Ein swingender Rhythmus gilt als eines der zentralen Merkmale des Jazz. Doch was macht den Swing aus? Auf diese Frage sucht die Musikwissenschaft auch mehr als 100 Jahre nach der Entstehung des Jazz noch eine Antwort. Ein Teil der Erklärung liegt bisherigen Erkenntnissen zufolge in der Gestaltung von betonten und unbetonten Schlägen, sogenannten Downbeats und Offbeats. Downbeat bezeichnet dabei die Zählzeiten, bei denen der Arm des Dirigenten nach unten geht und die im Grundpuls des Stücks betont sind. Offbeat bezieht sich auf die Zählzeiten zwischen den Schlägen. Doch obwohl heute auch Computer die entsprechend charakteristischen Abfolgen von Downbeats und Offbeats nachahmen können, kommt dabei kein Swing Feeling auf. Was ist es also, das fehlt?
Jazz im Labor
Um diese Frage zu beantworten, hat ein Team um Corentin Nelias vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen ein Experiment durchgeführt: Am Computer manipulierten die Forscher Originalaufnahmen berühmter Jazzstücke so, dass das Spiel des Solisten entweder genau synchron zur Rhythmusgruppe war oder an bestimmten Stellen minimal verzögert. Frühere Studien hatten bereits nahegelegt, dass winzige rhythmische Verzögerungen zum Swing Feeling beitragen können – doch in einem früheren Experiment des Teams hatten solche zufällig eingefügten zeitlichen Abweichungen eher dazu geführt, dass eine Aufnahme als weniger swingend wahrgenommen wurde.
Für die aktuelle Studie setzten Nelias und seine Kollegen die Verzögerungen deshalb systematisch ein: In einer Versuchsbedingung verzögerten sie sowohl die Downbeats als auch die Offbeats des Solisten im Verhältnis zur Rhythmusgruppe, in einer anderen Variante waren nur die Downbeats verzögert, während die Offbeats mit der Rhythmusgruppe synchron waren. Die manipulierten Stücke ließ das Forschungsteam von professionellen und semiprofessionellen Jazzmusikern bewerten, wobei diese jeweils angeben sollten, wie sehr das entsprechende Stück ihrem Empfinden nach swingt.
Swing Feeling durch Verzögerungen
Das Ergebnis: Während die Probanden die vollkommen synchrone Version und die Variante, in der sowohl die Downbeats als auch die Offbeats verzögert waren, als wenig swingend einstuften, bewerteten sie die Version, in der die Downbeats systematisch um 30 Millisekunden verzögert wurden, während die Offbeats mit dem Schlagzeug synchron blieben, signifikant häufiger als swingend – ohne jedoch genau festmachen zu können, warum. „Die professionellen Jazzmusiker und -musikerinnen, die wir am Ende des Experiments explizit danach gefragt haben, konnten zwar Unterschiede hören, aber diese minimalen Abweichungen nicht identifizieren“, berichtet Nelias Kollege Theo Geisel.





