„Heute hatten wir keine Mathe!” Mit diesem apodiktischen Satz begrüßte mich meine Tochter Maria. Die Botschaft war klar: Sie wollte sichergehen, dass ich ihr jetzt keine Mathe-Frage stellte. Ich sagte gar nichts.
Nach einer Weile fing sie aber von selbst an: „Heute ging’s in Bio um Blätter.”
„Grüne, rote oder braune?”, wollte ich wissen.
„Du hast keine Ahnung!”, war die Antwort. Offenbar war ihr eine Laus über die Leber gelaufen. Vorerst herrschte Ruhe.
Nach einer Weile fing Maria wieder an: „Wie die Blätter am Stängel festgewachsen sind.”
Meine Frau warf mir einen Blick zu, der bedeutete: „Sag jetzt nichts!”
„Manchmal stehen sich Blätter genau gegenüber. Manchmal sogar im Viereck.”
Sie meinte vermutlich „im rechten Winkel”, aber ich hütete mich, sie zu korrigieren.
„Bei manchen Pflanzen wachsen die Blätter auch ganz wild.”
„Quatsch!”, unterbrach sie Christoph, der vom Essensgeruch angezogen die Küche betreten hatte. „Nichts wächst ohne System.”
„Doch, wild!”, beharrte Maria.
„Könnte es gut für eine Pflanze sein, wenn die Blätter nicht einfach übereinander wachsen?”, versuchte ich mich vorsichtig einzuschalten.
„Ich find’s gut, wenn ein Blatt über dem andern steht. Das sieht so schön ordentlich aus”, verteidigte Maria ihre Sicht der Dinge. Manchmal wundert man sich als Vater, wie weit die ästhetische Theorie und Praxis der Kinder auseinanderklaffen.
„Wenn der Wind von der Seite kommt, hat er eine riesige Angriffsfläche”, versuchte Christoph zu analysieren, aber Maria konterte diesen Einwand sofort: „Wenn die Blätter wild wachsen, hat der Wind von jeder Seite eine Angriffsfläche.”
Jetzt mischte sich meine Frau ein: „Ich glaube, es liegt an der Sonne.” Maria verstand nicht: „Du meinst, die Blätter wenden sich der Sonne zu?”
„Das vielleicht auch”, gab Christoph zu, „aber wenn die Sonne von oben auf die Pflanze scheint, werfen die oberen Blätter Schatten auf die unteren. Das heißt, wenn alle übereinander stehen, kriegen die unteren kein Licht.”
„Ist das schlimm? Papa liegt im Urlaub ja auch nur im Schatten.”
Meine Frau wusste Bescheid: „Wenn ein Blatt kein Licht bekommt, kann es nicht wachsen, wird blass und stirbt. Deshalb ist es für eine Pflanze gut, wenn alle Blätter Licht bekommen.”
„Und deshalb sind die Blätter so durcheinander?”, wollte Maria wissen.
Christoph warf ein: „Ob die das sind, weiß ich nicht, aber sie wachsen so, dass alle Licht bekommen.”
„Ich denke, dass die gar nicht durcheinander sind. Christoph hat schon recht: Es wächst nichts ohne System. Nur sind manche Systeme schwer zu durchschauen”, meinte ich.
„Und wie soll das Durcheinander-System funktionieren?”
„Bei welcher Pflanze habt ihr es euch denn angeschaut?”
„Der Lehrer hat von der Sonnenblume erzählt.”
„Wenn man erst das unterste Blatt anschaut, dann das zweitunterste und so weiter, merkt man, dass die Blätter immer im gleichen Winkel versetzt stehen.”
„Du meinst, dass der Winkel zwischen erstem und zweitem Blatt gleich dem Winkel zwischen zweitem und drittem Blatt ist?” „ Genau.”
„Wahrscheinlich so was wie 60 Grad.” Christoph wusste immer alles besser.
„Nein, ein ganz verrückter Winkel”, korrigierte ich: „Es sind genau 137,5 Grad.”
Beide Kinder schauten mich mit offenem Mund an: „Warum das denn?”
„Das genau ist der Trick: Bei einem vernünftigen Winkel wie 90 oder 60 Grad würden immer wieder Blätter genau übereinander stehen. Bei einem krummen Winkel passiert das nie.”
„Also erreicht die Pflanze mit diesem System, dass nie zwei Blätter übereinander stehen”, resümierte Christoph. Maria war beruhigt: „Und alle Blätter haben genügend Platz.”




