Nach und nach entdeckten Wissenschaftler aus aller Welt ein ganzes System weiterer Spiegelneuronen bei Affen und auch bei Menschen: Schmerzen, Berührungen und Gefühle scheinen sich auf die gleiche Weise von Gehirn zu Gehirn also von Affe zu Affe und von Mensch zu Mensch zu übertragen. Spiegelneuronen erklären, warum wir uns spontan in andere einfühlen können.
Höchste Zeit, dass jemand ein allgemein verständliches Buch darüber schreibt. Joachim Bauer, Internist, Psychiater und Psychotherapeut, ist der richtige Autor dafür. Er kennt sich auf den verschiedensten medizinisch-psychologischen Gebieten aus. Nicht zuletzt versteht er es, komplizierte Zusammenhänge laiengerecht und prägnant zu vermitteln. In seinem Buch betont er immer wieder, dass das Verstehen des anderen spontan, unwillkürlich, oftmals unbewusst und ohne Einschaltung
des Verstandes funktioniert. Die neuen Erkenntnisse könnten Pädagogik, Medizin und Psychotherapie auf ein völlig neues Fundament stellen.
Erste Anwendungen werden bereits erprobt. So versuchen Neurologen an der Universität Lübeck, Schlaganfallpatienten mit einer Art Video-Therapie zu heilen: Den Kranken werden im Film Bewegungen vorgeführt, die sie selbst nicht mehr ausüben können. Dadurch wird ihr Spiegelneuronensystem angeregt. Im Anschluss versuchen sie, die Bewegung in einer krankengymnastischen Übung zu imitieren. Auch Autisten und Menschen mit Alexithymie die nicht in der Lage sind, die Gefühle anderer zu deuten können auf neue Therapie-Ansätze hoffen.
Nicht zuletzt bereichert die Entdeckung der Spiegelneuronen die Diskussion um die Evolution des Menschen als soziales Wesen. Weil der andere für mich kein Rätsel ist, sondern “fühlt wie ich”, und weil ich seine Handlungen meist richtig vorhersehen kann, ist (Ur-)Vertrauen quasi biologisch programmiert. Erst die Erfahrung von Trug und Täuschung kann es erschüttern.
Judith Rauch





