„Ed von Schleck” ist nicht nur Eis am Stiel, und „Werthers Echte” – inzwischen auf „Werther’s Original” umgetauft – sind nicht nur Karamellbonbons. Produkte wie diese erinnern an längst vergangene sorglose Kindertage, an Ferien am Strand und den Geruch von Sonnenmilch, an Opa und sein Süßigkeitenversteck in der Schreibtischschublade. Oft genügt ein Geruch, ein einzelnes Wort oder ein Foto, und plötzlich fluten intensive Erinnerungen an damals zurück. Solche nostalgischen Ausflüge in die eigene Vergangenheit sind mehr als sentimentaler Luxus, behaupten Wissenschaftler: Sind wir traurig oder einsam, wirken nostalgische Erinnerungen wie ein Trostpflaster für die Seele.
„Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Sie manchmal unbedingt eine alte TV-Folge anschauen wollen anstatt Ihre derzeitige Lieblingsserie, oder warum Sie eine unstillbare Gier nach einer Süßigkeit aus Ihrer Kindheit verspüren?”, umreißt Katherine Loveland von der University of Arizona das Thema ihrer neuen Studie. In einer Reihe von Experimenten hat die Marketingforscherin gezeigt: Retro-Produkte, die eine nostalgische Sehnsucht erfüllen, üben gerade bei schlechter Laune eine besondere Anziehung auf uns aus. Loveland vermutet, dass wir uns damit das Gefühl von Zugehörigkeit zu erkaufen versuchen. „ Der Mensch ist ein Herdentier, und das Bedürfnis dazuzugehören, nicht allein zu sein, ist ungeheuer stark”, begründet die Forscherin.
Tatsächlich kommt der Wunsch nach Sicherheit und Geborgenheit gleich als Nächstes, nachdem die Primärtriebe wie das Nahrungs-, Schlaf- und Sexualbedürfnis befriedigt sind. Sobald sich das beunruhigende Gefühl innerer Leere breitzumachen droht, tut das menschliche Gehirn alles Erdenkliche, um das seelische Gleichgewicht wiederherzustellen. „Nostalgische Produkte sind in der Regel eng mit intensiven sozialen Situationen verknüpft”, erklärt Loveland. Lauscht man Liedern von früher oder nascht man eine Süßigkeit, die an solche Schlüsselmomente mit vertrauten Menschen erinnert, fühlt man sich ihnen mit einem Mal wieder nah. Im Gegensatz zu normalen Erinnerungen sind nostalgische Erinnerungen facettenreicher und werden emotional besonders intensiv erlebt.
Lovelands Versuchspersonen entwickelten ein Verlangen nach Retro-Produkten, sobald sie glaubten, vom Rest der Gruppe nicht gemocht zu werden. „Wurden sie bei einem Ballspiel bereits nach ein paar Würfen von den anderen ausgeschlossen, entschieden sie sich auffallend häufig für Retro-Produkte. Das reichte von Fernseh-Shows oder Autos bis hin zu Duschgel oder einer Nascherei” , erklärt Loveland. Der Anblick von „nostalgischen” Keksen allein genügte jedoch nicht: Die Versuchspersonen mussten sie essen, um sich besser zu fühlen. Dabei war es nicht der Zucker, der die Seele massierte: Probanden, die einen gewöhnlichen Keks verzehrten, erhielten keinen Wohlfühl-Kick, sondern kamen sich immer noch ungeliebt und ausgeschlossen vor.
IN KRISEN BOOMEN RETRO-PRODUKTE
Das Wissen über derartige Mechanismen ist für Marktforscher von großer Bedeutung, behauptet Loveland: „Firmen können sich diese Effekte in unsicheren Zeiten, etwa in einer Wirtschaftskrise, zunutze machen und vermehrt Retro-Produkte auf den Markt bringen.” Die „guten alten Dinge” von damals schaffen die Illusion von Orientierung und Konstanz. Dabei ist retro nicht gleich retro: Marken wie Adidas und Puma schwimmen zwar seit Jahren erfolgreich auf einer solchen Welle, doch sie sind vor allem bei Jugendlichen populär, für die derartige Marken ein Spiel mit Normen und Trends sind – also eher ein „ironisches Zitat” als eine nostalgische Reminiszenz. Für Ostdeutsche dagegen haben „Club-Cola” und Spreewald-Gurken tatsächlich eine emotionale Qualität. Die „Ostalgie” entsprang nach der Wende einer Suche nach Zugehörigkeit und Identität, schließlich hatten die Ostdeutschen ihr Heimatland von heute auf morgen verloren. Die Ost-Produkte wirken seitdem als eine Art Anker für Erinnerungen.
Die Idee, dass sich nostalgische Gedanken und Produkte positiv auf die Psyche auswirken, ist vergleichsweise neu. Lange Zeit hatte die Nostalgie einen schlechten Ruf. Der Schweizer Mediziner Johannes Hofer prägte den Begriff 1688, um die krankhaften Heimweh-Symptome Schweizer Söldner zu beschreiben, die im Dienst europäischer Monarchen standen. Nostalgie wurde als schwere neurologische Krankheit angesehen, die unbehandelt zum Wahnsinn führt. Gerne wird in der Nostalgieforschung die kühne These eines Militärarztes zitiert, der ebenso wie Hofer behauptete, das Nostalgie-Epizentrum befände sich in der Schweiz: Schuld am Hang der Eidgenossen zur Nostalgie sei das ständige Klingen der Kuhglocken, das die Ohren und das Gehirn der Schweizer geschädigt habe. Im 19. Jahrhundert wurde die Nostalgie schlicht als eine Form der Depression gewertet. Erst im späten 20. Jahrhundert verschwand die düstere Sichtweise, und Forscher erkannten, dass Nostalgie vielmehr eine bittersüße Erfahrung ist. Die glücklichen, oft verklärten Erinnerungen an die eigene Vergangenheit überwiegen und werden allein durch die Einsicht überschattet, dass sie unwiederbringlich sind.
Heute stehen die positiven Auswirkungen von Nostalgie auf die Psyche im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Diskurses. Nostalgische Gedanken sind wie eine Auszeit, die es erlauben, dem stressigen Hier und Jetzt zu entkommen. Menschen hängen vor allem dann nostalgischen Tagträumereien nach, wenn sie sich gerade wenig vernetzt fühlen oder ihr Selbstbewusstsein angeknackst ist – zum Beispiel nach einem Umzug oder einer Zurückweisung. Der Sozialpsychologe Tim Wildschut von der University of Southampton wies nach, dass einsame Menschen häufiger nostalgisch sind und die Nostalgie dem Gefühl der Einsamkeit entgegenwirkt. So fühlten sich Versuchspersonen, die sich an nostalgische Momente erinnert hatten, sofort weniger alleingelassen.
Zudem kann Nostalgie dem Selbstwertgefühl Flügel verleihen: „ Nostalgische Erinnerungen erlauben es uns, unser Selbst in einem guten Licht zu sehen”, behauptet Wildschut. „Schließlich spielen wir in ihnen meist die Hauptrolle, und sie sind insgesamt immer positiv.” In seinen Experimenten zeigte sich auch, dass Probanden, die in nostalgischen Erinnerungen geschwelgt hatten, weniger Bindungsangst entwickelten als eine Kontrollgruppe. Sie fühlten sich beliebter und waren der Meinung, dass es ihnen leicht falle, Freundschaften zu schließen. Es scheint also, dass selbst die Illusion von Bindung an andere das Selbstbewusstsein aufbessert.
TROST BEim GEDANKEN AN DAS ENDE
Nostalgie ist aber nicht nur ein Gegenmittel gegen Einsamkeit, Traurigkeit und ein schwach ausgeprägtes Selbstwertgefühl. Sie hat noch eine weitere Funktion, meint Wildschut: Sie nimmt uns die Angst vor dem Tod. Nostalgie ist aus seiner Sicht ein psychologischer Trick, der das Leben mit Bedeutung füllt. Sie schlägt eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft und erzeugt so ein Gefühl der Selbstkontinuität. Gleichzeitig vermitteln die Erinnerungen an persönlich wichtige Menschen die Vorstellung, dass unser Leben bislang richtig und wichtig war, wodurch es leichter fällt, damit seinen Frieden zu machen.
Wildschut und seine Kollegen gingen von der These aus, dass Menschen ihre psychische Verteidigungslinie umso nachdrücklicher stärken, je mehr sie an den Tod erinnert werden. Ihre Untersuchungen ergaben: Probanden, die über ihre eigene Sterblichkeit schreiben mussten oder einige Zeit vor einem Beerdigungsinstitut verbrachten, waren nostalgischer gesinnt als eine Kontrollgruppe. „Nostalgie ist eine fundamentale menschliche Stärke, die vom Gehirn bei Bedarf aktiviert wird”, resümiert Wildschut. Dabei war es nicht nur so, dass die Versuchspersonen bei Todesgedanken nostalgischer wurden. Diejenigen Probanden, die von vornherein nostalgischer fühlten, empfanden auch weniger Angst vor dem Tod.
Nostalgie ist wie eine Schneekugel, die bei jedem Schütteln zu neuem Leben erweckt wird. Und die meisten Menschen schütteln regelmäßig. 79 Prozent hängen zumindest einmal die Woche nostalgischen Erinnerungen nach, fand Wildschut heraus. Die kurzen Tagträumereien sind das beste Seelenelixier, versichert der Psychologe. ■
SIMONE EINZMANN arbeitet seit Jahren als freie Wissenschaftsjournalistin in Schottland. Nostalgisch wird sie bei einem Stück Schwarzwälder Kirschtorte.
von Simone Einzmann
KOMPAKT
· Nostalgische Produkte und Erinnerungen schaffen ein Gefühl von Zugehörigkeit, sorgen für Orientierung und Konstanz.
· Nostalgie wurde im 17. Jahrhundert als neurologische Krankheit angesehen, die zum Wahnsinn führen sollte.
· Nostalgische Erinnerungen vermindern die Angst vor dem Tod.





