Wer in der Wissenschaft Karriere machen möchte, muss seine Ergebnisse regelmäßig in Fachzeitschriften veröffentlichen. Die wissenschaftliche Relevanz einer Publikation wird dabei oft daran bemessen, wie oft sie von anderen Forschenden zitiert wird. Kennzahlen wie der sogenannte h-Index geben an, wie viele oft zitierte Veröffentlichungen ein Wissenschaftler vorweisen kann. Bei Stellenausschreibungen oder der Vergabe von Fördermitteln werden oft Personen bevorzugt, die eine nach diesen Maßstäben hohe Reputation genießen. Auch Hochschulrankings bewerten den „Forschungsoutput“. Somit haben auch Universitäten ein Interesse daran, dass ihre Arbeitsgruppen und Wissenschaftler möglichst viel publizieren.
Anreiz zum Betrug
„Da die Bewertung der Forschungsqualität im gegenwärtigen akademischen Umfeld stark von bibliometrischen Kennzahlen beeinflusst wird, besteht für Forschende ein starker Anreiz, ihre Publikations- und Zitationsdaten zu optimieren“, erklärt ein Team um Ilka Agricola von der Universität Marburg. „Leider gibt es eine wachsende Zahl von Forschern, die zu diesem Zweck betrügerische Methoden anwenden.“ Im Auftrag der Deutschen Mathematiker-Vereinigung (DMV) und der Internationalen Mathematischen Union (IMU) haben Agricola und ihre Kollegen betrügerische Praktiken bei der Publikation von Forschungsergebnissen in der Mathematik untersucht. „Mathematiker veröffentlichen in der Regel eine geringere Anzahl von Arbeiten mit weniger Koautoren und Zitaten als die meisten anderen Wissenschaftler“, erläutert das Forschungsteam. „Aufgrund der geringen absoluten Zahl an Zitationen ist das Fachgebiet besonders anfällig für bibliometrische Manipulationen.“
Tatsächlich fanden die Forschenden zahlreiche Hinweise auf systematischen Betrug. Wie auch in anderen Fachdisziplinen gibt es in der Mathematik zahlreiche sogenannte Raubjournale, die zwar die in der Wissenschaft übliche Prüfung durch Fachkollegen versprechen, in Wirklichkeit aber gegen Geld nahezu jeden Beitrag veröffentlichen, unabhängig von seiner Relevanz oder Qualität. In einigen Fällen werden Autoren explizit dazu aufgefordert, in ihren Fachartikeln bestimmte Veröffentlichungen unter den Referenzartikeln zu listen. In anderen Fällen werden Zitationen werden gegen eine Gebühr verkauft. Hinzu kommen Selbstzitationen und gegenseitiges Zitieren unter befreundeten Wissenschaftlern. Zudem treiben manche Universitäten ihr Ranking künstlich in die Höhe, indem sie beispielsweise Forschenden anderer Universitäten Geld dafür bezahlen, bei ihren Publikationen die bezahlende Universität als ihre Heimatinstitution anzugeben.
Kein Maßstab für wissenschaftliche Qualität
Diese Praktiken führen laut Agricola und ihrem Team dazu, dass die Platzierung in Zitationsrankings zumindest in der Mathematik keine Aussagekraft bezüglich der wissenschaftlichen Qualität hat. Ein Extrembeispiel: Laut einem Ranking von Clarivate, dem Marktführer für wissenschaftliche Kennzahlen, stammten im Jahr 2019 elf der am meisten zitierten Mathematiker von einer medizinischen Universität in Taiwan – so viele wie von keiner anderen Universität. Doch diese angebliche Spitzenuniversität für Mathematik besitzt nicht einmal eine mathematische Fakultät.





