Seit 2016 sind die Hersteller verpackter Lebensmittel in Deutschland dazu verpflichtet, die Nährwerte des Produkts anzugeben, darunter auch den Kaloriengehalt. Freiwillig besteht zudem seit 2020 die Möglichkeit, die Nährwerte durch einen Nutri-Score zu visualisieren. Noch weiter geht die Gesetzgebung in Großbritannien. Hier müssen auch große Gastronomiebetriebe seit 2022 in ihren Speisekarten Kalorienangaben machen. Doch was bringen solche Kennzeichnungen? Tragen sie tatsächlich dazu bei, dass sich Menschen gesünder ernähren?
Geringfügige Verringerung
Ein Team um Natasha Clarke von der Cambridge University in Großbritannien hat nun die bisherige Studienlage zu dieser Frage ausgewertet. Für ihre Übersichtsarbeit bezogen die Forschenden 25 Studien mit insgesamt rund 10.000 Teilnehmenden ein. Die meisten dieser Studien fanden in realen Umgebungen wie Restaurants und Supermärkten statt und erfassten, welche Lebensmittel Menschen auswählten, wenn Kalorienangaben vorhanden waren oder nicht. Einige erfassten auch den Verzehr von Lebensmitteln mit oder ohne Kennzeichnung.
Das Ergebnis: „Die Kalorienkennzeichnung von Lebensmitteln führte zu einer geringfügigen Verringerung der ausgewählten Energiemenge“, berichtet das Team. Allerdings war der festgestellte Effekt sehr gering. Demnach wählten Personen, denen die Kalorienangaben zur Verfügung standen, im Durchschnitt Lebensmittel mit einem 1,8 Prozent geringeren Energiegehalt. „Das entspricht bei einer Mahlzeit mit 600 Kilokalorien einer Reduktion um elf Kilokalorien“, erklärt das Forschungsteam. „Doch auch eine kleine Verringerung kann potenziell bedeutende Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung haben, wenn sie in großem Maßstab zum Tragen kommt.“
Einfluss auf den Verzehr
Acht der ausgewerteten Studien befassten sich nicht nur mit der Entscheidung für oder gegen bestimmte Produkte, sondern auch mit dem tatsächlichen Verzehr. Diese Studien deuten darauf hin, dass Kalorienkennzeichnungen die Energieaufnahme um 5,9 Prozent verringern kann. Bei einer 600-Kilokalorien-Mahlzeit entspräche das 35 Kilokalorien. „Dafür gibt es aber weniger Belege und diese sind weniger sicher“, schränken Clarke und ihr Team ein. So fanden viele der Studien nicht in einer realen Umgebung, sondern im Labor statt und beobachteten ihre Testpersonen nur in einer kurzen Situation während des Experiments.
Das Forschungsteam weist darauf hin, dass die ausgewerteten Studien keine Auskünfte über mögliche negative Auswirkungen der Nährwertkennzeichnung geben. Denkbar sei beispielsweise, dass die Kalorienangaben bei Menschen mit Essstörungen die Symptome verstärken. Zudem könnten sie das individuelle Wohlbefinden verringern. „Um diese Fragen zu klären, sind weitere Studien erforderlich“, so Clarke und ihr Team. Auch weitere Fragen sind noch offen. So bezogen sich die ausgewerteten Studien überwiegend auf Menschen mit hohem sozioökonomischem Status in Ländern wie den USA, Großbritannien, Frankreich und Kanada. Die Effekte für Menschen mit niedrigem Einkommen oder in anderen Ländern sind daher unklar. Nicht berücksichtigt wurden zudem mögliche Auswirkungen auf die Industrie. Ob die Kennzeichnungspflicht beispielsweise einen Anreiz für Lebensmittelanbieter schafft, mehr auf kalorienarme Produkte zu setzen, lässt sich aus der Metastudie nicht ableiten.





