Ein Erwachsener legt vor den Augen eines Kindes ein Spielzeug in eine Kiste und verlässt dann den Raum. In seiner Abwesenheit versteckt ein anderer das Spielzeug stattdessen im Schrank. Wo wird der Erwachsene nach seiner Rückkehr zuerst suchen? Aufgaben wie diese können schon viele Dreijährige lösen. Sie erkennen, dass das, was andere wissen, von ihrem eigenen Wissen und von der Realität abweichen kann – die Basis einer Theory of Mind. Komplexere sozial-kognitive Fähigkeiten hingegen entwickeln sich erst im Laufe der Grundschulzeit.
Falsche Überzeugungen und Bluffs erkennen
Wann genau Kinder welche Fähigkeiten erlangen und von welchen Faktoren ihr Verständnis abhängt, haben nun Christopher Osterhaus von der Universität Vechta und Susanne Koerber von der Pädagogischen Hochschule Freiburg in einer Langzeitstudie untersucht. Dazu begleiteten sie 161 Kinder über fünf Jahre hinweg. „Wir haben die Kinder zum ersten Mal im Kindergarten interviewt und haben sie dann bis ans Ende der Grundschulzeit begleitet“, erläutert Osterhaus. „Dabei haben wir jährlich ihre Kompetenzentwicklung gemessen. Auf diese Weise lässt sich sehr genau verfolgen, wann Entwicklungsschritte auftreten und wovon diese abhängen.“
Dabei bekamen die Kinder von den Forschern verschiedene Testaufgaben, in denen sie soziale Situationen einschätzen sollten. So hörten sie zum Beispiel die Geschichte eines gefangenen Soldaten, der von seinen Feinden gefragt wird, wo er seine Waffen versteckt. Er nennt ihnen das tatsächliche Versteck. Die Kinder sollten nun einschätzen, warum er das tut. Rund zwei Drittel der Erstklässler und drei Viertel der Zweitklässler erkannten zutreffend, dass der Soldat darauf spekuliert, dass seine Feinde annehmen, er würde lügen, und seine Waffen deshalb gerade nicht an dem genannten Ort suchen. Von den Kindergartenkindern dagegen zog weniger als jedes Vierte diesen Schluss.
Absicht oder Versehen?
„Die meisten Kinder erreichen mit etwa sieben Jahren einen Meilenstein in der Entwicklung der Theory of Mind“, erklären Osterhaus und Koerber. In diesem Alter erlangen sie die konzeptuelle Einsicht, dass mentale Zustände sich gegenseitig beeinflussen können und dass Menschen darüber nachdenken, wie andere über ihr Denken denken. Diese Erkenntnis bildet die Grundlage dafür, dass Kinder bestimmte soziale Situationen einordnen können und auf diese Weise weitere Erfahrungen sammeln können, die es ihnen erleichtern, die Gedankengänge anderer zu verstehen.
Für einige weitere Fähigkeiten scheint diese Erfahrung auszureichen. Bei der Geschichte von einem Mädchen, das aus Versehen eine Überraschungsparty ausplaudert, erkannten zum Beispiel fast 90 Prozent der Neunjährigen, dass dies ein Fauxpas und keine Absicht war. „Diese Fähigkeit scheint auf einen relativ simplen Prozess zurückzugehen, bei dem Kinder das, was in ihrem sozialen Umfeld passiert, mehr oder minder automatisch wahrnehmen und bewerten. Und je mehr Erfahrung sie hierin haben, desto besser scheint diese Bewertung zu funktionieren“, sagt Osterhaus. Wann Kinder in der Lage sind, einen Fauxpas zu erkennen, hängt davon ab, in welchem Alter sie den grundlegenden Meilenstein im Verständnis anderer erreicht haben – wie lange sie also bereits Zeit hatten, ihre Theory of Mind mit weiteren Erfahrungen anzureichern.





