Ziellos trotte ich durch die grauen Häuserschluchten der Großstadt – misstrauisch beäugt von Passanten. Ich friere. Und entsetzt stelle ich fest: Ich bin ja nackt! Wie peinlich! Ich möchte vor Scham im Boden versinken. Doch plötzlich denke ich erleichtert: „Es ist nur ein Albtraum!”
Ursula Voss würde sagen: „Es ist ein Klartraum.” Die Psychologin von der Universität Bonn ist einem Phänomen auf der Spur, das viele kennen: Man träumt etwas, ist sich aber gleichzeitig im Schlaf der Tatsache bewusst, dass es sich um einen Traum handelt. Doch was passiert bei dieser Einsicht im Gehirn? Erste Einblicke dazu liefert eine Pilotstudie, die Voss mit Kollegen der Universitäten Darmstadt und Mainz sowie der amerikanischen Harvard Medical School unternahm. Die Wissenschaftler untersuchten dazu 20 Bonner Psychologiestudenten. Diese absolvierten zunächst ein spezielles Training, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass sie einen Klartraum träumen. In wöchentlichen Sitzungen sollten sich die Teilnehmer Situationen überlegen, mit deren Hilfe sie Traum von Realität unterscheiden könnten. Zum Beispiel: „Wenn ich mir die Nase zuhalte und trotzdem atmen kann, muss ich träumen.” Bei sechs Probanden konnte so innerhalb von vier Monaten die Klartraum-Wahrscheinlichkeit auf mindestens drei Mal pro Woche gesteigert werden.
Danach untersuchten die Wissenschaftler die Klarträume dieser Studenten im Schlaflabor, indem sie die Hirntätigkeit über Elektroden aufzeichneten. Voss beobachtete, dass während der Klarträume die Aktivität des Stirnhirns deutlich zunahm. Diese Region, die bei den Hirnforschern „Frontaler Cortex” heißt, ist dafür zuständig, Ereignisse kritisch zu bewerten. Sie ist normalerweise während des Schlafens nicht aktiv. „Es ist, als wäre ein Teil des Gehirns plötzlich ein wenig wacher, während der Rest weiterschläft”, erklärt Voss.
Die Ergebnisse der Studie sind in zweifacher Hinsicht bedeutsam: Da sich die Fähigkeit zum Klarträumen trainieren lässt, könnte Menschen geholfen werden, die häufig unter Albträumen leiden. Außerdem eröffnet ein solches Training neue Möglichkeiten zur Behandlung von Psychosen, bei denen die Betroffene Wahnvorstellungen nicht von der Realität unterscheiden können.
Redaktion: Hans Groth, nachrichten@bild-der-wissenschaft.de




