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bild der wissenschaft: Herzlichen Glückwunsch zum soeben erhaltenen Ehrendoktortitel der Freien Universität Berlin, Profes-sor Diener! Was hat Sie in Ihrer langjährigen Forscherkarriere am intensivsten beschäftigt?
Ed Diener: Biografien und Langzeitdaten. Denn die Worte, die Leute wählen, wenn sie über ihr Leben schreiben, sagen etwas über ihre Zukunft aus. Wer seinen Lebenslauf zuversichtlich formuliert, lebt länger. Das klingt irre, wurde durch unsere Untersuchungen aber vielfach bestätigt. Ähnlich entlarvend ist das Lächeln. Unsere Analysen legen nahe, dass man an der Häufigkeit des Lächelns ablesen kann, ob jemand eher geschieden wird, ob er häufiger als andere eine Kündigung erhält oder im Krankenhaus landet.
Das müssen Sie näher erklären.
Personen, die auf den Jahresabschlussfotos ihrer Schulklasse lächeln, leben länger, heiraten später, sind glücklicher verheiratet und werden weniger oft geschieden. Es gibt auch eine Studie mit Profi-Baseballspielern und deren Fotos. Jene, die häufiger auf den Bildern lächelten, lebten länger.
Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass die von Ihnen gefundenen Zusammenhänge wirklich auf das persönliche Glücksempfinden zurückgehen?
Sie meinen, es könnte beispielsweise auch am Einkommen liegen, dass jemand glücklicher wirkt? Das haben wir natürlich überprüft. Dabei zeigte sich, dass glückliche Menschen auch dann länger als andere leben, wenn sie ein nur unterdurchschnittliches Einkommen haben. Vielleicht sind sie ja gesünder, könnte man überlegen. Also haben wir Ärzte befragt. Ergebnis: Unabhängig vom Gesundheitszustand leben jene länger, die viel lächeln und glücklich über sich schreiben. Das wissen wir aus Langzeitstudien, in denen die Mediziner die Gesundheit der Testpersonen einschätzten und diese selbst ihre Zufriedenheit beurteilten. Wenn wir Faktoren wie Alter, Einkommen und Gesundheit einbeziehen, leben jene länger, die sich als glücklicher empfinden.
Es könnten sich doch viele Einflussfaktoren addieren und dann in der Summe den Glückszustand eines Menschen ausprägen.
Wir prüfen in der Tat alles Erdenkliche. Und doch bleibt immer ein extrem starker Zusammenhang zwischen positiven Emotionen und langfristiger Lebensqualität. Ich war am Anfang auch sehr skeptisch. Es gibt so viele Leute, die behaupten, man müsse nur positiv denken, dann werde man glücklich. Ich hielt sie für unverbesserliche Optimisten. Aber in den letzten fünf Jahren haben sich die von uns gefundenen Zusammenhänge zusehends erhärtet. Unsere wissenschaftlich fundierten Untersuchungen zeigen: Wenn jemand starke positive Gefühle hat, und man infiziert ihn mit einem Erkältungsvirus, wird der Glückliche nicht in dem Maß krank wie der Unglückliche. Der Glückliche hat mehr Antikörper im Blut und weniger Schleim in der Nase.
Wenn das individuell empfundene Glück die Lebensdauer beeinflusst, ist dann Gesundheitsvorsorge ein Hirngespinst?
Nein. Diese Daten dürfen Sie nur statistisch interpretieren, sie gelten für die Masse – der Lebensverlauf des Einzelnen ist demgegenüber individuell verschieden. Im Übrigen kann man auch etwas dafür tun, um glücklicher zu werden.
Was denn?
Zum Beispiel dankbar gegenüber Mitmenschen sein, Ihnen posi- tive Dinge sagen, sie loben. Dann sagen die anderen wiederum Positives zu uns. Wir wissen, dass sich Glück über soziale Netz- werke verbreitet. Fakt ist allerdings auch, dass das bekannteste soziale Netzwerk, die Familie, oft von einer Negativspirale beherrscht wird, von Vorwürfen nach dem Motto: „Du hast wieder den Müll nicht ausgeleert. Du hast wieder nicht abgespült.” Das ließe sich aber leicht in eine positive Spirale ändern, indem man die seltenen Ausnahmen hervorhebt: „Hey Darling, vielen Dank, dass du abgespült hast.”
Wie kann man das persönliche Glück noch beeinflussen?
Es ist enorm wichtig, eine Arbeit zu haben, die man mag. Viele wählen ihren Job nur wegen des Geldes. Das ist ein großer Fehler. Ich höre oft: „Endlich Freitag!” Das ist traurig. 40 Stunden die Woche und mehr sind wir bei der Arbeit – einen Großteil des Lebens. Seinen Traumberuf zu realisieren, gelingt jedoch nur wenigen. Natürlich darf man Einkommen und Arbeitsmarkt nicht ignorieren. Doch man sollte diese Aspekte auch nicht über alle anderen stellen. Vielleicht gelingt es einem im Laufe der Zeit ja doch, den Traumjob zu ergattern.
Arbeitsinhalte und eine positive Lebenseinstellung machen also glücklich. Wie sieht es mit Lebensentwürfen aus – mit Klassikern wie Ehe und Familie zum Beispiel?
Die meisten unserer Studien haben ergeben, dass Kinder die Menschen, die sie gezeugt haben, nicht glücklicher gemacht haben. Auch die Ehe erzeugt keine ewig währende positive Stimmung: Nach der Hochzeit – wenn die Euphorie verflogen ist – kehren die Menschen zu ihrem ursprünglichen Glückslevel zurück. Auch das ergaben unsere Studien. Andere Forscher fanden allerdings heraus, dass Verheiratete doch ein bisschen glücklicher sind als zuvor. Das letzte Wort ist hier also noch nicht gesprochen. Mit Gewissheit sagen können wir allerdings, dass Menschen, die nie verheiratet waren, ein bisschen weniger glücklich sind als der Durchschnitt der Verheirateten.
Wie wichtig ist das Einkommen?
Auf die Zufriedenheit der Armen hat das Einkommen einen großen Einfluss. Bei reicheren Menschen hat es nur noch einen sehr kleinen Effekt. Ob man im Jahr 100 000 Euro oder 120 000 Euro zur Verfügung hat, ist nicht ausschlaggebend für ein dauerhaft positives Gefühl. Was sich allerdings negativ auswirkt, ist Materialismus. Geld mehr zu wollen als Liebe, macht definitiv unglücklicher. Deshalb empfehle ich: Kümmern wir uns weniger um Geld und mehr um Sozialkontakte.
Welche Rolle spielen individuelle Bedürfnisse?
Meine Frau zum Beispiel liebt ihre Familie viel mehr als ihre Arbeit, obwohl sie gerne als Anwältin und forensische Psychologin tätig ist. Sie wäre aber noch glücklicher, wenn wir in der gleichen Stadt wie unsere Enkel wohnen würden. Mir dagegen reicht es, meine Enkel alle ein, zwei Monate zu sehen, ein häufigeres Treffen würde meinen Glückspegel nicht steigern. Die Bedürfnisse der Menschen für Sozialkontakte sind eben verschieden. Wir haben in der Forschung lange gebraucht, um die Bedeutung der individuellen Bedürfnisse zu erkennen, weil wir so viel Zeit darauf verwendet haben, den Durchschnitt zu erfassen.
Wie beeinflusst denn das kulturelle Umfeld diese individuellen Bedürfnisse?
Sozialer Zusammenhalt scheint universell wichtig zu sein. Beim Selbstwertgefühl sieht es dagegen anders aus. In den USA ist das ein guter Indikator für die Zufriedenheit. Indische Frauen sagen dagegen, wenn es ihren Söhnen gut geht, fühlen auch sie sich gut. Über ihren Selbstwert haben sie dagegen oft gar nicht nachgedacht. Die Gruppenzugehörigkeit ist in Indien und in den USA wichtig für das Glücksempfinden. Doch anders als in Indien steigt das Selbstwertgefühl in den USA, wenn man aus der Gruppe herausragt.
Welche Rolle spielt die Religion?
Die meisten Studien sagen, dass religiöse Menschen glücklicher sind. Doch wenn es den Menschen gut geht, werden sie auch ohne Religion glücklich. In Schweden sind nur 15 Prozent Kirchgänger, aber die Menschen dort sind ziemlich glücklich. Unsere aktuelle weltweite Erhebung – die wir demnächst veröffentlichen – offenbart, dass Religion dann zum Glücklichsein verhilft, wenn es den Menschen schlecht geht. In den USA zeigt sich dieser Effekt auf der Ebene der Bundesstaaten: Die Staaten im Süden mit der größten Armut, der höchsten Rate von Jugendschwangerschaften, der höchsten Arbeitslosenquote und vielen anderen Problemen, haben die höchste Rate an Religiosität. Fromme Bürger sind dort zwar glücklicher, aber sie sind nicht ganz so glücklich wie die Menschen in Bundesstaaten mit einer höheren Lebensqualität.
Gibt es Unterschiede im Glückslevel der verschiedenen Kulturen?
Dänen zum Beispiel sind sehr viel glücklicher als der durchschnittliche Mensch in Simbabwe. In Simbabwe leiden viele Menschen Hunger und haben keine Arbeit. Außerdem kann man niemandem trauen, Korruption ist weit verbreitet. Grundlegende Bedürfnisse werden also nicht befriedigt. In Dänemark denken weniger als 20 Prozent, dass die Regierung korrupt ist. Man kann den Mitmenschen vertrauen und ist dadurch insgesamt glücklicher.
Sie nennen Bestechlichkeit als einen Einflussfaktor für Glück. Ist das wirklich so wichtig?
Auf jeden Fall. In korrupten Gesellschaften sind die Leute deutlich unzufriedener.
Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Korruption sind Faktoren, die der Einzelne kaum beeinflussen kann.
Das Streben nach Glück wurde immer individualistisch betrachtet. Ich sage: Positiv denken allein reicht nicht. Ein wichtiger Beitrag zum Lebensglück kommt aus der Gesellschaft und hat mit Politik zu tun: Umweltverschmutzung, lange Fahrtwege, die Organisation der Lebensräume – all das ist auch entscheidend. In Amerika sind die Städte sehr schlecht organisiert, die Menschen haben weite Wege zur Arbeit. Das macht nachweislich unglücklicher. Grünflächen, unbeschädigte Natur machen dagegen glücklicher. Das heißt: Die politische Weichenstellung einer Gesellschaft ist mitbestimmend für das Glück des Einzelnen.
Brauchen wir Demokratie für unser Wohlbefinden?
Der Züricher Ökonom Bruno Frey geht davon aus. Nach seinen Studien zu schließen, geht Glück jedenfalls oft mit Demokratie einher. In Diktaturen leben auf jeden Fall viele verzweifelte Menschen. Aber es gibt auch Staaten wie Singapur, die nicht durch und durch demokratisch sind, und trotzdem sind die Leute dort recht zufrieden. Das muss man sich nochmal genauer anschauen, finde ich.
Sollten Staatschefs Glücksforscher um sich haben?
Unsere Ratschläge sind bereits zu den Politikern durchgedrungen. Barack Obama hat Leute um sich, die im Bereich der Glücksforschung gearbeitet haben. Da hat sich in den letzten 20 Jahren viel getan. Früher hassten die Ökonomen das Gerede von der Lebenszufriedenheit. Auch in den damaligen deutschen Befragungen fehlte dieser Parameter. Jetzt wird die Lebenszufriedenheit nach dem Einkommen am zweithäufigsten abgefragt. Die OECD will sogar Glücksindikatoren in ihre Länderstatistiken aufnehmen.
Wie erklären Sie sich das?
Weil Ökonomie nicht die ganze Geschichte erzählt. Anhand von Daten des Berliner Sozio-oekonomischen Panels kam heraus, dass Luftverschmutzung die Lebenszufriedenheit mindert, und das wirkt sich wieder auf die Ökonomie aus. Auch soziales Kapital und Vertrauen in die Gesellschaft sind wichtig für das Glück. Und sie sind wiederum entscheidend dafür, wie prosperierend eine Gesellschaft ist. Mit der Ermittlung der Lebenszufriedenheit können Ökonomen ihre Modelle verbessern. Mein großes Ziel ist es, Politikern Methoden an die Hand zu geben, damit sie herausfinden können, durch welche Maßnahmen sich die Lebenszufriedenheit erhöhen lässt. ■
Das Gespräch führte Susanne Donner Prof. Dr. Ed Diener
Ohne Titel
wurde 1946 als jüngstes von sechs Kindern im kalifornischen Glendale geboren. Sein Vater war Landwirt und schickte ihn zum Agrarstudium aufs College. Gegen dessen Willen nahm Diener jedoch ein Psychologiestudium in Fresno auf. Zunächst forschte er über die Ursachen der Aggression, schwenkte aber bald auf die Glücksforschung um und ging an die University of Illinois, wo er bis 2008 Professor war. Diener untersucht, wie sich Glück messen lässt und welchen Einfluss darauf Persönlichkeit und Umfeld haben – etwa die Familie (im Bild: Diener mit seinen Enkelkindern). Der Psychologe, der auch als „Dr. Happy” bekannt ist, arbeitet heute für die Gallup Organization, eines der führenden amerikanischen Meinungsforschungsinstitute.
Glück ist beständig
In einer Langzeituntersuchung wurden 853 Erwachsene in Deutschland zwischen 25 und 64 Jahren nach ihrer Lebenszufriedenheit gefragt. Der hohe Anteil der Befragten mit gleichbleibender Zufriedheit (graue Kurve) ging mit der Zeit nur leicht zurück. Die Forscher schließen daraus: Das in Kindheit und Jugend erreichte Glückslevel lässt sich kaum ändern. Nur etwa fünf Prozent der Befragten wurden im Lauf der Jahre deutlich zufriedener (pink). Bei etwas mehr Menschen nahm die Zufriedenheit mit dem Alter wesentlich ab (schwarz).





