderen Mechanismus wirkt, ist noch unklar. „Wahrscheinlich profitieren die potenziell schädlichen Bakterien, die trotz der Antibiotika überleben, von dem mit der Nahrung aufgenommenen Zucker und nutzen ihn zu ihrer Vermehrung“, vermutet Co-Autor William Jogia von der New York University.
Schädlicher Zucker-Effekt auch ohne Blutkrebs
Um zu testen, ob ähnliche Effekte auch unabhängig von einer Leukämiebehandlung auftreten, verabreichten die Forschenden gesunden Mäusen Breitbandantibiotika und Zucker. Auch bei den Versuchstieren vermehrten sich daraufhin die schädlichen Enterokokken besonders stark. Bei einer zuckerreichen Ernährung ohne Antibiotika dagegen behielten die Mäuse ihre normale bakterielle Vielfalt bei und auch Antibiotika allein schädigten das Mikrobiom weniger als in Kombination mit Zucker.
„Die Tatsache, dass Tierversuche die Zusammenhänge bestätigen, die wir bei den Patienten festgestellt haben, liefert eine überzeugende Begründung für künftige klinische Studien, in denen untersucht werden soll, ob eine Reduzierung der Zuckeraufnahme während der Antibiotikagabe das Mikrobiom schützt“, sagt van den Brink.
Vorsichtshalber Süßes reduzieren
Die Ergebnisse könnten auch Implikationen für die Speisepläne im Krankenhaus haben: „Viele der Speisen und Getränke, die stationäre Patienten im Krankenhaus erhalten, haben einen hohen Zuckergehalt“, gibt van den Brink zu bedenken. Eine Abstimmung zwischen ärztlichem Personal und Küche oder angepasste Speisen für Menschen, die Antibiotika bekommen, könnten die Gesundheit verbessern.
Den Forschenden zufolge legt die Studie nahe, dass ein Zuckerverzicht während Antibiotikabehandlungen die Schäden am Mikrobiom abmildern können. Ob das in der Praxis tatsächlich funktioniert, müssen allerdings weitere Studien zeigen. Für eine allgemeine Empfehlung ist es deshalb laut van den Brink noch zu früh. „Aber es schadet nicht, den Zuckerkonsum in der Ernährung zu begrenzen und es ist leicht, dies auszuprobieren“, sagt er.
Quelle: Anqi Dai (Memorial Sloan Kettering Cancer Center, New York, USA) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-026-11077-3





