von EVA TENZER
Vor der Pandemie gab es Hoffnung: Studien verzeichneten bei der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen einen leichten Positivtrend – etwa die Studie zur Gesundheit von 3- bis 17-Jährigen (KiGGS), die als Teil des Gesundheitsmonitorings des Robert Koch-Instituts die Entwicklung seit 2003 bundesweit verfolgt. Laut der Basiserhebung (2003 bis 2006) sowie der ersten Folgebefragung (2009 bis 2012) waren 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen psychisch auffällig. Doch im Folgezeitraum (2014 bis 2017) war die Zahl auf immerhin 17 Prozent zurückgegangen. Das ist zwar immer noch eine recht hohe Zahl, aber man muss sich klarmachen, dass der Blick der Studie weit über diagnostizierte psychische Erkrankungen hinausgeht. Denn sie erfasst eine große Bandbreite von wichtigen Symptomen bei psychischen Störungen, etwa Ängste, Sorgen und Niedergeschlagenheit, Bauch- und Kopfschmerzen, Essprobleme, Hyperaktivität, aggressives Verhalten und Aufmerksamkeitsprobleme. Diese Symptome können auf eine psychische Störung hinweisen. Doch zur Diagnosestellung durch Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie oder Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten sind weitere Kriterien ausschlaggebend – etwa die Dauer, der Schweregrad und die Anzahl der Symptome sowie das subjektive Leid der Betroffenen.
Zum Glück entwickelt sich nicht jede psychische Auffälligkeit zur einer ernsten Erkrankung. Meist sind die Probleme zeitlich begrenzt und verschwinden wieder, wenn sie früh erkannt und behandelt werden. Allerdings ist auch von einer Dunkelziffer auszugehen, da sicher nicht jede psychische Störung im Kindes- und Jugendalter rechtzeitig diagnostiziert wird.
Veränderte Lebenswelt
Mit dem Beginn der Pubertät steigt die Zahl der jungen Menschen, die wegen einer Depression behandelt werden müssen. So belegen Versichertendaten der Barmer-Krankenkasse von 2017: Bei 1,2 Prozent der 10- bis 14-jährigen Kinder wurde eine Depression festgestellt. Bei den 15- bis 18-Jährigen waren es dagegen 4,6 Prozent, wobei sich diese Zahl seit 2005 mehr als verdoppelt hat. Auch das Statistische Bundesamt weist auf einen Anstieg in jüngster Zeit hin: Die Zahl der stationären Klinikbehandlungen aufgrund von Depression bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren erhöhte sich von 2015 bis 2019 um 24 Prozent von 14.500 auf 18.000 Klinikbehandlungen.
Mag dieser starke Anstieg auch zum Teil auf eine höhere Aufmerksamkeit für die Krankheit zurückzuführen sein, so ist doch die große Zahl der unter Depression leidenden jungen Menschen erschreckend. Zu einer Depression gehören länger anhaltende Niedergeschlagenheit, Traurigkeit und Interessenverlust. In schweren Episoden haben die Kinder und Jugendlichen Probleme, ihren normalen Aktivitäten im Alltag nachzugehen, sie ziehen sich zurück und schaffen es oft kaum noch, in die Schule zu gehen. Dadurch wird ihre Entwicklung in dieser so wichtigen Lebensphase massiv gehemmt. Zur Entstehung einer Depression tragen neben genetischen Faktoren Probleme im familiären Umfeld oder der Freundesgruppe bei, Verlusterfahrungen und auch traumatische Erlebnisse.





