Rufschädigung und Beleidigung sind Alltag im Internet. Einmal im Netz veröffentlichte Daten sind kaum wieder zu löschen.
„Das Internet ist ein großer Misthaufen, in dem man allerdings auch kleine Schätze und Perlen finden kann”, sagte Computer- und Internet-Vordenker Joseph Weizenbaum in einem Vortrag im Mai 2001. Über die Gewichtung kann man streiten: Ist das Internet tendenziell schlecht oder gut?
Da wäre etwa die Webseite „Rache an der Ex”, die mit diesem Satz wirbt: „Wenn du gutes Film- oder Bildmaterial von ihr hast, um sie damit so richtig bloßzustellen, dann solltest du es uns unbedingt per Mail einsenden, wir veröffentlichen es garantiert und anonym.” Mit „ihr” ist die Ex-Freundin gemeint. Und das „gute Film- und Bildmaterial” bezieht sich wohl hauptsächlich auf private Sexaufnahmen. Das ist der klassische Fall von Rufschädigung: Der brüskierte Mann stellt Bilder und Videos der Ex-Freundin ins Internet. Oder das Internetportal „Rotten Neighbour”, auf der Nachbarn über Nachbarn schreiben. Da ist von „ Stasi-Oma”, „der Geliebten des Chefs, die nur auf sein Haus scharf ist” und von „Studenten-Dealern” die Rede. Alles öffentlich, alles unzensiert. Und per digitalem Stadtplan Google Maps ist jedem Kommentar eine eindeutige Adresse zugeordnet – die des „Rotten Neighbour”, des fiesen Nachbarn.
Verleumdung, Denunziantentum, Rufschädigung, Beleidigung, Beschimpfung, Mobbing – das Internet macht’s möglich. Ob auf populären Seiten wie „Youtube” oder versteckten Schmuddel-Foren wie „Rache an der Ex”: Die Hemmschwelle, Beleidigungen in Wort und Schrift oder intime Daten wie Sexvideos und Erotikbilder zu veröffentlichen, ist gering, schließlich geschieht das in aller Regel anonym.
Problem: Seiten ohne Impressum
Doch gibt es einen wichtigen Unterschied, ob die rufschädigenden Angaben auf einer eigentlich seriösen Webseite veröffentlicht werden oder auf irgendeinem Hinterhof-Webportal. Denn ist der Betreiber einer Webseite bekannt, kann er kontaktiert werden mit der Bitte, diejenigen Daten zu löschen, die in der Öffentlichkeit nichts zu suchen haben. Das klappt in der Regel gut, sind ja auch die Webseiten- und Forenbetreiber um ihren guten Ruf bedacht, schon gar, wenn sie mit Werbeanzeigen Geld verdienen. Wenn die Beleidigungen jedoch auf einer Website ohne Impressum – und dementsprechend ohne bekannten Verantwortlichen – veröffentlicht sind, wird es schwierig, die Daten zu löschen.
Jede kleinste Spur über seine Person im Internet zu verwischen ist schon deshalb ein Problem, weil das Internet nichts vergisst. „Das Internet ist ein komplexes, verknüpftes System. Wie sich die Daten darin verteilen, ist nur sehr schwer überschaubar”, sagt Andreas Poller vom Darmstädter Fraunhofer-Institut für Sicherheit in der Informationstechnologie. Einmal im Netz veröffentlichte Daten können überall und nirgends sein, je nachdem, wie oft sie kopiert werden. Und es gibt Einrichtungen, die die meisten Webseiten und deren Inhalte archivieren.
Wie oft es im Internet zu Rufschädigung, Verleumdung und Beleidigung kommt, ist schwer zu sagen. Es passiert aber doch so oft, dass es inzwischen Unternehmen gibt, die ihr Geld damit verdienen, rufschädigende Angaben in Wort, Bild und Video im Netz zu finden und dafür zu sorgen, dass sie gelöscht werden. Dafür kontaktieren sie entweder direkt den Betreiber der Webseite, auf der die Daten veröffentlicht sind, oder – falls die Seite anonym betrieben wird – „sichern die Beweise”, etwa in Form von Screenshots, die dann Polizei und Anwälte weiter verwerten können. Auch das Webportal Internetvictims hat sich auf Rufschädigung und Verleumdung spezialisiert. Es bietet zum Beispiel ein Forum und eine Anwaltsdatenbank. Die angebotenen Dienstleistungen klingen auf den ersten Blick einleuchtend: Die finden und löschen alles über mich im Netz, was da nicht hingehört. Doch helfen solche Dienste wirklich? Nicht nur Jochen Mai, Journalist bei der „Wirtschaftswoche”, hat Zweifel: „Leider sind die neuen Online-Dienstleister mit nachprüfbaren Erfolgen mehr als sparsam.” ■
Konstantin Zurawski, ehemaliger bdw-Praktikant, hat Technikjournalismus studiert. Das Internet war das Thema seiner Diplomarbeit.
von Konstantin Zurawski





