24. MÄRZ 2009. Um 10 Uhr beginnt der eintägige Kongress „ Zukunft gestalten – angewandte Mathematik”. Nach den Begrüßungsworten von BMBF-Ministerin Annette Schavan wird Hans-Jörg Bullinger zu den 300 Teilnehmern sprechen – steht im Programm. Kurz vor zehn betritt Bullinger, schwarz-graue Kombination, weißes Hemd, dezent gemusterte Krawatte, die Hauptrepräsentanz der Telekom an der Französischen Straße in Berlin, den Ort des Geschehens. Bullinger nimmt in der ersten Reihe Platz, neben einer Frau, die ich nicht kenne. Sie entpuppt sich als erste Rednerin, professionell eingeführt von der Fernsehmagazin-Moderatorin Inka Schneider. „Die Bundesministerin Annette Schavan lässt grüßen”, sagt Cornelia Quennet-Thielen – und sich von ihr, der Staatssekretärin, vertreten. Bullinger hat solche kurzfristigen Rochaden bei Politikern schon häufig erlebt. Er will sich dazu nicht äußern. Kurz vor halb elf tritt er ans Pult und erläutert, warum Mathematik wichtig für die Zukunftsbewältigung ist. Der Fraunhofer-Präsident und Professor für Arbeitswissenschaft kommt darauf zu sprechen, was man mit einer guten mathematischen Ausbildung alles machen kann. Die Entwicklung des Weltmusikstandards mp3 – von Fraunhofer-Forschern ersonnen – nennt er als Beispiel. Bullinger präsentiert seine Power-Points professionell. Charts, die so wirken, als seien sie speziell für diese Veranstaltung geschaffen – wenn sich auch im Verlauf der zweitägigen Tour zeigt, dass sich einiges wiederholt.
Anders als die Staatssekretärin hält er seinen Vortrag frei, und anders als die meisten Professoren verbindet er die Folienpräsentation mit Emotionen: Er kommt auf den Ingenieurmangel und den generellen Mangel an Naturwissenschaftlern zu sprechen und auch auf den an Studienanfängern in Mathematik. Deutschland hinkt hier hinter dem OECD-Schnitt her, belegen seine Grafiken. Unterbrochen wird sein Vortrag immer wieder von originellen Einschüben, die Schmunzeln auslösen, oft sogar Lacher. Etwa indem sich Bullinger – der 65-Jährige – zur Altersgruppe „30 plus”zählt. Oder indem er den mp3-Standard mit Orangensaftkonzentrat vergleicht. Wie das Konzentrat mit Wasser versetzt wieder einen wohlschmeckenden Saft ergebe, könne der Mensch bei Musik- und Sprachaufnahmen gegenüber der tatsächlichen Klangfülle mit deutlich reduzierten Signalen auskommen, ohne dass sein Hörgenuss leide. Plötzlich ist er mittendrin, seine Fraunhofer-Gesellschaft vorzustellen und das breite Themenspektrum, das dort bearbeitet wird: Energie, Gesundheit, Sicherheit, Kommunikation, Umwelt, Mobilität – also alles, was die ganze Gesellschaft berührt. Danach schlägt er einen eleganten Bogen zurück zur Bedeutung der Mathematik für den Standort Deutschland und schließt mit einem Seitenhieb auf Mathelehrer. „Der um 1620 geborene Mathematiker Blaise Pascal ist ja auch nicht mehr der Jüngste. Schon vor vielen Jahren hat er gesagt, Mathematik sei so wichtig, dass man keine Gelegenheit versäumen sollte, sie etwas unterhaltsamer zu gestalten.”
CAD-KURSE SIND KEINE FORSCHUNG: INSTITUT DICHT GEMACHT
Gegen Viertel vor elf ist Bullinger fertig mit seinem Vortrag. Bis zum Ausklang um 18 Uhr wird es ein weiteres Dutzend Vorträge und Diskussionen geben. Bullinger wird Berlin dann lange schon verlassen haben. Gegen 11 Uhr 30 steht er dem Spiegel-Redakteur Christian Schwägerl in einem separaten Raum für ein Interview zur Verfügung. Dabei geht es um die Themen Innovation, Jubiläum, Wirtschaftskrise. Bullinger reagiert souverän auf die Fragen, braucht keinen Adjutanten, formuliert seine Antworten aus dem Kopf, kramt auch nicht in vorformulierten Texten. Gleichwohl sind seine Antworten geschliffen und beziehen Stellung. Das Ergebnis dieser Dreiviertelstunde erscheint am 15. April in „Spiegel Online”. Im Anschluss daran – der Flieger nach Stuttgart ist für 13 Uhr 30 gebucht – steht Bullinger noch kurz vor der Kamera und sagt für einen Berliner Regionalsender nochmals Wichtiges zur Bedeutung der Mathematik. Ein ganz normales Taxi bringt den Fraunhofer-Präsidenten und mich nach dem Dreh zum Flughafen-Tegel. Während der Fahrt unterhalten wir uns über die Internationalisierung der Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung e.V., wie sie im Volltext heißt. Ihr Ziel ist es vor allem, die Wirtschaft in Deutschland voranzubringen. Gleichwohl ist sie in China aktiv und schon länger in den USA. „In Europa sind wir ja sowieso”, sagt Bullinger, und außereuropäisch gehe die Fraunhofer-Gesellschaft überall dorthin, wo ihre Kunden hingehen. „Sonst nehmen die uns nicht mehr ernst.”
„Die internationale Abteilung hängt direkt an mir”, sagt Bullinger – und fügt an, dass er schon internationale Institute geschlossen habe. Eine Schließung in Miami habe ihm großen Ärger eingebracht: „Die haben Gewinn gemacht mit ihren CAD-Kursen. Doch ich war der Meinung, dass solche Kurse nichts mit Forschung zu tun haben.” Der Professor für Arbeitswissenschaft und Technologie-Management ist da eigen. Selbst bei Projekten am weltberühmten Massachusetts Institute of Technology MIT legt er Wert darauf, dass die Fraunhofer-Gesellschaft organisatorisch die Mehrheit hat. „Sonst bekommen wir hinterher ständig Probleme mit der Intellectual Property und bei Patenten.” Bis zu fünf Prozent des jährlichen Forschungsvolumens von 1,4 Milliarden Euro können laut Satzung für Auslandsaktivitäten eingesetzt werden. „Da liegen wir immer noch deutlich drunter”, kommentiert der Präsident. Bullinger, ein gebürtiger Stuttgarter, ist alles andere als ein einsilbiger Schwabe. Er beantwortet jede Frage ausführlich und – wie es sich anhört – aufrichtig, flüchtet sich nie in Worthülsen.
Anders als die Besetzung der Chefsessel bei der Max-Planck-Gesellschaft sind die Chefs bei Fraunhofer in aller Regel deutsche Muttersprachler. „Unsere Mitarbeiter müssen mit dem deutschen Mittelstand reden – und der muss sie verstehen.” Dasselbe Prinzip gilt für Gründungen im nicht deutschsprachigen Ausland. Auch dort sprechen und verstehen die Leiter die Sprache des Volkes und kommen deshalb meist aus dem jeweiligen Land.
ESSEN IST NAHRUNGSAUFNAHME
Im Flughafen angekommen, nimmt er mich mit zu einem Imbiss in die Lufthansa-Lounge. Essen scheint für ihn – zumindest tagsüber – keine erwähnenswerte Tätigkeit zu sein. Es ist das einzige Mal überhaupt, dass ich den Präsidenten während der beiden Tage essen sehe. Der Flieger nach Stuttgart hat Verspätung. Bullinger nutzt die Zeit und scannt seine E-Mails. Etwa zwei Dutzend pro Tag werden an ihn von seiner Sekretärin Adelinde Scheiterbauer übermittelt, alle übrigen von ihr beantwortet oder an Zuständige weitergereicht. Irgendwann wird der Flug aufgerufen, und es geht bei schönem Wetter nach Stuttgart. Dort holt uns Florian Bartel mit einem Audi A8 Quattro ab. Bartel ist Münchner, schon 20 Jahre bei Fraunhofer und seit eineinhalb Jahren Bullingers Fahrer. Die beiden unterhalten sich unaufgeregt. Bei Wissenslücken, die auch ein Spitzen-Navi gelegentlich hat, kann der Präsident als Stuttgarter Platzhirsch rasch helfen. Hans-Jörg Bullinger, geboren im April 1944, besuchte in der baden-württembergischen Landeshauptstadt von 1963 bis 1966 die Technische Oberschule und machte auf dem zweiten Bildungsweg Abitur. Nach dem Maschinenbaustudium – gleichfalls in Stuttgart – promovierte er und habilitierte sich. 1975 wurde er im Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA Abteilungsleiter. 1980 verabschiedete er sich von Stuttgart und ging als Professor für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement an die Universität Hagen – allerdings nur für ein Jahr. Dann lockte ihn der Ruf, die Leitung des neu gegründeten Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO zu übernehmen, wieder in die Schwabenmetropole. Erst im Herbst 2002 gelang ihm der Wechsel in eine andere Stadt wirklich – als Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft in München. Seine Frau – alle drei Kinder sind inzwischen außer Haus und alle promoviert – wohnt weiterhin in Stuttgart, kommt aber auch gern in die Münchner Wohnung, wenn ihr Gatte etwas Zeit für sie hat.
Als langjähriger ehemaliger Leiter hat der Fraunhofer-Präsident am IAO immer noch ein Arbeitszimmer. Dort treffen wir uns gegen 15 Uhr 30 zum bild der wissenschaft-Interview, Bullingers drittes Interview an diesem Tag.
Wie lange wollen Sie Fraunhofer-Präsident bleiben, Herr Bullinger?
Die Fraunhofer-Präsidenten werden immer für fünf Jahre gewählt. Mein jetziger Vertrag läuft bis 2012. Ob ich den ganz erfülle, wird man sehen.
Welche Ziele haben Sie sich für Ihre letzte Amtszeit gesetzt?
Wir können bei Fraunhofer noch viele Potenziale ausschöpfen, indem wir die Vernetzung zwischen den Instituten intensivieren. Die Eigenständigkeit der Institute soll natürlich erhalten bleiben. Doch gerade das vernetzte Wissen – dieses Grenzbereichswissen – spielt heute eine große Rolle. Darüber hinaus haben wir Themen, die uns auf den Nägeln brennen – etwa bei den regenerativen Energien. Unser Engagement im Bereich der Windenergie haben wir gerade verstärkt. Dann wollen wir uns mehr in der Energiespeicher-Forschung profilieren – auch im Hinblick auf die Elektromobilität.
Hat die Fraunhofer-Gesellschaft die Brisanz dieses Themas zu spät erkannt?
Wir haben gelernt, mit der Innovationsthematik anders als bisher umzugehen. Bei der Elektromobilität haben wir uns erstmals bewusst auf eine Top-Down-Strategie verständigt. Wir haben eine Allianz gegründet, der fast ein Dutzend Fraunhofer-Institute angehören. Beim bisherigen Bottom-Up-Prozess kamen zwar auch Allianzen zustande, aber nur dann, wenn die Institute Finanzierungschancen sahen. Bei der Elektromobilität gab es das nicht. Deshalb ist der Fraunhofer-Vorstand auf Bundesministerien zugegangen und hat Annette Schavan und Sigmar Gabriel um Forschungsmittel gebeten.
Deutschland war in Sachen Elektromobilität bisher eher Balljunge als Weltmeister. Warum?
Bei all den Förderprogrammen, die wir in Deutschland für regenerative Energien aufgelegt haben, vergaß man, sich um Stromspeicher zu kümmern. Die brauchen wir nicht nur bei der Elektromobilität, sondern auch für den Fall, dass der Wind nicht bläst. Es wäre sicherlich nicht schlecht gewesen, wenn Politik und Wirtschaft die Aktivitäten schon früher gefördert hätten.
Wurden Sie während Ihrer Präsidentschaft schon einmal mit dem Vorwurf konfrontiert, dass die Fraunhofer-Gesellschaft eine Entwicklung verschlafen hat?
Das wurde uns noch nie vorgeworfen. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass wir einen sehr ausgefeilten Strategieplanungsprozess haben. Wir initiieren alle zwei Jahre einen Prozess, bei dem es darum geht, nach neuen Themen Ausschau zu halten. Mit unserer Strategie der Leitinnovationen fahren wir in doppelter Hinsicht gut. Für unsere Kunden bedeuten sie immer einen Aufbruch zu Debatten und sie verstärken die Diskussion um neue Technologien. Der zweite Aspekt wirkt nach innen. Die Fraunhofer-Gesellschaft setzt sich dadurch neue Ziele.
Wie geht es der Fraunhofer-Gesellschaft in der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise?
2008 war das erfolgreichste Jahr in unserer Geschichte. Die ersten Monate 2009 haben uns ebenfalls keinen Einbruch beschert. Auch bei früheren Krisen waren wir nie so betroffen wie der Durchschnitt der Industrie. Das liegt daran, dass mittelständische Unternehmen in einer Krise konkrete Problemlösungen suchen und deshalb verstärkt auf die Fraunhofer-Gesellschaft zukommen. Auch jetzt erwartet man von uns Lösungen, die spätestens in einem Jahr wirken.
Wie stehen Sie zu ehemaligen Mitarbeitern, die die Fraunhofer-Gesellschaft verlassen haben und nun selbst Beratung anbieten – manchmal zu günstigeren Konditionen?
Für mich ist das eine sportliche Herausforderung. Es muss unser Ziel sein, junge Leute so auszubilden, dass sie Unternehmer werden wollen. Und wenn eine Ausgründung Beratung zum Ziel hat, ist es nun mal so. Im Übrigen gilt: Wenn wir ein konkretes Problem eines Industriekunden gelöst haben, nehmen wir ähnliche Aufträge nur wenige weitere Male an, um die Lösungsstrategie zu validieren. Alles andere wäre keine Aufgabe mehr für ein Forschungsinstitut.
Aber das Geld hätte man gerne …
… Ausgründungen sind wichtig. Das ist sinnvoller, als Professoren zu Unternehmern machen zu wollen. Wenn unsere Institute durch Ausgründungen sehr hohe Etats einbüßen, können sie neuerdings Mittel aus einer Stiftung bekommen, die die Fraunhofer-Gesellschaft aus den mp3-Lizenzerlösen finanziert.
Nach dem Interview macht sich Bullinger auf den Weg in seine Stuttgarter Wohnung. Dort übernachtet er, spart also nebenbei Hotelkosten.
Anders als Loriots Erwin Lindemann
25. März, 8 Uhr 12: Hans-Jörg Bullinger wird geschminkt. Ein halbes Dutzend Leute ist angereist, um einen kurzen Werbestreifen zu drehen, der Anfang April in der ARD kurz vor der Tagesschau gezeigt werden soll. „Entwicklung braucht Forschung. Deshalb unterstützen wir die Wirtschaft dabei, aus guten Ideen erfolgreiche Produkte zu machen. Lassen Sie uns gleich damit anfangen – auf der Hannover Messe”, soll Bullinger sagen. Bereits nach dem ersten Dreh meint ein Fernsehmensch: „Super!” Doch es werden fünf weitere Einstellungen frontal und drei von der Seite gedreht. Anders als Loriots Erwin Lindemann (der mit der Herrenboutique in Wuppertal) macht Bullinger seine Sache immer wieder „super”. Insgesamt dauert es dann aber doch eine Stunde, bis der Spot aufgezeichnet ist. Nun geht es rasch zum Wagen, in dem uns Fahrer Bartel zu den Göppinger Maschinenbautagen bringen soll. Bullinger ist als Hauptsprecher angekündigt und soll Punkt 10 Uhr dort sein. „Ich bin erst als zweiter Redner dran. Da haben wir noch etwas Zeit”, erklärt Bullinger mit Blick auf seinen alle zwei Stunden aktualisierten elektronischen Terminkalender.
Der Vortrag vor seinesgleichen – leitenden Diplom-Ingenieuren aus meist württembergischen Unternehmen – dauert 45 Minuten. Er ist gewürzt mit interessanten Charts. Hier wie auch in Berlin und später in Stuttgart illustrieren die Power-Points seine Rede und nicht umgekehrt. Aufgelockert wird sein Vortrag wiederum durch originelle Einschübe, die an diesem Tag schwäbisch eingefärbt sind. Eine Botschaft kommt per „SNS”: „Schaffe, net schwätza”, lautet ein Input zur Krisenbewältigung. Aber Bullinger zitiert auch den Philosophen Lichtenberg, der im 18. Jahrhundert an der Universität Göttingen lehrte: „Es ist nicht gesagt, dass es besser wird, wenn es anders wird. Aber wenn es besser werden soll, muss es anders werden.” Inhalt seiner Ansprache sind programmatische Aussagen zur Innovationskraft und Innovationsfähigkeit Deutschlands. Geschickt platziert Bullinger auch hier wieder das Fraunhofer-Programm „Energie, Gesundheit, Sicherheit, Kommunikation, Umwelt, Mobilität”. Der Beifall ist anhaltend. Der Präsident nimmt noch einen weiteren Vortrag im Tagesprogramm mit, dann geht es wieder zurück nach Stuttgart, wo Bullinger in den Räumen der Steinbeis-Stiftung zusammen mit den Professoren Frank Keuper und Johann Löhn ab 13 Uhr die Disputation von Andrea Müller abnimmt. Sie spricht über „ Erfolgsbasierte Konzeptualisierung und Operationalisierung eines strategischen Ansatzes zum Management von Leistungsportfolios im Bereich Crossmedia Publishing”. Der Einzige, dem ich während dieser Stunde folgen kann, ist Bullinger. Kurz nach 14 Uhr ist aus Frau Müller Frau Dr. Müller geworden. Jetzt gibt’s erst einmal Kanapees und ein Gläschen Sekt. Statt zu essen, sprechen Bullinger und ich über Kreativität in der Forschung.
Innovative Entwicklungen und Produkte setzen kreative Ideen voraus. Wodurch kann man das unterstützen?
Kreativität in der Forschung oder in der Entwicklungsabteilung eines Unternehmens heißt, in neuen, ungewohnten Beziehungsmustern zu denken und zu handeln. Dazu muss man Beziehungsmuster kennen, was eine gewisse Qualifikation voraussetzt. Dann muss man aber auch etwas riskieren dürfen. Man kann Spielräume einräumen, damit sich Kreativität entfaltet. Wenn man sie durch rigide Organisationsrichtlinien behindert, sollte man diese Richtlinien zurücknehmen.
Wo ist der Unterschied zwischen Freiraum für Kreativität schaffen und mehr Freizeit gewähren?
Die Vermutung, dass Freiräume automatisch zu Missbrauch führen, kann ich nicht bestätigen. Die wirklich kreativen Menschen haben ein hohes Maß an Selbstdisziplin.
Sind Jüngere kreativer als Menschen im höheren Alter?
Kreativität ist erst einmal keine Frage des Lebensalters. Dennoch gilt: Jüngere sind häufig mehr motiviert und risikobereiter. Wenn jemand drei Jahre vor der Pension steht, kann man es ihm nicht verdenken, dass er einer komplett neuen Technologie weniger Enthusiasmus entgegenbringt als ein Jüngerer. Außerdem wird der Ältere eher dazu tendieren, das Bewährte fortzuführen und keine radikalen Schritte zu gehen. Der Unterschied liegt aber nicht an der generellen Lernfähigkeit. Es gibt viele Untersuchungen, dass Ältere sehr wohl noch darüber verfügen.
Die Doktor-Prüfung verlief zügiger als geplant, und es ist noch reichlich Zeit bis zum Vortrag bei der Unternehmensberatung Ernst & Young im Stuttgarter Stadtteil Weilimdorf, der um 16 Uhr 30 beginnt. Wir sind beizeiten dort. Bullinger beantwortet meine Fragen weiterhin bereitwillig. Doch eine gewisse Distanz zum Journalisten bleibt. Anders als andere macht er den Journalisten nie zum scheinbar Vertrauten, indem er Sachen verrät, die er nicht zitiert haben will. Die Beiratssitzung bei Ernst & Young ist höchstrangig. 35 Männer sind da, alle wichtige Vertreter der Wirtschaft und des Felds drumherum. Bullinger wiederholt in seinem Vortrag viel von dem, was ich inzwischen kenne – die schwäbisch eingefärbten Auflockerungsübungen gehören auch hier mit dazu. Dabei ist der Standardvortrag durchaus auf den Kreis zugeschnitten und enthält Botschaften, die sich speziell ans gehobene Management richten. Anders als bei den bisherigen Vorträgen schließt sich eine muntere Diskussion an. Die Antworten Bullingers verraten eine offenere Geisteshaltung als bei manchem Frager. Eindrucksvoll ist auch der Beirat Lothar Späth, Ex-Ministerpräsident und Ex-Chef der Jenoptik, der mit 71 immer noch eine gute Figur macht. Es geht unter anderem um gesellschaftliche Werte und die Bewertung der Manager durch die Öffentlichkeit. Bullingers Meinung dazu habe ich beim Interview am Tag zuvor bereits eingeholt.
Welche Rolle spielen Werte in der Fraunhofer-Gesellschaft?
Eine sehr große! Wir haben jedes Jahr eine Tagung mit unseren Institutsleitern. Bei der Auswahl der Themen geben wir uns große Mühe. In diesem Jahr lautete der Titel der Veranstaltung: „ Wertschöpfung durch Wertschätzung”. Ich glaube, dass die Vernetzung der Institute besser funktioniert, wenn die Leute einander kennen und wissen, dass Zusammenarbeit allen Seiten nutzt. Offenheit erzeugt wiederum Offenheit.
Die Finanzkrise hat die ganze Welt getroffen. Welche Folgerung ziehen Sie daraus?
Die Leistungsfähigkeit der USA ist dadurch sehr relativiert worden. Das macht mir große Sorgen: Wir brauchen den US-amerikanischen Markt, um aus dieser Krise herauszukommen.
Was hält der gewiss nicht schlecht bezahlte Fraunhofer-Präsident von den Spitzengehältern der Manager?
Im Wissenschaftsbereich wäre da noch Nachholbedarf… Aber im Ernst: Wer selbst eine Firma gründet, kann so viel verdienen, wie er will. Fremdmanager müssen gut bezahlt werden. Doch deren Gehälter sind teilweise jenseits von Gut und Böse angekommen. Wer so gut ist, dass er pro Jahr mehrere Millionen verdient, hat doch Startkapital genug, um eine eigene Firma zu gründen.
Am Schluss der Veranstaltung bei Ernst & Young gibt es die obligatorischen Schnittchen, die sehr lecker aussehen. Am Tag darauf repräsentiert der Forschungsmanager seine Gesellschaft in München. Dort wechseln sich eine Reihe von Veranstaltungen zum 60-jährigen Jubiläum ab, die sich bis in den Abend ziehen und in ein Dinner im Bayerischen Landtag münden. So viel zu Bullingers Arbeitsessen.
Seit etlichen Jahren kenne ich Hans-Jörg Bullinger, allerdings habe ich ihn in dieser Zeit immer nur punktuell erlebt. Nach den beiden gemeinsamen Tagen ist für mich aus ihm der Botschafter Bullinger geworden. Er weiß, wie er sich wo zu benehmen hat, wie er sich wo am besten einbringt und wie er seine Fraunhofer-Gesellschaft und deren Leistungsprofil exakt platziert. Er hat Standpunkte, ist stets für ein Bonmot gut – und er hat Visionen. Gut, dass ihm weitere drei Jahre Amtszeit bleiben, sie umzusetzen. Das Bundesverdienstkreuz am Bande und das erster Klasse hat er bereits. Weitere dürften folgen. Herausragend wäre es allerdings, wenn sich am Schluss seiner Erwerbsarbeit noch viele Menschen bei ihm bedanken könnten. Dafür, dass er und seine Fraunhofer-Kollegen aus Visionen Arbeitsplätze entstehen ließen, die unserer Volkswirtschaft aus der Krise geholfen haben. ■
von Wolfgang Hess
VORGÄNGER IM AMT
Hans-Jürgen Warnecke (links), Jahrgang 1934, war von 1993 bis 2002 Präsident: „Mein Ziel war es, dass etwa 40 Prozent des Umsatzes durch Aufträge der Industrie erwirtschaftet werden. Und das haben die Institute auch erreicht.” Vor seiner Berufung zum Präsidenten leitete Warnecke das Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA.
Max Syrbe, Jahrgang 1929, war von 1983 bis 1993 Präsident: „ Ich habe drei Schwerpunkte gesetzt.” Bewährtes sollte erhalten, die Leistungsfähigkeit gesteigert und mehr Vorlauf für mittelfristige Projekte gewonnen werden. Vor seiner Berufung leitete er das Fraunhofer-Institut für Informations- und Datenverarbeitung IITB in Karlsruhe.





