Deutsche werfen sich gerne gegenseitig vor, wichtige Entwicklungen nicht erkannt, ja geradezu verschlafen zu haben. Cem Özdemir erklärte in diesen Tagen im ZDF-Sommerinterview, „Wir haben schon mal ein Auto verpennt, das war der Hybrid. Jetzt sind wir dabei, den nächsten großen technologischen Fortschritt zu verpennen – die Elektroautos.” Selbst der Präsident der Fraunhofer Gesellschaft – Europas größter Einrichtung für angewandte Forschung –, Hans-Jörg Bullinger, wird nicht müde darauf hinzuweisen, dass deutsche Unternehmen die Bedeutung des Faxes nicht erkannt und jene des MP3-Standards erst sehr spät in wertschöpfende Produkte umgemünzt hätten.
Doch wenn es bei der Brennstoffzellen-Technologie nichts wird mit der Wertschöpfung, liegt es bestimmt nicht an einer lethargischen Wirtschaft: Seit einem guten Jahrzehnt schlagen Unternehmen wie Daimler, MTU und Vaillant die Werbetrommel, um Politik und Öffentlichkeit vom Nutzen dieser modernen Technologie zu überzeugen. Und jetzt steht ein höchst spektakuläres Ereignis vor der Tür: Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt plant für 2012 eine Atlantiküberquerung in dem speziell dafür ausgerüsteten Flugzeug Antares H3. Der leichtflügelige Flieger mit dem schwergewichtigen Namen – Antares heißt auch ein roter Riesenstern mit einem Durchmesser größer als die Marsbahn um die Sonne – entsteht zurzeit in Kooperation mit der Lange Aviation GmbH in Zweibrücken.
Gelingt der Überflug, dürfte das einer der größten PR-Erfolge einer in Deutschland maßgeblich vorangetriebenen Technologie sein. Der Weltöffentlichkeit würde eindrucksvoll gezeigt, was Brennstoffzellen zu leisten imstande sind. Selbst geräuscharme und abgasfreie Landebahnfahrten bei Großraum-Jets sind durch sie möglich. Der Hamburger Autor Frank Grotelüschen und der Stuttgarter Fotograf Wolfram Scheible haben die spannende Entwicklung für Sie in Szene gesetzt. Lassen Sie sich faszinieren von diesem Werkstattbericht! Und profitieren Sie ebenso wie ich vom Beitrag des bdw-Technikredakteurs Ralf Butscher, der sich aufgrund seiner jahrelangen Beschäftigung mit dem Thema die Freiheit genommen hat, Joker und Nieten der modernen Brennstoffzellen-Entwicklung auszudeuten.
Dies ist die 199. bild der wissenschaft-Monatsausgabe, die ich als Chefredakteur zusammen mit meinem Team produziere. 199 Titelthemen mit 199 Covern sind bei Ihnen angekommen. Tatsächlich entstanden sind aber Tausende von Cover-Entwürfen und Titelzeilen-Vorschlägen. Stets gibt die Redaktion das Beste, freut sich, wenn ein Titel im Einzelverkauf besonders gut geht – und ist enttäuscht, wenn die Verkaufszahlen einmal schlecht sind. Zerknirscht ist dann natürlich auch der Mensch auf dieser Seite.
Übrigens: Der erste von mir verantwortete Titel im März 1994 handelte vom „Kohlenstoffußball” (damals noch mit zwei f geschrieben). „Das Wundermolekül C60 fasziniert die Forschung und beflügelt die Macher”, hieß es damals in unserem Inhaltsverzeichnis. Unsere Kioskkäufer waren anderer Meinung. Die Ausgabe lief schlecht, die Mai-Ausgabe darauf über „ Umweltanalytik – Die Jagd auf die Schadstoffe” nicht besser, sodass ich schon um meinen Verbleib in der Chefetage fürchtete. Technologie-Themen sind im deutschen Sprachraum kein Renner im Einzelverkauf. So gesehen ist der Antares-Flug über den Atlantik ein doppeltes Wagnis: für die engagierten Forscher und Entwickler, aber auch für den bdw-Chefredakteur. Ich bin gespannt, wie Ihnen der aktuelle Titel gefällt. Bei uns in der Redaktion laufen schon Wetten über das Abschneiden im Einzelverkauf. Und wie stehen die Abonnenten zu dem Thema?





