Was wäre ein Film ohne Musik? Die Verfolgungsjagd wäre nur halb so spannend und die Gefühle beim romantischen Kuss blieben flach. Musik vermittelt uns Emotionen und kann uns dabei helfen, unsere Stimmung regulieren. Seit Urzeiten spielt sie eine wichtige Rolle im menschlichen Sozialleben und ist bei den meisten Menschen eng mit dem Belohnungssystem verknüpft: Wenn wir Musik hören, schüttet unser Gehirn Botenstoffe wie Dopamin aus, die dafür sorgen, dass wir uns gut fühlen. Doch für manche Menschen hat selbst das schönste Musikstück nicht mehr Bedeutung als die Geräuschkulisse einer Baustelle. Auch bei den mitreißendsten Klängen wippen sie nicht einmal mit dem Fuß und sie verspüren keine Motivation, von sich aus Musik zu hören.
Fehlende Belohnung durch Musik
„Diese Personen stellen die gängige Vorstellung in Frage, dass jeder Mensch von Natur aus Musik liebt“, erklärt ein Team um Ernest Mas-Herrero von der Universität Barcelona in Spanien. Seit zehn Jahren erforscht er gemeinsam mit seinen Kollegen das Phänomen der „musikalischen Anhedonie“. In einer aktuellen Veröffentlichung fassen die Forschenden ihre Ergebnisse zusammen. Demnach kann die fehlende Freude an Musik drei verschiedene Ursachen haben: Manche Menschen können Tonhöhen und Melodien aufgrund von Defiziten in den auditiven Bereichen des Gehirns nicht richtig wahrnehmen. Bei anderen ist das Belohnungssystem generell beeinträchtigt.
„Am faszinierendsten ist aber der dritte Fall, den wir als spezifische musikalische Anhedonie bezeichnen“, so das Forschungsteam. „In diesem Fall sind sowohl die Musikwahrnehmung als auch die Belohnungsnetzwerke im Gehirn intakt, und dennoch fehlt die Fähigkeit, eine spezifische Belohnung durch Musik zu erfahren.“ Obwohl andere Situationen und Reize bei diesen Menschen durchaus Emotionen wecken können, lässt Musik sie vollkommen kalt. Um den Ursachen dieses Phänomens auf die Spur zu kommen, haben die Forschenden die Hirnaktivität von Betroffenen und Kontrollpersonen mittels funktionaler Magnetresonanztomographie (fMRT) untersucht, während diese selbst gewählte Musik hörten.
Gestörte Verbindung
Das Ergebnis: Bei Menschen mit spezifischer musikalischer Anhedonie zeigte sich zwar eine normale Aktivität in den für das Hören zuständigen Bereichen des Gehirns wie dem hinter der Schläfe liegenden Gyrus temporalis superior. Doch die Verbindung zum Nucleus Accumbens, einer wichtigen Struktur des Belohnungssystems, war geschwächt. Durch musikalische Reize wurde der Nucleus Accumbens daher bei diesen Testpersonen kaum aktiviert. Bei anderen belohnenden Stimuli, etwa einem Geldgewinn, funktionierte er dagegen normal. „Die fehlende Freude an Freude an Musik wird also durch die Unterbrechung der Verbindung zwischen dem Belohnungsschaltkreis und dem auditorischen Netzwerk erklärt – nicht durch eine Fehlfunktion des Belohnungsschaltkreises an sich“, sagt Mas-Herreros Kollege Josep Marco-Pallarés.





