Schöne Gesichter mögen Poeten zu Oden inspirieren, für Attraktivitätsforscher bargen sie lange nur ein Geheimnis: „ Schöne Gesichter sind einfach nur durchschnittlich”, behauptet eine Denkschule bis heute. Auf den ersten Blick stimmt die These. Wissenschaftler haben sie oft bestätigt, indem sie mit Computerhilfe aus zahlreichen Portraitfotos alltägliche Durchschnittsgesichter konstruierten. Ein solches synthetisches Antlitz schneidet beim anschließenden Schönheitswettbewerb im Psycho-Labor stets besser ab als die einzelnen Originalgesichter.
Teil der Erklärung dafür könnte sein, daß eine solche Norm-Miene stets be-sonders symmetrisch gerät. Symmetrie wird selbst im Tierreich hoch geschätzt: Manche Fische zum Beispiel fühlen sich mehr zu Artgenossen mit der gleichen Streifenzahl auf den Flanken hingezogen. Und beim Menschen scheinen Männer mit symmetrischen Gesichtszügen bessere Chancen bei Frauen zu haben – zumindest berichten sie von mehr Seitensprüngen. Symmetrie könnte auf Gesundheit hindeuten, da Abweichungen von der Norm oft durch Gendefekte oder schädliche Einflüsse während der Entwicklung entstehen. Tatsächlich gibt es Studien, nach denen Menschen mit attraktiveren Gesichtern gesünder sind. Andere Untersuchungen bestätigen das allerdings nicht.
Durchschnittlichkeit allein reicht nicht, um einen Schönheitswettbewerb zu gewinnen. Frauen wirken noch attraktiver, wenn sie besonders weibliche Gesichtszüge aufweisen. Das belegen Experimente des amerikanischen Psychologie-Professors Victor Johnston an der New Mexico State University. Er manipulierte mit dem Computer Frauenportraits, und ließ im Internet 10000 Surfer die schönsten Gesichter bestimmen. Die Gewinnerinnen einer Runde stellte Johnston erneut zur Wahl, bis sich das perfekte Antlitz herausgemendelt hatte: eine „kristallisierte Schönheit”, wie das US-Magazin Discover schwärmte.
Offensichtlich bevorzugten die männlichen Juroren ausgesprochen weibliche Prädikate: Große Augen, volle Lippen, schmales Kinn. Wissenschaftler erklären dieses – von anderen Studien bestätigte – Ergebnis abermals evolutionspsychologisch: Weibliche Züge deuten auf einen hohen Östrogenspiegel, der für Gesundheit und Fruchtbarkeit sorgt. Während Männer sich mithin von eher schlichten Vorgaben leiten lassen, unterliegt das Schönheitsempfinden von Frauen eigenartigen Schwankungen: Normalerweise finden sie Männer mit stark weiblichen Gesichtszügen attraktiv. Doch während ihrer fruchtbaren Tage dürfen die Beaus deutlich männlicher wirken. Dies gilt zumindest, wenn es um eine kurze Affäre geht. Die Maßstäbe für Lebenspartner ändern sich nicht.
Der frivol klingende Befund stammt keineswegs aus der Boulevardpresse, sondern wurde im Wissenschaftsmagazin „nature” vorgestellt. Dort spekulierte ein internationales Forscherteam auch über den tieferen Grund: Möglicherweise kümmern sich eher weibliche Männer mehr um den Nachwuchs und werden deswegen im Alltag als Betreuer der Kinder geschätzt. Männlicheres Aussehen dagegen scheint mit einem stärkeren Immunsystem einherzugehen, was eine wünschenswerte Eigenschaft für den Nachwuchs wäre. Dem könnte ein Seitensprung im richtigen Moment zu besseren Genen verhelfen.
Schönheitsfehler dieser Theorie: Die während der fruchtbaren Tage geschätzten Männer wirken zwar weniger feminin als die Alltagsfavoriten, aber immer noch weiblicher als der Durchschnittsmann – auch wenn nicht so genau lesende Autoren deutscher Magazine von „Dreitage-bart-Machos” (Spiegel) und „ kantigen Kerlen” (Geo) phantasieren. So ganz verstanden haben die Forscher die weiblichen Vorlieben offenbar immer noch nicht.
Jochen Paulus





