Wenn ein Kleinkind von einem Ball spricht, meint es wahrscheinlich eher ein Spielzeug als eine Tanzveranstaltung. Eine Maus lernt es wahrscheinlich zuerst als Tier kennen und nicht als Eingabegerät für Computer. Doch mit der Zeit erfährt es, dass die Wörter auch eine andere Bedeutung haben können. „Kinder als Sprachlernende eignen sich diese verschiedenen Bedeutungen eines Wortes im Laufe der Sprachentwicklung an, doch noch ist nicht vollständig geklärt, wie sie diese erwerben und in welcher Reihenfolge“, erklärt ein Team um Jiangtian Li von der University of Toronto Scarborough in Kanada.
Von konkret zu abstrakt
Um genauere Einblicke in die zugrunde liegenden Prozesse zu gewinnen, griffen die Forschenden auf einen Datensatz zurück, der Transkriptionen von Millionen Gesprächen zwischen Kindern und ihren Bezugspersonen enthält. Mithilfe künstlicher Intelligenz werteten Li und seine Kollegen rund vier Millionen Äußerungen aus und extrahierten 1270 mehrdeutige Wörter. Für jedes dieser Wörter erfassten sie automatisiert die verschiedenen Bedeutungen und erhoben, wann die Kinder im Alter zwischen 19 Monaten und zwölf Jahren die jeweiligen Bedeutungen in ihren Wortschatz integrierten.
Dabei zeigte sich, dass bestimmte Bedeutungen offenbar leichter zu lernen sind als andere: „Wir fanden Belege dafür, dass sich die Bedeutungserweiterung mit zunehmendem Alter der Kinder von konkreten hin zu abstrakten Bedeutungen entwickelt“, berichtet das Team. Beispielsweise lernt ein Kleinkind das englische Wort „stick“ üblicherweise zunächst in der Bedeutung „Stock“ kennen. Später erfährt es auch die Bedeutung „hineinstecken“ und noch später die Bedeutung „kleben“.
Obwohl Kinder Wörter vor allem dadurch lernen, dass sie hören, wie andere sie verwenden, lässt sich diese Entwicklung von konkret zu abstrakt nicht allein durch den Sprachgebrauch der Bezugspersonen erklären. Wie das Team feststellte, hörten die Kleinkinder die jeweiligen Wörter auch in ihrem abstrakteren Sinn bereits früh in ihrer Umgebung. Bis sie sie allerdings selbst verwendeten, verging deutlich mehr Zeit als bei den konkreteren Wortbedeutungen. „Das deutet darauf hin, dass das Aufkommen der verschiedenen Bedeutungen bei Kindern durch kindeseigene Prämissen bestimmt wird und dass Kinder nicht einfach die Zusammenhänge nachahmen, die ihnen von Bezugspersonen in verschiedenen Altersstufen vermittelt werden“, folgern die Forschenden.




