Im Sommer vor zwei Jahren fiel Beth Kljajic so unglücklich von ihrem Pferd, dass ihr Schädel brach und Knochensplitter in ihr Gehirn eindrangen. Sie hatte Glück und überlebte, fast wundersam. In monatelanger Rehabilitation heilte ihr Körper, ohne bleibende Schäden. Nur eines blieb: Sie kann nicht mehr riechen. Möglicherweise rissen die filigranen Nervenbahnen, die von der Nasenhöhle zum Riechkolben führen, als ihr Gehirn beim Sturz durch den Kopf schleuderte. Vielleicht beschädigte der Aufprall auch den Bulbus olfactorius selber. Tatsache ist, dass die heute 47-Jährige es nicht riecht, wenn sie sich Parfüm aufs Handgelenk tupft. Sie riecht nicht die Speisen, die sie im Restaurant bestellt oder die Haut ihrer Kinder. Wie ein Fernseher, dessen Antenne geknickt wurde, empfängt ihre Nase statt sinnlich-bunter Signale nur graues Rauschen.
Eigentlich nicht schlimm. Oder? Beth Kljajic gesteht, dass sie nicht darauf gefasst war, wie fade ihr Leben ohne Geruchssinn sein würde, im wahrsten Sinn des Wortes. „Es ist ja nicht das Riechen alleine”, sagt sie. „Mir war nie klar, wie wenig der Mensch schmeckt – das geht alles über die Nase.” Tatsächlich kann die Zunge nur grobe Geschmacksrichtungen unterscheiden: süß, sauer, bitter, salzig. Manche Forscher zählen auch noch „umani” dazu, vom japanischen Wort für würzig-pikant. Den Rest erschnüffeln wir über die aromaangereicherte Luft, die beim Kauen über die Rachenverbindung in die Nasenhöhle steigt. Abgeschnitten von solch olfaktorischer Hilfe schmeckt Beth Kljajic etwa nicht, ob sie in frisches Brot beißt oder in eine verschimmelte Stulle. Früher eine begeisterte Feinschmeckerin, muss sich die Computerexpertin aus Chicago heute damit abfinden, dass Frittiertes à la Chicken-Nuggets der Höhepunkt ihres kulinarischen Genusses ist. Das schmeckt zwar auch blass wie Mehlpampe, „aber hat wenigstens Struktur, eine Kruste, durch die man beißen kann”, schwärmt sie. Kochen, früher ihre Leidenschaft, ist schwierig geworden. „Wie soll ich kochen, wenn ich nichts schmecke?” Nimmt sie doch gelegentlich etwas wahr, ist es oft widerlich verzerrt, so als habe jemand die Mahlzeit mit Brennspiritus getränkt. „Dann gucke ich mich am Tisch um, und die Kinder essen es. Daran merke ich, dass es an mir liegt.”
Hundertausende finden jedes Jahr auf ähnlich unangenehme Weise heraus, welch unerkannt zentrale Rolle die Nase in ihrem Leben spielte. Denn nicht nur eine Kopfverletzung kann den Geruchssinn schädigen – manchmal genügt bereits eine simple Erkältung. Weil die Geruchsneuronen direkt an der Oberfläche liegen, „sind sie allem ausgesetzt, was in die Nase steigt”, sagt Beverly Cowart vom „Monell Chemical Senses Center”. Selbst unter besten Umständen muss der Körper die Riechzellen deshalb alle 30 bis 60 Tage regenerieren, und ein Angriff durch Erkältungsviren löst oft ein regelrechten Massensterben aus. „Das kann einen langfristigen Geruchsverlust verursachen”, sagt Cowart, die viele solcher Fälle bei ihrer Arbeit sieht.
Auch Medikamente, darunter Antidepressiva, Entzündungshemmer und Antihistamine, können dem Riechen schaden, ebenso Polypen, Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson und das Einatmen von Stoffen wie Benzol, Chlor, Rauch, Metall- oder Holzstaub.
Als Forscher 102 berufsfeuerwehrleute in Chicago untersuchten, entdeckten sie, dass fast jeder Zweite von ihnen nur noch eingeschränkt geruchsfähig war – und je mehr Dienstjahre, desto größer war der Schaden. Konservative Schätzungen gehen davon aus, dass alleine in Beth Kljajics Heimat Amerika vier Millionen Menschen unter einem gestörten Geruchssinn leiden, manche Forscher sprechen sogar von 17 Millionen. In Deutschland sind es schätzungsweise zwischen einer dreiviertel Million und zweieinhalb Millionen Menschen. „Und diese Zahlen werden steigen, je greiser unsere Gesellschaft wird”, schreibt der Chicagoer Geruchsarzt Alan Hirsch. Denn bei alten Menschen, bei denen nach Jahrzehnten der Viren- und Schadstoffattacken auch noch der normale Verschleiß dazukommt, versagt oft das Riechorgan. „In der Bevölkerungsgruppe der über 65-Jährigen leidet die Hälfte unter olfaktorischen Defiziten, bei den über 80-Jährigen sind es drei Viertel”, so Hirsch. Oft büßen die Senioren ihren Geruchssinn so allmählich ein, dass sie es lange Zeit nicht bemerken.
Eine Störung in der Nase muss jedoch nicht zwangsläufig bedeuten, dass die Riechkraft nachlässt. Je nachdem, wo im komplexen Prozess der Fehler liegt, kann es auch vorkommen, dass ein Betroffener plötzlich „falsch” riecht – eine Erdbeere mag für ihn duften wie Haarspray. Oder er halluziniert Gerüche. Andere Geruchskranke riechen auf einmal „zu gut”, ein Phänomen, das die Ärzte „Hyperosmie” nennen. Solche Überempfindlichkeiten treten zum Beispiel bei Epileptikern und Migränekranken oder nach manchen Vergiftungen auf. Auch Schwangere riechen zum Teil außerordentlich gut. Hirsch erinnert sich an einen extremen Fall, eine Frau, deren Geruchssinn auf die 100000-fache Sensibilität des menschlichen Durchschnitts schnellte. „Ihre Nase wurde so empfindlich wie die einer Kakerlake, sie konnte riechen, wo jemand gesessen oder gestanden hatte”, sagt der Arzt. So unerträglich seien der Frau die Gerüche des Alltags geworden, dass sie sich in ihrem Haus verbarrikadiert habe. Doch auch ein weniger spektakulärer Geruchsverlust belastet Leib und Seele. Überdurchschnittlich viele Betroffene entwickeln Depressionen, wenn weder Lilien noch Duschgel Duft verströmen und selbst Kaffee so fad riecht und schmeckt wie Wasser. Jedes Jahr würden zudem Häuser in die Luft fliegen, warnen Experten, weil ein Senior nicht gerochen hätte, dass die Gasleitung leckte. Viele Geruchskranke essen unwissentlich verdorbene Lebensmittel oder treiben ihren Blutdruck in schwindelerregende Höhe, weil sie beim verzweifelten Haschen nach Geschmack ihr Essen übersalzen. Oder sie magern gefährlich ab, weil ihnen schlicht der Appetit vergeht.
Dennoch nehmen viele Mediziner das Problem bislang nicht ernst, klagen Betroffene und Experten. Hirsch, einer der wenigen Spezialisten auf dem Gebiet, stellte fest, dass viele seiner Patienten durch „11 bis 18″ Praxen irrten, bevor sie zu ihm fanden. „Die Ärzte kümmern sich oft nicht um Geruchsverlust, weil er nicht lebensgefährlich erscheint”, sagt auch Beth Kljajic, die heute bei Hirsch in Behandlung ist.
Allerdings können auch die Spezialisten oft wenig tun. Steroide und Operationen bringen manchmal Besserung, doch „ wirklich verlässlich hilft eigentlich nichts”, gesteht Cowart vom Monell-Institut. Oft bleibt den Betroffenen nichts übrig, als abzuwarten und zu hoffen. Ging der Geruchssinn etwa durch eine Erkältung verloren, erholt sich die Nase bisweilen innerhalb von zwei Jahren von alleine – allerdings nur in zwei Dritteln der Fälle. Bei Kopfverletzungen sieht die Statistik noch düsterer aus.
Beth Kljajic bemüht sich derweil, die guten Seiten zu sehen: „ Früher habe ich immer mit meinem Mann geschimpft, wenn er furzte.”
Ute Eberle




