Insekten bilden heute die artenreichste Tiergruppe und haben sich an verschiedenste Lebensräume angepasst – ob im Boden, auf der Erde, in der Luft oder im Wasser. Vor mehr als 450 Millionen Jahren spalteten sie sich von anderen Gliederfüßern wie Krebstieren, Spinnen und Tausendfüßern ab. „Die frühe Evolutionsgeschichte der Insekten blieb jedoch bislang unklar, da Fossilien aus der Zeit ihrer frühen Diversifizierung fehlen“, erklärt ein Team um Erik Tihelka von der University of Cambridge in Großbritannien. Insbesondere war rätselhaft, wie sich die ersten Urinsekten an ein Leben auf dem Land anpassten.
Anpassungen an Wasser und Land
Nun gibt ein außergewöhnliches Fossil neue Einblicke in den Landgang der Insekten. Das Tier, dem Tihelka und seine Kollegen den Namen Chosha praecursor gaben – was so viel wie „Vorgänger-Insekt“ bedeutet – wurde ursprünglich als Larve von Krebstieren interpretiert. Doch mithilfe hochauflösender Mikroskopie stellten die Forschenden fest, dass es sich bei dem rund 324 Millionen Jahre alten Exemplar eindeutig um ein Insekt handelte, und zwar um ein erwachsenes Weibchen.
„Chosha praecursor hatte einen kurzen, aus drei Segmenten bestehenden Brustkorb und einen länglichen Hinterleib mit elf Segmenten“, beschreiben die Paläontologen das Urinsekt. Ebenso wie heutige Insekten hatte es am Kopf zwei Fühler sowie sechs vom Brustkorb ausgehende Beine, mit denen es wahrscheinlich an Land laufen konnte. Zudem besaß das Weibchen am Hinterleib einen Legebohrer zur Eiablage.
Doch zugleich zeigte sich ein deutlicher Unterschied zu heutigen Insekten: Zusätzlich zu seinen sechs Laufbeinen hatte das Urinsekt auch an mehreren Segmenten des Hinterleibs paddelartige Anhängsel, die zum Schwimmen oder als Kiemen gedient haben könnten – Anpassungen an ein Leben im Wasser.

Die Mikroskopaufnahmen enthüllen anatomische Details des rund fünf Zentimeter langen Urinsekts – darunter sechs Beine sowie paddelartige Anhängsel. — © NIGPAS
Schrittweiser Übergang
„Diese Befunde deuten darauf hin, dass Chosha möglicherweise in feuchten oder semi-aquatischen Mikrohabitaten gelebt haben könnte“, erklären die Forschenden. Dazu passt auch der Fundort des Fossils, die Tesnus-Formation im Westen von Texas. Zu Lebzeiten des Urinsekts befand sich hier wahrscheinlich ein Küstengebiet mit flachem Wasser. Chosha könnte sich hier zwischen Wasser und Land hin und her bewegt haben.
Erst spätere Generationen von Insekten haben die Anhängsel am Bauch verloren und entwickelten dadurch den typischen sechsbeinigen Körperbau, wie wir ihn heute von den Insekten kennen. Mit diesem Wandel vollzogen sie zugleich den entscheidenden Schritt für ein ausschließliches Leben an Land. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass frühe Insekten das Land schrittweise besiedelt haben könnten, wobei sie zunächst ein amphibisches Stadium durchliefen“, erläutern Tihelka und seine Kollegen.
Die frühesten eindeutigen Insekten
Angesichts der neuen Erkenntnisse haben die Forschenden zudem weitere Arthropoden-Fossilien neu analysiert, darunter den aus Schottland stammenden Gliederfüßer Leverhulmia sowie zwei zuvor unbeschriebene Fossilien aus der Mazon-Creek-Lagerstätte in Illinois. „Der Vergleich zeigt eine vielfältige Körperorganisation bei flügellosen Insekten des Paläozoikums“, schreibt das Forschungsteam. „Zusammen stellen diese Stammgruppen-Fossilien die frühesten unumstrittenen Insekten dar.“
Damit füllen Chosha und Co eine wichtige Lücke im Stammbaum der Insekten und belegen erstmals die frühe Diversifizierung dieser Tiergruppe – inklusive des Übergangs vom Wasser ans Land.
Quelle: Erik Tihelka (University of Cambridge, UK) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-026-10961-2





