Katzen und Eulen tun es, Delfine und auch Krokodile: Viele Tiere würgen unverdauliche Nahrungsreste als Gewölle aus. Dadurch werden sie Fell, Knochen, Kalkschalen und andere Relikte los, ohne dass diese erst den gesamten Verdauungstrakt durchlaufen müssen. Fossilfunde solcher Regurgitate belegen, dass urzeitliche Fleischfresser diese Entsorgungsstrategie schon seit rund 290 Millionen Jahren nutzten. Unter ihnen waren frühe Haie, Krokodile, aber auch Saurier.
Fossile Funde in Bohrkernen vom Nordseegrund
Jetzt liefern Bohrkerne aus der Nordsee den ersten Beleg dafür, dass auch Plesiosaurier Gewölle hochwürgten – dafür aber extra ans Ufer schwammen. Entdeckt hat dies der Paläontologe Dirk Knaust vom norwegischen Energiekonzern Equinor, als er Bohrkerne vom Meeresgrund vor der norwegischen Küste untersuchte. Sie wurden in einem Gebiet entnommen, das vor rund 170 Millionen Jahren noch in einem tief landeinwärts reichenden Flussdelta lag.

Orte der Bohrkernproben im mittleren Jura (links) und heute (rechts). Die heute rund 50 Kilometer vor der norwegischen Küste gelegenen Fundorte befanden sich vor rund 170 Millionen Jahren in einem tief eingeschnittenen Flussdelta. — © Dirk Knaust/ Geological Magazine, CC-by 4.0
In den Bohrkernen stieß Knaust auf mehr als 20 auffällige Klumpen aus Muschelschalen, zerbrochenen Kalkstrukturen von Würmern, Seelilien und anderen Wirbellosen sowie Pflanzenresten. „Die Größe dieser rundlichen, unregelmäßig geformten Gebilde reicht von einem bis zu gut zehn Zentimetern“, berichtet Knaust. Anhand des Zustands dieser Reste identifizierte er diese Gebilde als fossile Regurgitate – ausgewürgte Gewölle urzeitlicher Tiere. Sie müssen in der Zeit des mittleren Jura vor rund 170 Millionen Jahren entstanden sein.
Wer war der „Täter“?
Doch wer war der Urheber dieser urzeitlichen Gewölle? Einen ersten Anhaltspunkt lieferte die Zusammensetzung der Regurgitate: Die enthaltenen Schalen und Kalkskelette stammten allesamt von Organismen, die im offenen Meer oder am Meeresgrund vorkommen, nicht aber in Flüssen oder im Brackwasser des Flussdeltas. Das Tier, das diese Gewölle produzierte, muss demnach seine Nahrung im Meer gesucht haben. Die Größe der Gewölle schließt zudem kleinere Meerestiere aus.
Dies engte die möglichen „Täter“ auf große, marine Wirbeltiere ein, die im Jurazeitalter im Gebiet der heutigen Nordsee vorkamen - darunter Urzeitkrokodile, Haie und Meeressaurier. „Die Krokodile des Mesozoikums waren jedoch an schnellschwimmende Fische und Kopffüßer als Jagdbeute angepasst“, erklärt Knaust. Die von ihm entdeckten Gewölle enthielten aber fast keine Fischknochen oder Cephalopodenrelikte. Auch die haiähnlichen Knorpelfische jener Zeit fraßen vorwiegend Fisch und Kopffüßer.

Beispiele für fossile Regurgitate aus den Bohrkernen. Die roten Kästen markieren die darunter gezeigte Ausschnittvergrößerung. — © Dirk Knaust/ Geological Magazine, CC-by 4.0
Erster Nachweis vom Plesiosaurier-Regurgitaten
Nach Ansicht des Paläontologen ist es daher am wahrscheinlichsten, dass diese Gewölle von Plesiosauriern aus der Gruppe der Cryptoclididen hinterlassen wurden. Diese langhalsigen Meeressaurier wurden vier bis acht Meter lang und kamen vom mittleren Jura bis in die frühe Kreidezeit auch im Gebiet der urzeitlichen Nordsee vor. Von einigen Arten ist zudem bekannt, dass sie vorwiegend wirbellose Bewohner des Meeresbodens fraßen. „Diese Plesiosaurier passen daher am besten zur Größe und zum Profil des Regurgitat-Produzenten“, sagt Knaust.
Die Bohrkerne vom Nordseegrund haben damit den ersten Nachweis von Plesiosaurier-Gewöllen geliefert. Gleichzeitig geben sie neue Einblicke in die Lebensweise dieser Meeressaurier. Denn der Fundort der fossilen Regurgitate verrät, dass die normalerweise im offenen Meer lebenden Plesiosaurier bis tief in Flussdeltas hineingeschwommen sein müssen. „Die Meeressaurier könnten zum Ausruhen oder Schlafen nach ihrer Jagd ans Flussufer gekommen sein“, mutmaßt Knaust. „Dabei würgten sie dann ihre Nahrungsreste aus.“
Einblick in urzeitliches Verhalten
Interessant jedoch: „Heutige Pelzrobben und Krokodile verhalten sich heute zwar ähnlich, würgen ihre Nahrungsreste aber aus, während sie an Land sind“, erklärt der Paläontologe. „Die Plesiosaurier blieben dabei aber vermutlich im Wasser.“ Denn durch ihre zu Flossen umgebildeten Gliedmaßen und relativ hohes Gewicht konnten sich die Meeressaurier nicht außerhalb des Wassers bewegen. Zudem drohte an Land Gefahr durch fleischfressende Dinosaurier, wie fossile Fußabdrücke belegen.
„Diese Funde und Erkenntnisse tragen nun weiter dazu bei, das Verhalten und die Fähigkeiten der Plesiosaurier zu verstehen – einer faszinierenden Tiergruppe“, sagt Knaust. „Und dies ist erst der Anfang: Von den ausgewürgten Nahrungsresten ausgestorbener Tiere können wir noch viel lernen.“
Quelle: Dirk Knaust (Equinor ASA), Geological Magazine, 2026; doi: 10.1017/S0016756826100806





