Trotz vieler Programme und Projekte fehlt Deutschland eine Technologiepolitik aus einem Guss, bemängelt der Saarbrücker Wirtschaftsinformatiker August-Wilhelm Scheer.
bild der wissenschaft: Sie sind als Universitätsprofessor und als Unternehmensgründer erfolgreich, haben inzwischen viele Auszeichnungen dafür bekommen, sind Innovationsberater bei Bund und Land. Was muss die neue Bundesregierung tun, damit Deutschland wieder ein High-Tech-Land der ersten Kategorie wird?
SCHEER: Forschung ist die Transformation von Geld in Wissen – das hat schon der österreichische Ökonom Schumpeter vor 80 Jahren gesagt. Dazu braucht man Institute, die Wissen produzieren – in Fachkreisen heißt das Invention –, und man braucht Einrichtungen, die Wissen wieder in Geld transformieren – das nennt man Innovation. Ersteres funktioniert bei uns, Letzteres nicht, weil zwischen diesen Welten immer noch ein Graben liegt.
bdw: Wieso ein Graben? Aus der Wissenschaft höre ich, der sei überwunden.
SCHEER: Um aus einem Forschungsprototypen ein Produkt zu machen, reicht es nicht, ein Unternehmen zu gründen, sondern man muss es auch in den internationalen High-Tech-Märkten erfolgreich positionieren. Nur wenn dies gelingt, kann der Kreislauf geschlossen werden: Geld zu Wissen und Wissen wieder zu Geld zu machen, um von diesem neuen Geld etwas in die Forschung zurückzugeben. Obwohl Unternehmensgründungen in Deutschland inzwischen vom Bundespräsidenten bis hin zu den kleinsten Sparkassen unterstützt werden, haben wir es nicht geschafft, genügend Neugründungen zu internationalem Erfolg zu verhelfen. Deshalb verzeichnen wir auch einen Ausverkauf von zukunftsträchtigen Unternehmen an ausländische Investoren.
bdw: Sie haben nicht verkauft und tanzen jetzt selbst auf internationalem Parkett. 1996 hatte die IDS Scheer 350 Mitarbeiter, und Sie nannten als Ziel mindestens 1000. Inzwischen beschäftigen Sie 2400 Menschen und nennen als Ziel 5000 Mitarbeiter. Verraten Sie Ihr Erfolgsrezept?
SCHEER: Dass uns dieser Sprung gelungen ist, liegt an unserem Unternehmensprofil, das uns von anderen unterscheidet. So spielen bei uns Produkte und Beratung eine gleich wichtige Rolle, was in der Software-Branche selten ist. Dann haben wir mit Aris ein Produkt, das vom Namen her genauso bekannt ist wie die Firma. Weiterhin haben wir uns früh internationalisiert. Das machen viele junge deutsche Unternehmen nicht, weil dort fälschlich angenommen wird, dass der deutschsprachige Raum für ein neu gegründetes Unternehmen groß genug sei. Hinzu kommt, dass es unser Basisgeschäft ist, Geschäftsprozesse zu optimieren – ein Ansatz, der in Unternehmen mehr denn je gefragt ist. Und wir arbeiten eng mit SAP zusammen, haben damit einen großen Partner, der uns weltweit die Tür öffnet.
bdw: Was ist der spezielle Kick von Aris?
SCHEER: Die Informationstechnik bereichert die organisatorische Fähigkeit des Menschen durch eine völlig neue Dimension. So kann man einen Auftrag von der Entstehung bis zum Mahnwesen lückenlos dokumentieren und jederzeit den Stand der Dinge abrufen. Anders als früher brauchen dazu die Abläufe nicht mehr zerschnitten und in unterschiedlichen Abteilungen angesiedelt zu werden, die schon untereinander Verständigungsprobleme haben, was deshalb zu Verzögerungen führt. Mehr noch: Auch die organisatorische Abwicklung über die Unternehmensgrenze hinweg wird einfacher und schneller. Unser spezieller Kick ist: Wir haben Methoden entwickelt, die diese Prozesse beschleunigen und hatten durch unsere Beratung vom ersten Tag an Kundenkontakte und damit Einnahmen, um unsere Produkte ohne Fremdmittel zu finanzieren.
bdw: Mit 64 Jahren gehören Sie einer Generation an, die in Deutschland nicht zur Speerspitze der Informationstechnologie gezählt wird.
SCHEER: Formal bin ich zwar Diplom-Kaufmann. Doch ich war in Hamburg einer der ersten Studenten, der Programmieren gelernt hatte und während des Studiums Programme schrieb – damals war das eine Art schwarze Kunst, in der sich nur wenige auskannten. Daneben habe ich mich für Mathematik und Psychologie interessiert. Anschließend war ich Assistent in einem Institut für Operations Research, habe dort promoviert und habilitiert, mich mit mathematischer Entscheidungsforschung beschäftigt und sehr viel mit dem Computer gearbeitet. Die IDS Scheer habe ich im Alter von 43 Jahren ins Leben gerufen, habe aber meine Position als Wirtschaftsinformatiker an der Universität Saarbrücken gleichwohl beibehalten.
bdw: Als Hochschullehrer und Unternehmer wissen Sie sicher, dass es selbst in Deutschland Fachgebiete gibt, in denen der Austausch zwischen Hochschule und Industrie zum Wohl der Volkswirtschaft hervorragend funktioniert: die Ingenieurwissenschaften und die Chemie. Warum also nicht einfach übertragen, was dort gut geht?
SCHEER: Genau da müssen wir endlich anknüpfen. Die Technischen Universitäten sind am Ende des 19. Jahrhunderts ja nur entstanden, um die Industrie voranzubringen, um Ausbildungsstätten für die benötigten Ingenieure und Chemiker zu schaffen. Es reicht nicht, ein Jahr der Innovation auszurufen und nette Events zu kreieren, bei denen schöne Reden gehalten werden, sondern der Ankündigung müssen Taten folgen. Beispielsweise könnte der Bundeskanzler dafür sorgen, dass mehr erfolgreiche Unternehmer im Ausland bekannt werden, wenn er bei seinen Auslandsreisen nicht nur Konzernvorstände, sondern vor allem erfolgshungrige Jungunternehmer mitnehmen würde.
bdw: Das allein wird es nicht richten.
SCHEER: In der Forschung sind wir immer noch gut. Bei Patenten sind wir auch engagiert. Beim Unternehmertum wird es schon schwieriger, weil die Hochschulen nicht unternehmerisch denken, sondern risikoscheu agieren. Auch Hochschulprofessoren sind im Normalfall nicht dem Risiko zugeneigt, die meisten beschäftigen sich mit Besitzstandswahrung in ihrer Lebenszeitstellung. Überdies fehlt uns eine breite Begeisterung für neue Technologien. In Frankreich wurde der Erstflug des Airbus A380 volksfestartig gefeiert – in Deutschland prägen dagegen Bürgerinitiativen gegen die Ausweitung der Airbus-Landebahn in Hamburg die öffentliche Wahrnehmung. Unser Hauptproblem ist, kein Konzept für eine übergreifende Forschungs- und Innovationspolitik zu haben. Mal diskutieren wir über Eliteuniversitäten, mal über Programme zur Neugründung von Unternehmen. Wenn wir aber der Elite in Deutschland keine adäquaten Arbeitsplätze bieten oder die Gründungen ein paar Jahr später vor allem die Pleite-statistik bereichern, haben wir mit solchen Vorstößen nichts gewonnen.
bdw: Was empfehlen Sie?
SCHEER: Es wäre besser, nicht ständig über Wohl und Wehe der Forschung zu diskutieren, sondern beispielsweise ein Programm aufzulegen, das 100 High-Tech-Unternehmen in fünf Jahren zu einem Umsatz von je 100 Millionen Euro verhilft. Also ein Programm 100 mal 100. Unternehmen mit einem solchen Umsatz sind vital genug, um junge Menschen in großer Breite für eine Karriere zu motivieren. Dadurch würden gute Ideen und beachtliche Innovationen entstehen, die unsere Volkswirtschaft merklich beleben. Ein solches Konzept muss Ministerium übergreifend unterstützt werden. Und es müssen von der Politik Vorgaben gemacht werden, in welchen Gebieten bis wann welche Weltmarktposition erreicht werden soll. Dass so etwas in kurzer Zeit hinzubringen ist, haben die Finnen, die Iren, die Südkoreaner, die Inder, die Chinesen vorgemacht – selbst Österreich hat uns inzwischen beim Bruttoinlandsprodukt je Einwohner überholt. Solange allerdings der Forschungsminister im Kabinett am Katzentisch sitzt, wird sich bei uns herzlich wenig ändern.
Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer
hatte von 1975 bis Februar 2005 den Lehrstuhl für Betriebswirtschaft und Wirtschaftsinformatik an der Universität des Saarlandes inne. Der gebürtige Westfale (Jahrgang 1941) gründete 1984 die IDS Scheer, ein Unternehmen zur Optimierung von Geschäftsprozessen durch Datenverarbeitung. Heute hat das Unternehmen mit Sitz in Saarbrücken weltweit mehr als 2400 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von 300 Millionen Euro. Der mehrfache Ehrendoktor Scheer engagiert sich seit Jahren für den Standort Deutschland. Durch seine pointierten Äußerungen stößt er vor allem bei Professorenkollegen häufig auf Kritik.
Das Gespräch führte Wolfgang Hess ■





