Ob wir es wollen oder nicht: Jeder von uns hat vorgefertigte Ansichten über die Welt im allgemeinen und bestimmte Menschen im Besonderen. Unser Gehirn ist darauf geeicht, Objekte und Artgenossen zu kategorisieren – und das ergibt durchaus Sinn: Müsste unser Gehirn jeden neuen Reiz komplett neu bewerten und durchspielen, ob er Gefahr bedeutet, Freude oder irrelevant ist, wäre es völlig überlastet. Gewisse Vorannahmen und Stereotype helfen daher, den Informationswust vorzusortieren. Aber: Das Entscheidende ist es, solche unbewussten Vorannahmen zu erkennen, sie ständig mit der Realität abzugleichen und gegebenenfalls zu korrigieren. Eine der großen Fragen rund um soziale Vorannahmen ist, wie und wann sie überhaupt entstehen. Studien zeigen, dass schon Kindergartenkinder zwischen “wir” und “die anderen” unterscheiden und erste Anzeichen für soziale Vorurteile zeigen können. Woher aber haben sie diese Vorannahmen? “Schon länger besteht die Vermutung, dass Kinder solche Vorurteile zuhause aufschnappen, selbst wenn die Eltern ihnen soziale Vorbehalte nicht explizit beibringen”, erklären Allison Skinner von der University of Washington und ihre Kollegen. Ob und wie Kinder jedoch solche nonverbalen Signale der Eltern verinnerlichen, blieb bislang unklar.
“Wem magst Du Dein Spielzeug geben?”
Um das zu untersuchen, führten Skinner und ihre Kollegen zwei Experimente mit vier- und fünfjährigen Kindern durch. Im ersten Versuch sahen die Jungen und Mädchen zwei Videos, in dem jeweils eine Frau eine andere begrüßte und ihr dann eines von zwei Spielzeugen gab. Der gesprochene Text war in beiden Filmen identisch, die nonverbale Reaktion unterschied sich jedoch: Im ersten Video zeigte die Geberin eine positive Haltung gegenüber der Empfängerin: Sie lächelte sie an, sprach mit warmer Stimme und neigte sich ihr zu. Im zweiten Film drückte ihre Körperhaltung und ihre Mimik dagegen Abneigung und Widerwillen aus. Nach dem Anschauen der Videos wurden die Kinder gefragt, welche der beiden Empfängerinnen sie netter fanden und mit welcher sie eher ihr Spielzeug teilen würden. Wie erwartet, reagierten die Kinder auf die nonverbalen Signale: “67 Prozent von ihnen bevorzugten die Empfängerin der positiven nonverbalen Signale gegenüber der der negativen”, berichten die Forscher. Zwei Drittel der Kinder gaben ihr Spielzeug der im Film wohlwollend behandelten Frau. “Das bestätigt, dass Vorschulkinder nonverbale soziale Signale aufnehmen und danach handeln”, so Skinner und ihre Kollegen.
Die Frage aber bleibt, ob die Kinder auch generalisieren: Entwickeln sie aus der Beobachtung nur einer sozialen Interaktion bereits allgemeine Vorurteile einer ganzen Gruppe gegenüber? Um das zu testen, führten die Forscher ein zweites Experiment mit einer zweiten Kindergruppe durch. Wieder zeigten sie die beiden Videos. Diesmal jedoch trugen die beiden Empfängerinnen verschiedenfarbige T-Shirts – eine ein rotes, die andere ein schwarzes. Noch bevor die Handlung im Video begann, wiesen die Experimentatoren die Kinder darauf hin: “Sie gehört zur roten Gruppe” oder “Sie gehört zur schwarzen Gruppe”. Nach dem Anschauen der Videos traten zwei fremde Personen auf, die jeweils ein rotes oder schwarzes T-Shirt trugen. Die Forscher wiesen die Kinder auf die Farbe hin und erklärten, sie seien die “besten Freunde” der im Video gesehenen Frau. Die kleinen Probanden sollten auch diesmal angeben, wen sie netter fanden und wem sie ein Spielzeug geben würden.





