“Was willst du denn mal werden?”ist eine der Standardfragen von Eltern, Tanten oder Großvätern an ihren Nachwuchs. Bei den Kleinen stehen „Fußballer” und „Reitlehrerin” hoch im Kurs, doch die meisten werden – so die Zeugnisse es erlauben – später Juristin oder Banker. Warum nicht Physiker, Chemiker oder Elektrotechniker?
Über 33 Prozent der Studienanfänger schreibt sich in Rechts-, Sozial- oder Wirtschaftswissenschaften ein. Aber nur 15 Prozent können sich für naturwissenschaftliche Fächer erwärmen. Auch die Ingenieurswissenschaften kommen bei den Schulabgängern nicht viel besser an. Das ist kaum nachzuvollziehen, denn Physiker, Chemiker, Informatiker, Molekularbiologen und Bioinformatiker sowie Ingenieure haben hervorragende Arbeitsmöglichkeiten. So waren Ende September 2000 bundesweit gerade einmal 50 Physikabsolventen arbeitslos gemeldet – obwohl in den zwölf Monaten zuvor 2000 Diplom-Physiker und 1500 promovierte Physiker ihre Abschlüsse gemacht hatten.
Industrieunternehmen und Forschungseinrichtungen hofieren Techniker, Naturwissenschaftler und Informatiker, denn es gibt nicht genug Absolventen um den Bedarf zu decken. Zu Beginn der neunziger Jahre ist die Zahl der Studienanfänger in den Ingenieurswissenschaften und den naturwissenschaftlichen Fächern, mit Ausnahme der Biologie, drastisch eingebrochen. Im Jahr 1996 zählte man in diesen Fächern nur noch halb so viele Anfänger wie sechs Jahre zuvor – und deshalb gibt es heute nicht genug Absolventen. 1995 kamen fast 4500 Elektrotechniker von den Unis, 2000 waren es nur gut 2200 Abgänger. „Viel zu wenige. Die könnten theoretisch geschlossen bei Siemens anfangen”, meint Fritz Pfisterer, Studienberater für den Fachbereich Elektro- und Informationstechnik von der Uni Stuttgart. Zwar sieht es bei den Erstsemestern dieser Studienrichtung inzwischen wieder besser aus als Mitte der neunziger Jahre (6500 Anfänger im Jahr 2000 gegenüber 4000 im Jahr 1995). Doch im Vergleich zu 1990 ist die Zahl der Erstsemester immer noch um 3000 geringer.
Im letzten Jahr machten nur 1182 Chemiker ihr Vordiplom, 1992 waren es noch rund 3700. „Das weist auf dramatisch sinkende Absolventenzahlen hin. Uns steht die Talsohle noch bevor”, erklärt Kurt Begitt von der Gesellschaft Deutscher Chemiker. Bei den Physikern und fast allen anderen ingenieurswissenschaftlichen Studiengängen sehen die Zahlen ähnlich aus. Naturwissenschaften und Technik haben goldenen Boden, sollte man angesichts dieser Zahlen meinen. Und die Hochtechnologie ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken – wie kämen wir ohne Handy, Internet, vollautomatische Waschmaschine und Navigationssystem im Auto noch zurecht? Dennoch ist ein Studium der Verfahrenstechnik genauso wenig „in” wie das der Umweltanalytik oder Physik. Warum nur?
Diese Entwicklung hat wohl mehrere Ursachen. Als Folge von Rezession und gravierenden Umstrukturierungen in der Industrie fanden sich Mitte der neunziger Jahre viele Naturwissenschaftler und Techniker statt auf vermeintlich sicheren, innovativen und gut bezahlten Arbeitsplätzen in Hightech-Firmen auf der Straße wieder. Ein solches Fiasko wollte die nächste Studentengeneration natürlich nicht auch erleben, wählte also aussichtsreichere Fächer, beispielsweise Jura. Zum anderen gelten Naturwissenschaften, vor allem die Physik, als schwierige Fächer.
„Außerdem hat sich die Grundstimmung in den wirtschaftlich hoch entwickelten Ländern wie Japan, USA und Europa in puncto Berufswahl geändert”, analysiert Prof. Joachim Treusch, Physiker und Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Jülich. „In den 60er-Jahren waren wir noch nicht gesättigt. Wir brauchten den Fortschritt zum Leben. Naturwissenschaftler waren damals hoch angesehen, denn man erwartete von ihnen, dass sie zum Fortschritt und damit zum Wohl des Landes beitragen werden. Aber heute sind wir satt und deshalb ist die Frage nach der Sinnfindung stärker als die nach dem praktischen Wohlergehen.”
Doch ein Hightech-Land wie Deutschland kommt ohne hervorragend ausgebildete Entwickler nicht aus. Deshalb versuchen Forscher wie Politiker seit gut drei Jahren, dem fatalen Trend der Abkehr von Naturwissenschaft und Technik entgegenzutreten.
Universitäten bieten Schnupperstudiengänge an. „Bei uns können Schüler Praktika machen oder als wissenschaftliche Hilfskräfte den Unialltag kennen lernen”, berichtet Pfisterer. Ausstellungen, Wissenschaftsfestivals, Wettbewerbe für Schüler aller Altersstufen sowie viele andere Aktionen im Jahr der Physik (2000) und dem der Lebenswissenschaften (2001) haben unzählige Besucher begeistert.
Forscher gehen mit ihren Experimenten auf die Straße und sie holen Kinder aus dem Kindergarten und Jugendliche kurz vor dem Abitur zum Schauen, Staunen und Experimentieren in ihre Labore. In großen und kleinen Städten „ist die Wissenschaft los” – man muss nur aufmerksam die Tageszeitung lesen, um herauszufinden, was wann los ist.
Und dabei haben die Wissenschaftler auch die Lehrer im Visier. Denn es sind oft die Lehrkräfte, die Schüler für ein Fach begeistern können – oder es ihnen total verleiden. Die Forscher veranstalten für die Lehrer spezielle Fortbildungskurse, laden sie mit ihren Klassen ins Labor ein. „Nur faszinierte Lehrer können Schüler faszinieren”, weiß Treusch.
Bei all ihren Bemühungen um Schüler und Studenten denken die Wissenschaftler nicht nur daran, Arbeitskräfte für die Industrie auszubilden. Sie wollen vor allem ihre eigenen Labore wieder beleben. Ja, die Forschung in deutschen Landen leidet besonders unter dem Absolventenmangel, denn die Industrie macht ihnen mit höheren Gehältern viele Mitarbeiter abspenstig. Zwar kann man an einer Universität, einem Fraunhofer- oder einem Max-Planck-Institut viel selbstbestimmter an seinen Projekten arbeiten, als das in der Industrie möglich ist. Aber auf der nach oben offenen Gehälterskala können Forschungseinrichtungen und Universitäten bei weitem nicht mithalten. „Ich würde meine Assistenten am liebsten wegschließen, wenn Firmenvertreter in der Uni sind”, scherzt Informatik-Professor Wolfgang Reif von der Universität Augsburg.
Doch er hat Glück: Anders als die naturwissenschaftlichen Professoren muss er sich mit diesem Problem vermutlich nicht mehr lange herumschlagen. Denn die Informatik-Studiengänge erleben derzeit einen wahren Run. Angefacht von dem Boom der Neue-Medien-Industrie sowie den politischen Aktivitäten – Stichwort Greencard für Computerexperten – stürmen Schulabgänger die Informatik-Ausbildungsstätten geradezu. Diesen Ansturm sehen aber nicht alle Experten mit großer Freude. So rät Wolfgang Reif: „Nicht jeder sollte Informatik studieren. Wer aus der Schulzeit keine wirklich fundierten Mathekenntnisse mitbringt, empfehle ich statt Kern-Informatik die so genannte Bindestrich-Informatik. Das ist beispielsweise Medien-Informatik oder E-Commerce-Informatik.”
Im Kampf um neue Studenten haben Universitäten ihre Lehrpläne umgekrempelt, neue Studiengänge kreiert. Es gibt Bachelor-Kurzstudiengänge mit Master- oder Diplom-Aufbaustudium, internationale Studiengänge in Englisch, Kombipakete aus Natur- und anderen Wissenschaften, beispielsweise Chemie und Marketing, Biologie und Informatik. Das Angebot ist schier unüberschaubar, der Schulabgänger hat die Qual der Wahl: Für was soll er sich entscheiden?
Die sehr persönliche Empfehlung von Treusch: „Sehr engagierte, neugierige Schüler sollten Physikstudium und Promotion wählen. Das sollten sie mit einem halben Zweitstudium, etwa Biologie, Informatik oder Philosophie kombinieren. Damit verbessern sich die Chancen, sollte sich der Arbeitsmarkt wider Erwarten verschlechtern. Und mit allem sollte man mit 29 fertig sein.” Ähnliche Empfehlungen gibt Kurt Begitt: „Wer sich wirklich nachhaltig für Chemie begeistern kann, Spaß am Experimentieren hat, dem lege ich ein volles Chemiestudium samt Promotion nahe. Wer nicht in Forschung oder Entwicklung arbeiten will, sollte über eine Kombination aus zwei Fächern nachdenken oder erst mal einen Bachelor machen und sich dann für das weitere Studium entscheiden.” Welche Richtung der Student auch einschlägt: Mit Naturwissenschaften oder Technik hat er derzeit die besten Chancen auf einen interessanten Arbeitsplatz.
Karin Hollricher




