Vor Millionen von Jahren durchschwammen Plesiosaurier die Ozeane. Die langhalsigen Meeresreptilien mit kleinen Köpfen sind zeitgleich mit den Dinosauriern ausgestorben. Mittlerweile gibt es nur noch einzelne Skelette. Vier davon, alle in Nordrhein-Westfalen gefunden, wurden zum Fossil des Jahres 2026 gewählt. Der Paläontologe Achim Schwermann war als Autor an dem Buch „Die Welt der Plesiosaurier“ beteiligt. Er arbeitet für das LWL-Museum für Naturkunde in Münster.
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Was sind Plesiosaurier?
Plesiosaurier sind marine Reptilien, also Reptilien, die dauerhaft im Meer gelebt haben, die aber keine Dinosaurier gewesen sind, sondern entfernte Verwandte von Dinosauriern. Sie gehen zurück auf landlebende Tiere, sogenannte Tetrapoden. Das waren an Land lebende Vierbeiner, die dann in der Trias, also vor mehr als 200 Millionen Jahren, zu einem Leben im Wasser übergegangen sind.
Was ist das Besondere an Plesiosauriern?
Plesiosaurier sind mit ihrem Körperbau sehr erfolgreich gewesen, mit diesen vier gleich langen Paddeln und einem hydrodynamischen Körper. Dieser Körperbau hat sich über 135 Millionen Jahre gehalten, bis die ganze Gruppe dann am Ende der Kreidezeit ausgestorben ist. Diese lange Dauer, in der wir immer wieder Varianten von einem und demselben Bauplan haben, ist etwas sehr Spezielles. Also ein Erfolgsrezept, wenn man so möchte.
Es gibt natürlich sehr viele Varianten dieses Plesiosaurier-Bauplans. Wenn wir an Plesiosaurier denken, dann an Tiere mit einem langen Hals und einem kleinen Kopf. Wenn wir uns aber die Diversität der Plesiosaurier durch die Erdgeschichte angucken, sehen wir, dass dieser Bauplan auch immer wieder abgewandelt wurde zu Tieren, die einen sehr kurzen Hals oder einen deutlich größeren Kopf gehabt haben. Somit gab es auch Räuber, die auch größere Beute angehen konnten.
Diese pliosauromorphen Plesiosaurier, wie man sie dann nennt, sind teilweise auch sehr groß geworden, teilweise über zehn Meter lang, sodass sie Top-Prädatoren in den jeweiligen Ökosystemen waren. Es hat zum Beispiel auch Arten gegeben, die besonders tief tauchen konnten oder in besonders kalten Wässern unterwegs waren. Wir haben auch mehrfache Nachweise dafür, dass Plesiosaurier in Süßwässer gewandert sind. Wir sehen also in der Evolution der Plesiosaurier, dass ausgehend von diesem einen Bauplan immer wieder auch Spezialisten hervorgegangen sind.
Die Westfälischen Vier wurden zum Fossil des Jahres 2026 gekürt. Wer sind die Westfälischen Vier?
Bei den Westfälischen Vier handelt es sich nicht um ein einziges Fossil oder eine fossile Gattung, sondern um vier verschiedene Plesiosauriergattungen. Eine davon ist Rhaeticosaurus, eine sehr alte Plesiosaurier-Gattung, von der wir tatsächlich nur einen Fund kennen, das älteste Skelett eines Plesiosauriers überhaupt.
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Außerdem gehören dazu zwei Plesiosaurier, die aus dem Unterjura stammen, Westphaliasaurus und Aminisaurus. Auch von diesen beiden Gattungen kennen wir jeweils nur ein Skelett oder ein Teilskelett. Bei diesen Gattungen ist speziell, dass sie aus einer Zeit stammen, dem Pliensbachium, aus dem wir nur sehr wenige marine Reptilien kennen. Sie füllen also eine Lücke.
Der vierte im Bunde ist Brancasaurus, der nochmal deutlich jünger ist. Es liegen ungefähr 40 Millionen Jahre zwischen den Unterjura Plesiosauriern und Brancasaurus. Der stammt aus der Unterkreide. Von Brancasaurus kennen wir seit über 100 Jahren ein sehr vollständiges Skelett. Zudem gibt es noch ein zweites Teilskelett und erstaunlich viele Einzelknochen. Brancasaurus ist also auch in verschiedenen Altersstadien dokumentiert, was für Plesiosaurierfunde ungewöhnlich ist.
Welche Möglichkeiten gibt es, Plesiosaurier zu erforschen?
Der klassische Ansatz ist, auf die Knochen zu sehen und sich die Anatomie dieser Tiere anzusehen. Wichtig ist, dass immer auch der Kontext betrachtet wird, also nicht nur den Skelettfund an sich, sondern das, was das umgebende Gestein und die Begleitfauna hergibt und uns etwas über das Ökosystem verrät. Das ist natürlich immer lückenhaft, weil nicht alle Organismen fossil überliefert werden, aber es gibt zum Beispiel Hinweise auf Nahrungsnetze, in denen diese Tiere sich bewegt haben.
Um zu sehen, was ein Tier gefressen hat, hilft ein Blick ins Maul. Bei vielen der langhalsigen Plesiosaurier sehen wir sehr lange spitze Zähnen, sodass wir da vermuten dürfen, dass sie eine glitschige Beute angegangen sind, wie beispielsweise Fische oder Cephalopoden, also irgendwas, was mit diesen spitzen Zähnen gut festgehalten werden kann. Dagegen sehen wir dann bei den pliosauromorphen Plesiosauriern, also bei denen mit proportional größeren Köpfen, dass sie auch robustere Gebisse gehabt haben und dann mitunter auf größere Beute wie andere marine Reptilien gegangen sind.
Abgesehen von Ernährungsweisen und Gebissen kann man untersuchen, wie sich Plesiosaurier fortbewegt haben. Man kann modellieren, welche Körperform plausibel gewesen ist. Wir haben zwar das Skelett vorliegen, im besten Fall ein ganzes Skelett, aber um dieses Skelett muss man sich immer noch ein Weichgewebe vorstellen. Das kann man entweder sehr sparsam auftragen, dann hat man ein sehr schlankes Tier mit einem sehr dünnen Hals oder man kann das Ganze dicker mit mehr Fett anlegen, sodass die Körperform sich dann durchaus auch verändert.
Ein weiterer, neuerer Ansatz ist die Histologie, bei der die Knochen angesägt werden, um sich die Knochenmikrostruktur anzusehen. Daran können zum Beispiel Wachstumsraten bestimmt werden, es wird also die Geschichte eines Individuums untersucht.
Gibt es in der Forschung offene Fragen?
Also abschließend klären lässt sich das aktuell nicht, beispielsweise was das Weichgewebe angeht. Da gibt der Fossilbericht wenig her. Es gibt wenige Fossilien, bei denen ein Weichgewebe oder zumindest so eine Art Hautschatten erhalten ist. Aus Holzmaden beispielsweise kennen wir mittlerweile Funde, bei denen Details am Schwanz zu sehen sind. Ob Plesiosaurier eine Schwanzflosse haben, ist lange diskutiert worden, sie haben ja einen recht kurzen Schwanz. Mittlerweile gibt es Hinweise darauf, dass es bei diesen Tieren tatsächlich eine Schwanzflosse gegeben hat. In den letzten Jahrzehnten sind sie sehr häufig ohne Schwanzflosse rekonstruiert worden.
Gibt es etwas, was Sie persönlich an Plesiosauriern überrascht hat?
Was mich überrascht hat im Zuge des Buchschreibens war die Diversität der Plesiosaurier. Dass es da unterschiedliche Formen gegeben hat, war mir bewusst, aber ich habe es vorher nicht in der Gesamtheit betrachtet. Wenn man Plesiosaurier von ihrem Beginn bis zu ihrem Ende betrachtet, sieht man, dass es wiederkehrende Entwicklungen gab. Es ist mehrfach vorgekommen, dass Plesiosaurier größere Köpfe oder kürzere Hälse bekommen haben.
Evolutionär betrachtet finde ich das einen spannenden Punkt, dass die Evolution nicht ein Optimum erreicht, auf dem das Ganze dann stagniert. Es ist immer Bewegung drin und bestimmte Bauformen kommen dann mehrmals vor. Das ist auch einleuchtend, wenn man im Hinterkopf hat, dass wir hier über 135 Millionen Jahre Erdgeschichte reden.
Wie sind Sie auf die Paläontologie gekommen?
Ich bin Dinokind. Tatsächlich war das schon zu Grundschulzeiten ein ausgesprochener Wunsch, irgendwas mit Dinosauriern zu machen, wie es glaube ich vielen Kindern geht in dem Alter. Und bei mir ist es hängen geblieben. Ich hatte dann ein Geologiestudium begonnen in Münster, habe dann in Bonn weiter studiert und habe dann das Glück gehabt, dass ich eine Stelle als Paläontologe am Naturkundemuseum in Münster bekommen habe.
Woran forschen Sie aktuell?
Ich bin im Naturkundemuseum zuständig für die fossilen Wirbeltiere, da machen Plesiosaurier nur einen kleinen Teil aus. Fossile Wirbeltiere bedeutet in der Region Westfalen-Lippe, dass wir viel mit eiszeitlichen Säugetieren zu tun haben, das ist ein Feld. Ein anderes Feld rührt durch die Grabung, die ich jeden Sommer im Sauerland mache. Da graben wir Wirbeltierreste aus der Zeit der Unterkreide aus. Das ist ungefähr 125 Millionen Jahre altes Material, was wir dort ausgraben. Und es stammt aus einem festländischen Ökosystem. Sprich, wir haben es mit Dinosauriern, Schildkröten, Krokodilen und auch mit frühen Säugetieren zu tun.
Welche anderen Aufgaben übernehmen Sie im Naturkundemuseum?
Ich bin einer von vier Paläontologen bei uns im Haus. Wir übernehmen Aufgaben der Paläontologischen Bund Denkmalpflege in Westfalen-Lippe, kümmern uns also um die gesetzliche Vertretung der Fossilien. Dabei geht es um Planbearbeitung, sprich es werden Baumaßnahmen vorab begutachtet und von uns beurteilt, ob Bodeneingriffe für Fossilien kritisch sein könnten. Baumaßnahmen werden auch von uns begleitet, wenn es nötig ist. Außerdem machen wir Rettungsgrabungen und Bergungen, wenn spontan etwas gefunden wird. Fundbegutachtung machen wir auch, weil immer mal Fossilien, Knochen und Zähne und so weiter gefunden werden. Wir sind in der Regel dann die Ansprechpartner für solche Funde. Das sind eben große Aufgaben, die sich aus dieser Gesetzesauflage ergeben, die wir in NRW haben.
Um auf Plesiosaurier zurückzukommen: Gibt es etwas über Plesiosaurier, das Ihrer Ansicht nach zu wenig Beachtung findet?
Es ist gerade das Thema der Plesiosaurier, dass sie sehr schnell in einen Topf mit den Dinosauriern geworfen werden. Das ist ein weitläufiges Phänomen, dass wenn es um urzeitliche Tiere geht, man auch ganz schnell von Dinosauriern redet. Und da macht es mir natürlich Spaß ein Stück weit Aufklärung zu leisten und zu erklären, was sind jetzt Plesiosaurier, was unterscheidet Plesiosaurier von Dinosauriern und was gab es denn noch an Tieren in der Erdvergangenheit. Denn das ist ein total spannendes Thema. Jede Tiergruppe ist faszinierend, wenn man sich mit ihr beschäftigt. Jede Tiergruppe hat ihre Geschichte. Und wenn man sich auf diese Themen einlässt und da etwas tiefer eintaucht in Evolution und die Evolution von Wirbeltieren, gibt es sehr spannende Geschichten zu erzählen.
Das Interview führte Carlotta Seidel
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