Jedes Jahr werden Tausende von Forschungsanträgen abgelehnt – wie können die wissenschaftlichen Ideen gerettet werden?
Gernot Böhme will seinen Vorstoß nicht als Polemik verstanden wissen, aber provozieren, also anstoßen, will er schon. Aus eigener Erfahrung und Kenntnis des deutschen Wissenschaftsbetriebes fordert der Forscher: „Alle abgelehnten Forschungsanträge müssen veröffentlicht werden.” Denn: „Die Wissenschaft wird nicht nur durch das geprägt was sie tut, sondern auch durch das, was sie nicht tut.” Böhme begann seine wissenschaftliche Laufbahn als Physiker und arbeitete sieben Jahre im legendären „Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der technischen Welt” (Leitung: Carl-Friedrich von Weizsäcker) in Starnberg. Seit 1977 ist er Professor für Philosophie an der TU Darmstadt.
In einem Gespräch mit bild der wissenschaft im Darmstädter Schloß resümiert der engagierte Forscher seine Erfahrungen: „ Wissenschaftler reden selten über Ablehnungen. Allenfalls murmeln sie unter Freunden Vermutungen über die Gründe. Die meisten denken wohl, daß es ihrem Ruf schadet, wenn sie öffentlich über ihre erfolglosen Anträge sprechen.” Dabei werden in Deutschland jedes Jahr Tausende von Förderungsanfragen von den privaten Stiftungen und großen Wissenschaftsinstitutionen, etwa der Volkswagen-Stiftung oder der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), abgelehnt – in aller Regel ohne Begründung oder mit formelhaften Briefen. „Kann sich das System Wissenschaft eigentlich dieses Stück Irrationalität leisten?”, fragt sich nicht nur Böhme.
Würden abgelehnte Forschungsanträge veröffentlicht, gäbe es zwangsläufig eine breitere Diskussion darüber, wo die Schwerpunkte der Forschung liegen sollten, meint der Darmstädter Philosoph. Die Rationalität der Entscheidung über Forschungsanträge würde dadurch erheblich erhöht: „Dann müßten die Vergabe-Institutionen öffentlich dazu stehen, daß sie bestimmte Projekte nicht ermöglicht haben. Nicht alle abgelehnten Anträge sind schlechte Anträge.” Böhme sieht noch einen Vorteil in der Veröffentlichung der abgelehnten Anfragen: Der Antragsteller hätte eine Chance, andere Sponsoren zu finden, die seine Forschungsidee doch weiterführen wollen. Und: Die Idee, in der ja schon sehr viele Vorarbeit steckt, bliebe Bestandteil der Wissenschaft: „Statt im Papierkorb zu landen, könnten andere die Idee aufgreifen, weiterentwickeln und doch noch umsetzen.” Die großen deutschen Förder-Institutionen halten nichts von Böhmes unkonventionellem Vorschlag: „Jeder Antragsteller kann seine abgelehnten Anträge selbst veröffentlichen, wenn er es will”, teilt die DFG trocken mit. Auch Wilhelm Krull, Generalsekretär der Volkswagen-Stiftung möchte erfolglose Anträge lieber nicht veröffentlichen: „Das könnte für manche Wissenschaftler äußerst peinlich sein.”
Das Internet könnte den abgelehnten Anträgen Asyl bieten. Böhme: „Wenn alle Wissenschaftler die gleiche Internet-Seite verwenden, um ihre erfolglosen Anträge zu veröffentlichen, wäre das eine gute Sache. Vielleicht ergreift ja jemand die Initiative.”
Adam Bostanci





