Die Covid-19-Pandemie hat zahlreiche neue Verschwörungstheorien hervorgebracht: Ohne handfeste Beweise und oft entgegen aller zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Evidenz behaupten diese zum Beispiel, die Pandemie sei von langer Hand geplant worden, um bürgerliche Freiheiten abzuschaffen, die Impfungen dienten ihn Wahrheit dazu, Menschen heimlich Mikrochips zur Überwachung einzupflanzen, oder das Virus werde über den Mobilfunkstandard 5G übertragen.
Vorstellungen zum Wesen von Wissen
„Einige Menschen schenken Fake News Glauben, selbst wenn die wissenschaftlichen Fakten eindeutig dagegensprechen“, sagt Erstautor Jan Philipp Rudloff von der Universität Würzburg. „Wir wollten wissen, warum das so ist und welche Rolle dabei Vorstellungen über das Wesen von Wissen und Fakten spielen.“ Zudem interessierte die Forscher, wie diese Vorstellungen mit der Persönlichkeit zusammenhängen, insbesondere mit sogenannten „dunklen“ Persönlichkeitsmerkmalen. Darunter versteht man in der Psychologie narzisstische, psychopathische, egoistische und manipulative Charakterzüge.
Um herauszufinden, wie Persönlichkeitsmerkmale und die Vorstellung von Wissen zusammenspielen und welcher Zusammenhang zum Glauben an Fakenews besteht, führten Rudloff und seine Kollegen vier aufeinanderfolgende Studien durch, bei denen sie jeweils mehrere hundert Personen aus den USA oder Deutschland baten, einen Onlinefragebogen auszufüllen. Darin wurden die Teilnehmer unter anderem gefragt, wie stark sie bei der Bewertung von Informationen ihrem Bauchgefühl vertrauen, wie wichtig ihnen handfeste Beweise sind und inwieweit sie annehmen, dass scheinbare Fakten von Politik, Wissenschaft und Medien nach eigenen Interessen konstruiert werden.
„Wir fassen diese Aspekte auch unter dem Begriff ‚epistemische Überzeugungen‘ zusammen“, erklärt Rudloff. Epistéme stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Erkenntnis“ oder „Wissen“. In der Psychologie geht man davon aus, dass sich epistemische Vorstellungen während Kindheit und Jugend entwickeln und verfestigen. Kinder in vielen Punkten nur schwarz oder weiß sehen, lernen sie mit der Zeit zu differenzieren und dabei unterschiedliche Meinungen als gleichwertig zu sehen. „Irgendwann lernen wir dann im besten Fall, unterschiedliche Positionen zu bewerten“, sagt Rudloff. „So nach dem Motto: Es gibt ja unterschiedliche Meinungen, aber manche lassen sich besser belegen als andere.“ Diesen Schritt scheine aber nicht jeder zu gehen.
Wahr oder falsch?
In ihrer Studie erhoben die Forscher in ihrem Fragebogen auch, wie stark „dunkle“ Persönlichkeitsmerkmale bei den Probanden ausgeprägt waren, wie sehr sie also darauf bedacht sind, eigene Interessen durchzusetzen – wenn nötig auch auf Kosten anderer. „Jeder ist bis zu einem bestimmten Grad eigennützig“, erklärt Rudloff. „Problematisch wird es, wenn diese Fixierung aufs eigene Wohl so stark ist, dass dabei das der Mitmenschen keine Rolle mehr spielt.“ Das Ergebnis: „In unserer ersten Studie mit 321 Teilnehmern aus den USA fanden wir erste Belege dafür, dass Personen, bei denen dunkle Persönlichkeitsmerkmale stärker ausgeprägt sind, eher zu postfaktischen epistemischen Überzeugungen neigen“, berichten die Forscher.





