Die Geschichte der Homeobox
Walter Gehring nimmt ein spannendes Kapitel aus der jüngsten Wissenschaftsgeschichte als Ausgangspunkt, um den Leser über den Stand des Wissens in Sachen Entwicklungs- und Molekularbiologie zu informieren. Der Professor für Entwicklungsbiologie und Genetik hat dabei selbst eine entscheidende Rolle gespielt: Er entdeckte 1984 die Homeobox: Diese Gensequenz ist vom Seeigel bis zu den Wirbeltieren all jenen Genen gemeinsam, die für den richtigen Aufbau des Körpers sorgen. Denn es ist keinesfalls selbstverständlich, dass in der Entwicklung vom Ei zur Fliege oder zum Menschen alles “nach Plan” läuft: Das zeigen Mutationen wie Fliegen, deren eine Körperhälfte männlich und die andere weiblich ist, oder Menschen, an deren siebten Halswirbel eine zusätzliche Rippe sitzt. Die Entdeckung der homeotischen Gene und der ihnen gemeinsamen Sequenz, der Homeobox, öffnete der Wissenschaft die Tür zum Verständnis dieser komplizierten Vorgänge.
Gehring lässt keinen Fachbegriff aus und präsentiert zahlreiche Abbildungen aus molekularbiologischen Fachpublikationen. Doch er erzählt die Geschichte der Homeobox nicht nur als Forscher, sondern auch als Mensch. Manche Szene hat Comedy-Qualität zum Beispiel, als der Schweizer bei einer Tagung dem japanischen Prinzen vorgestellt wird, der den nervösen Wissenschaftler mit einem lockeren “Was gibts Neues von der Homeobox?” überrumpelt. Eindrucksvoll sind auch die vielen privaten Fotos, mit denen Gehring das Buch ausgestattet hat. So entdeckte er auf der Villa des Malers Salvador Dali an der katalanischen Küste eine riesige Statue, die einen sich teilenden Embryo auf dem Kopf trägt. Und sein Foto von einem bronzenen achtbeinigen Schmetterling einer homeotischen Mutante, denn Schmetterlinge haben wie alle Insekten normalerweise sechs Beine zu Füßen einer Buddastatue im japanischen Nara machte sogar in den dortigen Zeitungen Schlagzeilen.
Susanne Liedtke, Biologin und Wissenschaftsjournalistin





