bild der wissenschaft: Herr Dr. Frey, seit kurzem weiß man, wie einer der verbreitetsten Dinosaurier, ein Titanosaurier, ausgesehen hat. Wie haben diese Riesen gelebt? Frey: Die Titanosaurier waren Pflanzenfresser. Nach ihren Fußspuren zu urteilen, scheinen sie in großen Herden gemächlich durch die Savannen der Kreidezeit gezogen zu sein. Man findet aber interessanterweise nur selten die Abdrücke von ausgewachsenen Tieren und Jungtieren gemeinsam, höchstens Fährten, die sich überkreuzen. Anscheinend waren beide getrennt unterwegs. Außerdem wissen wir, dass die Titanosaurier Eier gelegt haben. Die Eier waren winzig im Vergleich zum Muttertier: etwas kleiner als ein Fußball. Dass die Riesen sich auf sie gesetzt und sie ausgebrütet haben, ist also unwahrscheinlich. Wir vermuten, dass die Weibchen ihre Eier – wie Schildkröten – eingegraben haben und dann einfach weitergezogen sind. bdw: Mit welchen Sauriern sind die Titanosaurier verwandt? Frey: Sie sind so genannte Sauropoden: vierbeinige Pflanzenfresser mit einem tonnenförmigen Körper, einem langen Hals und einem langen Schwanz. Unter ihnen sind die größten Landbewohner der Erdgeschichte. In welche Gruppe der Sauropoden die Titanosaurier einzuordnen sind, war bis zur Entdeckung des ersten vollständigen Skeletts strittig. bdw: Wozu dienten ihre ungeheuer langen Hälse? Frey: Sie ermöglichten es den Sauropoden, auch die Bäume als Nahrungsquelle zu nutzen. Bei ihrer Größe brauchten die Saurier täglich Unmengen an Nahrung. Dazu schwenkten sie ihren Hals wie einen Kran nach oben und weideten vom Boden bis zum Baumwipfel alles ab. Und mit einem Schritt vorwärts hatten sie die nächste Mahlzeit vor sich. Die Blätter und Äste haben sie unzerkaut geschluckt. bdw: Äste unzerkaut geschluckt – wie konnten sie die verdauen? Frey: Die Tiere scheinen mindestens zwei Mägen besessen zu haben. In einem muskulösen Vormagen ist die Nahrung kräftig durchgewalkt und dabei durch große Steine zermahlen worden, die sie mitgeschluckt haben. Im zweiten Magen haben kleinere Steine die Feinarbeit vorgenommen. Manchmal sieht man innerhalb eines Sauropoden-Skeletts beide Steinhaufen getrennt liegen. bdw: Kennt man die Vorfahren der Sauropoden? Frey: Allgemein hält man die so genannten Prosauropoden für ihre Vorfahren. Sie sahen ähnlich aus, waren aber viel kleiner. In der Ober-Trias oder im Unter-Jura, vor etwa 200 Millionen Jahren, haben sich dann die Neosauropoden entwickelt: die Diplodocoiden, Brachiosaurier und Titanosaurier. Die Prosauropoden sind kurz danach ausgestorben. Ein Fossil, das uns eine Übergangsform von Pro- zu Neosauropoden zeigt, hat man bislang noch nicht entdeckt. bdw: Wie erklären Sie sich das? Frey: Diese Übergangsformen waren wahrscheinlich recht kleine Saurier, die in Wäldern lebten. Dort gab es sicherlich viele Aasfresser – kein Kadaver blieb lange intakt. Und den Rest zersetzte eine lebhafte Flora. Selbst Knochen hatten in dieser Umwelt einfach keine Zeit zu versteinern. bdw: Die Systematik der Saurier ist verwirrend: Die vierbeinigen, pflanzenfressenden Sauropoden sind zusammen mit zweibeinigen Raubsauriern in einer Gruppe, und beiden wird eine andere Gruppe vierbeiniger Pflanzenfresser gegenübergestellt. Wie kommt das? Frey: Wir haben auf der einen Seite die Saurischia. Zu dieser Gruppe gehören die Sauropoden und die räuberischen Theropoden, darunter der Tyrannosaurus rex. Ihr gemeinsames Merkmal ist die Form ihres Beckens, des so genannten Echsenbeckens. Es gibt außerdem noch die Gruppe der Ornithischia, der Vogelbecken-Saurier. Alle Ornithischia hatten Schnäbel und Kauzähne. Ihr Becken war vorne kürzer. Das hatte wahrscheinlich den Vorteil, dass im Bauchraum mehr Platz für die Eingeweide war. Die Ornithischia waren wie die Sauropoden meist vierbeinige Pflanzenfresser. Wie sich aus den Fußspuren ablesen lässt, waren sie wohl auch in der Lage, sich auf der Flucht vor einem Raubsaurier auf zwei Beine zu stellen und dadurch schneller zu laufen. bdw: Wenn Sauropoden und Ornithischia beide vierbeinige Pflanzenfresser waren, liegt doch auch der Verdacht nahe, dass sie vielleicht enger verwandt gewesen sein könnten als Sauropoden und die zweibeinigen, Fleisch fressenden Theropoden? Frey: Da haben sie ganz Recht. Hier zeigt sich auch eine Schwäche des gegenwärtigen Ordnungssystems. Fest steht, dass die Ur-Dinosaurier Echsenbecken hatten, denn auch die meisten Ur-Reptilien besaßen diese Beckenform. Von einer unbekannten Vorstufe aus haben sich dann drei verschiedene Saurierformen entwickelt: Die einen verkürzten ihr Becken und veränderten ihre Kiefer und Zähne und wurden die Ornithischia. Die anderen „entschieden” sich sozusagen für lange Hälse und Schwänze und wurden die Sauropoden. Die dritten begannen auf zwei Beinen zu laufen und wurden zu Raubtieren. Trotz ihrer verschiedenen Wurzeln werden Sauropoden und Theropoden aber gemeinsam in eine Verwandtschaftsgruppe gepackt. bdw: Zu welcher Systematik würde das bei heute lebenden Tieren führen? Frey: Das wäre ungefähr dasselbe, wie wenn ich die Säuger in Haarlinge und Nicht-Haarlinge gruppieren würde. Das ist das typische Problem einer Systematik, die sich ausschließlich an äußeren Merkmalen ausrichtet: Man benutzt das, was man hat, und konstruiert dann daraus, was man kriegen will. Es ist aber eine unsichere Grundlage, wenn man sich nur auf äußere Details verlässt und die Gesamtkonstruktion dabei außer Acht lässt. Beim Becken zum Beispiel hätte man sich überlegen müssen: Ist es überhaupt möglich, dass das Sauropoden- und Theropodenbecken aus derselben Konstruktion hervorgegangen sind. Wenn ich die Gesamtkonstruktion von Sauropoden und Theropoden betrachte, komme ich unweigerlich zu der Schlussfolgerung, dass es kein unmittelbares, gemeinsames Vorläufermodel gegeben haben kann. Damit ist es auch höchst unwahrscheinlich, dass Sauropoden und Theropoden in eine Gruppe gehören. bdw: Die Vögel sind direkt aus den Dinosauriern hervorgegangen. Aber nicht aus den Ornithischia, den Tieren mit dem Vogelbecken? Frey: Diese alten Bezeichnungen für die Dinosaurierbecken sind irreführend. Bei genauerem Hinsehen entsprechen sich die Beckenformen von Vögeln und „ Vogelbecken-Saurieren” nicht. Man weiß heute, dass sich die Vögel aus den Raubsauriern, den Theropoden, entwickelt haben. Interessanterweise hat man vor kurzem Theropoden mit Schwanz- und Schwungfedern gefunden. Die Entdecker haben daraufhin die Hypothese aufgestellt, dass die meisten Raubsaurier eine federähnliche Körperbedeckung besessen haben könnten. Diese Vermutung wird dadurch unterstützt, dass man einen kleinen, etwa drei Meter langen Raubsaurier entdeckt hat, der auf einem Nest saß. Das hat eigentlich nur einen Sinn, wenn er zumindest Körperfedern hatten, mit denen er den Nachwuchs wärmen konnte. Das könnte bedeuten, dass der Archaeopteryx gar kein Urvogel, sondern einfach ein gefiederter kleiner Raubsaurier war.
Michael Brendler




