bild der wissenschaft: Alle Mühe vergebens. Das ist ein weitverbreitetes Urteil zu den Erfolgsaussichten von Therapien mit Straftätern. Stimmt das?
Leygraf: Falsch, Kriminaltherapie ist wirksam. Das weiß man heute – und im Vergleich zu anderen Therapieformen, etwa in der Medizin, hat Kriminaltherapie eine relativ gute Erfolgsquote.
bdw: Wie bringt man einen Gewalttäter dazu, fortan einen gesetzestreuen Lebensweg einzuschlagen?
Leygraf: Die meisten Straftäter begeben sich nur unter Druck in Therapie, weil sie ohne psychiatrische Behandlung nicht entlassen werden. Die alte Behauptung, daß nur freiwillige Therapien erfolgreich verlaufen, ist aber Quatsch. Manchmal kommt der Täter im Laufe der Therapie dahin, daß er selber sich ändern will. Bei manchen Behandlungsformen, gerade für Sexualstraftäter, kommt es im übrigen gar nicht so sehr darauf an, den Mann selbst völlig zu verändern, was oft sowieso nicht geht. Er muß aber lernen, sein Verhalten besser zu kontrollieren, sich also beispielsweise nicht mehr an einem Kind zu vergehen, auch wenn er es vielleicht immer noch gerne täte.
bdw: Wie sieht eine solche Therapie aus?
Leygraf: Man muß vor allem schauen, was hinter diesem Sexualdelikt steht – ob etwa bei sexuellen Handlungen an Kindern eine fixierte pädophile Triebausrichtung vorliegt oder ob der Täter nur unfähig ist, zu einer erwachsenen Frau Kontakt aufzunehmen, so daß die Kinder als Ersatz dienen. Im Falle des fixierten Pädophilen kann es nur darum gehen, daß er seine Sexualität stärker zu kontrollieren lernt und sich im Extremfall dafür entscheidet, auf Sexualität ganz zu verzichten. Dann müßte er Hormonblocker nehmen, um seinen Testosteronspiegel zu senken – eine medikamentöse Kastration.
bdw: Kastrationen sind äußerst umstritten.
Leygraf: Eine Kastration, die heute übrigens immer chemisch und nicht mehr operativ gemacht wird, hilft bei gewaltlosen Sexualtätern sehr gut, etwa bei Pädophilen oder Exhibitionisten. Bei Tätern mit gewaltsamen Sexualdelikten bis hin zu sexuell motivierten Tötungsdelikten nützt sie offenbar wenig oder gar nichts. Bei diesen Verbrechen kommt es nicht auf den Testosteronspiegel an, sondern auf die Phantasien der Täter. Unser größtes Geschlechtsorgan ist das Gehirn.
bdw: Und wie lassen sich Gewalttäter bessern?
Leygraf: Wenn jemand zuschlägt, weil er seine Impulse nicht kontrollieren kann und bei Streitereien sofort auf 180 ist, kann man ihm durchaus beibringen, dosierter zu reagieren. Wir setzen außerdem auch bei gedanklichen Verzerrungen in der Vorstellungswelt des Täters an. Viele Vergewaltiger glauben etwa, Frauen sagen immer erst mal nein und ignorieren ein Nein daher. Oder wir spielen ein sogenanntes Delikt-Szenario durch und sagen: Wenn die Frau vor dir liegt und du das Messer in der Hand hast, kannst du dich wahrscheinlich wirklich nicht mehr richtig steuern. Aber auf dem Weg dorthin gibt es sehr viele Situationen, wo du dir noch Einhalt gebieten kannst. Wann mußt du die Notbremse ziehen?
bdw: An welchen Verbrechern scheitern die Therapeuten?
Leygraf: Gerade Sexualstraftäter, aber auch viele Raubmörder handeln so rücksichtslos, weil sie nicht mit andern Menschen mitfühlen können. Ihnen fehlt die Empathie. Ich habe zum Beispiel Ronny Rieken untersucht, der zwei Mädchen vergewaltigt und erwürgt hatte. Er wurde nicht nur von mir begutachtet, sondern auch von einer Psychologin, und ich habe ihn gefragt, ob er ein Problem damit hätte. Er sagte ja, Frauen reagieren immer so emotional, wenn es um Kinder geht. Ich habe geantwortet: „Sie reden gerade mit einem Vater von drei kleinen Kindern.” Das hat er gar nicht verstanden. In solchen Momenten steht man kurz vor dem Weinen. Jemandem Mitgefühl beizubringen, ist ausgesprochen schwierig und gelingt oft nicht. Es gibt Menschen, bei denen man sagen muß: Den kann man wahrscheinlich wirklich nicht mehr rauslassen. Manche macht Therapie sogar nur noch gefährlicher.
bdw: Wie ist das möglich?
Leygraf: Zum einen haben viele Straftäter die Tendenz, die Ursachen für ihr Fehlverhalten nie bei sich selber, sondern immer bei andern zu suchen. Und wenn man ihnen therapeutisch begegnet und sagt, nun ja, du konntest nichts dafür, bist ein kranker Mensch, dann fördert man diese Überzeugung noch. Zum anderen gehen Psychiater und Psychologen möglichst einfühlsam mit ihren Patienten um. Vor allem psychopathische Täter lernen diesen therapeutischen Stil und setzen ihn bei ihren späteren Straftaten ein, um das Vertrauen ihrer Opfer zu gewinnen. Sie werden so zu erfolgreicheren Verbrechern.
bdw: Welchen Anteil von Tätern können Therapien nun tatsächlich bessern?
Leygraf: 30 Prozent der wegen einer psychischen Erkrankung im sogenannten Maßregelvollzug behandelten Täter wurden wieder inhaftiert – so eine Untersuchung. Dahinter verbergen sich aber die Inhaftierungen für alle Delikte. Gewalt- oder Sexualdelikte begingen von den Therapierten hinterher nur noch neun Prozent – und das ist schon ein ziemlicher Behandlungserfolg.
bdw: Führt die Bilanz dazu, daß genügend Therapieeinrichtungen gebaut werden?
Leygraf: Im Maßregelvollzug, der ja für die Therapie da ist, herrscht extremer Platzmangel. Die Zahl der Patienten in den alten Bundesländern – für die neuen gibt es noch keine Statistiken – hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt, weil die Einweisungsrate massiv gestiegen ist. Die Zahl der Plätze hat sich aber bei weitem nicht verdoppelt, sondern es sind nur ganz wenige Plätze hinzugekommen, so daß wir dringend neue Einrichtungen brauchen. Hier im Rheinland sind von 800 Maßregelvollzugs-Patienten mittlerweile 200 gar nicht mehr im Maßregelvollzug untergebracht, sondern in der ganz normalen Allgemeinpsychiatrie. Das ist nicht sinnvoll, gerade wenn es um gefährliche Straftäter geht.
bdw: Schon in zwei Jahren sollen alle Sexualstraftäter in sozialtherapeutischen Anstalten behandelt werden, so schreibt es jetzt ein neues Gesetz vor.
Leygraf: Auch diese Regelung wird voraussichtlich nur auf dem Papier stehen, da bislang nirgendwo neue sozialtherapeutische Anstalten gebaut werden. Und es gibt schon jetzt viel zu wenige Sozialtherapieplätze – keine 1000 bundesweit. Allein zur Behandlung der Sexualstraftäter werden aber etwa 2000 Plätze nötig sein. Womöglich gibt es dann einen Verdrängungswettbewerb: Der Pädophile wird behandelt und der Totschläger nicht. Das ist nicht sinnvoll.
bdw: Klappt wenigstens die Nachbetreuung – oder kann man die Therapierten in der Freiheit sich selbst überlassen?
Leygraf: Sie müssen alle weiter betreut werden. Das kann man bereits daran erkennen, daß die meisten Rückfälle schon im ersten Jahr passieren. Die Übergangsphase ist besonders kritisch. Zu den meisten Rückfällen kommt es, weil es nicht genügend Einrichtungen für die ambulante Nachbetreuung gibt und niedergelassene Psychiater mit solchen Fällen überfordert sind. Ihnen fehlt nicht nur das nötige kriminologische Grundwissen. Sie laufen auch nicht gerade hinter einem kriminellen Patienten her, wenn der zu einem Termin nicht erscheint. Aber wenn er nicht kommt, hat das einen Grund, und diesem Grund muß man nachgehen. Doch eine depressive Lehrerin zu behandeln, bringt mehr Geld und macht mehr Spaß, als sich um einen bösartigen Sexualstraftäter zu kümmern. Den hat man ungern in seiner Praxis. Norbert Leygraf ist bei deutschen Gerichten ein gefragter Sachverständiger. Der Psychiater hat viele der gefährlichsten deutschen Straftäter begutachtet, unter ihnen den Mädchenmörder Ronny Rieken und die Lafontaine-Attentäterin Adelheid Streidel. Der 48jährige erforscht die Behandlung psychisch kranker Straftäter und ist Inhaber des Lehrstuhls für Forensische Psychiatrie in Essen.
Jochen Paulus




