„Im Zeitalter der Globalisierung ist die Verständigung zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen wichtiger denn je”, sagt Gary Bente, Psychologe an der Universität Köln. Dabei spielen Gesten, die ein Gespräch unbewusst begleiten, eine besondere Rolle. „Für internationale Geschäftsbeziehungen ist es nützlich, die Körpersprache des Gegenübers zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren”, betont Bente. Zusammen mit Kollegen hat der Psychologe untersucht, wie deutsche, amerikanische und arabische Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einem Gespräch gestikulieren.
Ausgangspunkt der Studie war eine ältere Untersuchung der Psychologen Rotem Kowner und Richard Wiseman von der University of Tsukuba in Japan und der California State University im US-amerikanischen Fullerton. Dabei sollten Studenten sich ein Gespräch zwischen Chef und Angestelltem vorstellen und beschreiben, welche Verhaltensweisen sie von beiden erwarten. Dann sollten die Studenten bewerten, inwieweit das vorgestellte Verhalten Macht und Status ausdrückt. Obwohl die amerikanischen und japanischen Studenten zum Teil unterschiedliche Erwartungen hatten, waren sie sich einig: Chefs, die aufgrund ihrer Position einen höheren sozialen Status haben, sind aggressiver und sprechen lauter und unfreundlicher mit dem Untergebenen als umgekehrt. Außerdem würden Chefs eher gähnen und im Gespräch mit ihrem Angestellten sitzen bleiben, während dieser steht. Die Studie legte nah, dass das Erkennen von Macht-Gesten universell ist. Die japanischen Studenten hielten allerdings den Verhaltensunterschied zwischen Chef und Angestelltem für wesentlich größer als die amerikanischen.
AVATARE Helfen bei der ARBEIT
Bente und seine Kollegen untersuchten nun vor Kurzem in konkreten Gesprächssituationen, wie Macht-Gesten in verschiedenen Kulturen empfunden werden. Dazu verwendeten sie moderne Computeranimationen, denn weder Videos noch Fotos bringen die Körpersprache eines Menschen angemessen zum Ausdruck. „Bei Videos ist das Problem, dass sie die Herkunftskultur der Akteure erkennen lassen. Damit besteht die Gefahr, dass die eigenen kulturellen Vorurteile in die Bewertung einfließen. Bei Fotos hat man zusätzlich das Problem, dass sie die Dynamik eines Gesprächs nicht zeigen. Und die Körpersignale der Macht sind oft flüchtig und subtil”, erklärt Bente.
Zusammen mit Ahmad Al Issa, Kommunikationsforscher an der American University of Sharjah im Arabischen Emirat Sharjah, und dem Sozialpsychologen James Blascovich von der University of Southern California in Santa Barbara zeichnete Bente mit Videokameras das Rollenspiel von je zwei männlichen Studenten auf, die in Deutschland, den USA oder dem Arabischen Emirat aufgewachsen waren. Die Studenten sollten ein Konfliktgespräch zwischen einem Chef und einem wichtigen, jedoch unzuverlässigen Angestellten nachstellen. Anschließend übertrugen die Forscher die Videoclips auf tonlose Computeranimationen. Die Computerfiguren, sogenannte Avatare, führten exakt die Bewegungen ihrer menschlichen Vorbilder aus, ohne dabei Hinweise auf deren kulturelle Herkunft zu geben.
Insgesamt sahen sich 570 männliche und weibliche Studenten aus Deutschland, Amerika und den Vereinigten Arabischen Emiraten zwischen 10 und 15 animierte Videoclips an. Anschließend beurteilten sie, ob sie das Verhalten der Avatare als dominant wahrnahmen und ob sie es als freundlich und respektvoll empfanden. Außerdem schätzten sie anhand der Körpersprache ein, welche Rolle der Spieler jeweils hatte – Chef oder Angestellter.
Das Ergebnis: Alle Beobachter waren sich einig, welche Personen sich dominant verhielten und demnach die Chefs waren. Doch die Probanden nutzten unterschiedliche Hinweise für ihr Urteil. Deutsche und Amerikaner deuteten die dauerhafte Zuwendung des Kopfes zum Gesprächspartner als Zeichen von Dominanz, nicht aber Araber. Eine geringere Bewegungsaktivität nahmen ausschließlich Deutsche als dominant wahr. Einig waren sich Araber, Amerikaner und Deutsche, dass ein gehobener Kopf und eine offene Haltung im Brust- und Beinbereich Gesten der Macht sind. Bei der Bewertung der Gesten gab es noch deutlichere Unterschiede: Amerikaner empfanden die Gesten, die sie als dominant wahrnahmen, als freundlich. Bei Arabern war genau das Gegenteil der Fall: Je dominanter die Körpersprache wirkte, umso unfreundlicher wurde sie empfunden. Bei Deutschen gab es zwischen der Wahrnehmung und der Bewertung von Macht-Gesten keinen Zusammenhang.
Die Unterschiede lassen sich mithilfe der fünf „ Kulturdimensionen” erklären, die der niederländische Kulturwissenschaftler Geert Hofstede entwickelt hat. Im Auftrag des Unternehmens IBM hatte er in den 1980er-Jahren in 64 Ländern Beschäftigte vom Arbeiter bis zum Manager befragt, um deren kulturelle Vorstellungen herauszufinden. Daraus destillierte er fünf Einflussgrößen zur Beschreibung von Kulturen: Machtdistanz, Unsicherheitsvermeidung, Individualismus/Kollektivismus, Maskulinität/Femininität sowie kurzfristige/langfristige Ausrichtung.
Distanz, Kooperation und klare Linien
Nationen mit einer hohen „Machtdistanz”, wie Malaysia, schätzen soziale Hierarchien und Verhaltensformen, die eine Distanz zwischen Personen mit ungleichem Status widerspiegeln. In Griechenland und anderen Kulturen mit hoher „ Unsicherheitsvermeidung” fühlen sich die Menschen sicher und wohl, wenn es klare Regeln gibt, die ihnen vorschreiben, wie sie sich in sozialen Situationen verhalten müssen. Eine „maskuline Kultur” wie in Ungarn vertritt vorwiegend typisch männliche Werte wie Selbstbewusstsein und Konkurrenzbereitschaft, während in einer „femininen Kultur” wie in Schweden typisch weibliche Werte wie Fürsorglichkeit und Kooperation im Vordergrund stehen. In Kulturen mit einer „langfristigen Ausrichtung” wie in China sind die Ziele zeitlich weit gesteckt und werden mit Beharrlichkeit verfolgt, während die Menschen in Ländern mit einer „ kurzfristigen Ausrichtung” wie in Deutschland eher zu kurzfristigen und flexiblen Zukunftsplanungen tendieren.
Den Kriterien zufolge gehören Asiaten, Araber und Südeuropäer zu den „kollektivistischen Kulturen”. Das bedeutet: Der Einzelne orientiert sich stark an seinem sozialen Umfeld und strebt nach Übereinstimmung im Denken und Handeln. Amerikaner und Westeuropäer pflegen hingegen eine individualistische Kultur: Die Menschen grenzen sich ab, versuchen sich durchzusetzen und betonen ihre Individualität. In dieser Kultur wird Durchsetzungsverhalten hoch geschätzt.
Das erklärt, warum Amerikaner Macht-Gesten sympathisch finden: Sie entsprechen ihren kulturellen Werten. Außerdem haben sie eine niedrige Machtdistanz und eine geringe Unsicherheitsvermeidung. Sie legen also nicht so viel Wert auf Hierarchien und Verhaltensvorschriften. Japaner hingegen fühlen sich in einer Gesellschaft wohler, die das Verhalten klar vorgibt. Das erklärt das Ergebnis von Kowner und Wiseman: Japaner empfinden den Verhaltensunterschied zwischen Chef und Arbeitnehmer deutlicher, weil Statusverhalten in ihrer Kultur bestimmender ist als bei den Amerikanern.
DIE VORLIEBEN DES GEHIRNS
Dass Japaner und Amerikaner Gesten unterschiedlich empfinden, zeigt sich auch in ihren Köpfen. Das hat kürzlich eine Studie von Jonathan Freeman an der Tufts University im US-amerikanischen Medford gezeigt. Freeman maß die Aktivierung von Hirnarealen bei japanischen und amerikanischen Studenten beim Anblick dominanter und unterwürfiger Körperhaltungen mithilfe der funktionalen Magnetresonanztomographie, einem bewährten bildgebenden Verfahren. Es zeigte sich: Die Hirnareale des sogenannten mesolimbischen Belohnungssystems waren bei den Beobachtern stärker aktiviert, wenn die gezeigten Posen mit den kulturellen Werten übereinstimmten. Das heißt: bei Japanern, wenn sie unterwerfende Posen wie einen gesenkten Kopf oder hängende Schultern sahen, bei Amerikanern, wenn sie dominante Posen wie einen gehobenen Kopf und eine breite Beinstellung sahen.
Gary Bente und seine Kollegen untersuchten auch, ob kulturelle Vorurteile einen Einfluss auf die Wahrnehmung von Körpersprache haben. Dazu informierten sie die eine Hälfte ihrer Versuchsteilnehmer über die kulturelle Herkunft der Rollenspieler. Doch anders als erwartet, beeinflusste das das Urteil der Probanden nicht: Sie bewerteten die Körpersprache der Avatare genauso wie die Teilnehmer, die man nicht informiert hatte. Bente vermutet, dass kulturelle Vorurteile die Bewertung der Körpersprache nur dann beeinflussen können, wenn man die kulturellen Attribute selbst wahrnimmt, also etwa ein Kopftuch oder eine Krawatte. Das wollen die Forscher jetzt herausfinden, indem sie Avatare einsetzen, die durch Hautfarbe und Kleidung Hinweise auf die Herkunftskultur geben. „Dank der Computeranimationen können wir Verhaltensweisen aus verschiedenen Kulturen mit dem unterschiedlichen Aussehen der Avatare kombinieren”, erklärt Bente.
Außerdem will er noch prüfen, welche Geschlechtsunterschiede es gibt. Denn wie man die Körpersprache eines anderen wahrnimmt, hängt auch vom Geschlecht ab. Das fand Bente bereits bei deutschen Versuchspersonen anhand von Kopfbewegungen heraus. Dazu hatte er mit einer Videokamera aufgenommene Kopfbewegungen aus Gesprächen zwischen Männern und Frauen auf männliche und weibliche Avatare übertragen und dabei bei manchen das Geschlecht vertauscht. Es zeigte sich: Egal ob die Avatare das echte Geschlecht ihrer menschlichen Vorbilder hatten oder nicht, männliche Kopfbewegungen nahmen die Betrachter als deutlich aktiver wahr. Überraschend war: Männer empfanden die weiblichen Avatare als attraktiver, wenn sie männliche Kopfbewegungen ausführten. Die Forscher rätseln noch, was es mit dieser Vorliebe auf sich hat. ■
ANIKA FIEBICH, ehemalige bdw-Hospitantin, promoviert derzeit an der Ruhr-Universität Bochum zum Thema Selbstbewusstsein.
Von Anika Fiebich
NÄHE UND DISTANZ
Japaner verbeugen sich zur Begrüßung, Deutsche schütteln sich die Hand, und Eskimos klopfen sich auf die Schulter. Wenn man in ein fremdes Land reist und sich mit den Einheimischen verstehen möchte, muss man ihre Gepflogenheiten kennen. Sogar der Begrüßungskuss im Freundeskreis will gelernt sein: Zwei Wangenküsschen in Deutschland, drei in der Schweiz und den Niederlanden, zwei bis vier in Frankreich – je nach Region.
Die Verbeugung in Japan ist unablässig, und wenn man seinem künftigen Chef begegnet, sollte man darauf achten, dass man sich tiefer verbeugt als er. Außerdem vermeiden Japaner Körperkontakt und schauen sich nur selten direkt in die Augen. Ganz anders Araber, die den Augenkontakt geradezu suchen und für die schwarze Sonnenbrillen beim Gesprächspartner ein Gräuel sind. Araber fassen sich im Gespräch auch gern an die Schulter – was einen eher körperkontaktscheuen Engländer schon mal zurückweichen lässt.
Dass die unterschiedlichen kulturellen Distanzzonen Grund für Missverständnisse bieten, zeigte der Anthropologe Edward Hall bereits in den 1960er-Jahren: Während Europäer eine intime Distanz von 50 Zentimetern meist nur bei ihrem Liebespartner als angenehm empfinden, suchen Araber schon bei weniger vertrauten Menschen diese Nähe. Ein weitere Falle kultureller Missverständnisse sind die Bejahungs-Gesten im Gespräch: Nur westliche Kulturen drücken ihre Zustimmung durch Kopfnicken aus. Bulgaren und Türken schütteln kurz den Kopf, und Inder wiederum wiegen ihren Kopf hin und her, was auf Deutsche zögerlich abwägend wirkt.
KOMPAKT
· Deutsche sehen andere Gesten als dominant an als Amerikaner und Araber.
· Die unterschiedliche Bewertung von Macht-Posen lässt sich im Gehirn nachweisen.





