Joschka Fischer ist wohl das bekannteste Beispiel für den Jojo-Effekt: Auf alten Fotos, die vor seiner Außenministerzeit datieren, sieht man ihn pausbäckig, später dann drahtig und emsig joggend in der Begleitung von Bodyguards. Am Ende seiner Amtszeit hatte er jedoch offensichtlich die abgespeckten Pfunde wieder drauf. Worüber man bei Joschka Fischer feixt, weil er ein Mensch der Öffentlichkeit ist, ist eigentlich eine ernste Sache. Denn neue Studien weisen darauf hin, dass das Auf und Ab der Kilos nicht nur das Körpergewicht weiter steigen lässt – es schadet zudem der Gesundheit. „Gewichtsschwankungen könnten schädlicher als stabiles Übergewicht sein, betrachtet man etwa das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden”, warnt Hans-Georg Joost, Präsident des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (Dife). So hat Steven Blair, Sportmediziner am Cooper-Institut in Dallas, USA, bereits vor einigen Jahren in einer Langzeitstudie nachgewiesen: Das Risiko beleibter Männer, an einer Herzkrankheit zu sterben, verdoppelt sich, wenn ihr Gewicht mehrmals um über fünf Prozent schwankt.
Falsche Fette im Depot
Auch das Dife selbst hat in seiner EPIC-Studie Fakten vorgelegt: Heiner Boeing, Chef-Epidemiologe am Dife, hat im Jahr 2005 über 27 000 gesunde Frauen und Männer danach befragt, ob sie in den vergangenen zwei Jahren mindestens fünf Kilo ab- und wieder zugenommen hätten. Er fand heraus: „Weight Cycler” – Menschen mit rasch wechselndem Körpergewicht – litten signifikant häufiger an Bluthochdruck als Probanden, die ihr Gewicht hielten oder bloß Fettdepots ansetzten. Mehrere Mechanismen spielen mit, wenn nach Diäten die Kilos in Windeseile wiederkehren: Der Körper fährt bei Hungerkuren seinen Energieverbrauch zurück, weil bei fast allen Diäten nicht nur Fettmasse, sondern auch Muskeln abgebaut werden. Zudem weiß man aus Tierstudien: Bei Ratten, die man abwechselnd mästete und wieder darben ließ, waren die Enzyme, die zum Deponieren von Fett notwendig sind, wesentlich aktiver. Je häufiger man die Versuche wiederholte, desto stärker wurden diese Enzyme hochreguliert. Veränderungen im Fettgewebe könnten auch der Grund sein, warum der Jojo-Effekt dem Herzen schadet. Die untersuchten Ratten hatten in ihren Fettzellen mehr gesättigte Fettsäuren eingelagert als Tiere, die einfach nur gemästet worden waren.
„Je mehr gesättigtes Fett in den Depots schlummert, desto größer ist das Risiko für Herzkrankheiten”, schreibt Jean-Pierre Montani, Mediziner an der Universität Fribourg, Schweiz, im International Journal of Obesity. Warum das so ist, weiß bislang niemand. In den Phasen, in denen kräftig gefuttert wird, steigen zudem Blutdruck und Puls sowie der Anteil von Leptin, Glukose, Insulin, Triglyceriden und Cholesterin im Blut – und zwar überproportional stark. „In dieser Zeit wird den Gefäßen extrem zugesetzt und ein Diabetes Typ 2 begünstigt. Dies kann in den Abnehm-Phasen nicht wieder gutgemacht werden”, so Montani. Auch die Nieren kurbeln ihre Filtrationsrate an – das schädigt die Nierenfunktion und begünstigt wiederum eine Hypertonie.
die Seele leidet mit
Andere Bevölkerungsstudien zeigten: Menschen, die in die Jojo-Falle tappen, erkranken häufiger an Gallensteinen, Gebärmutter- und Nierenkrebs sowie an Osteoporose. Noch sind das nur Korrelationen, für einen ursächlichen Zusammenhang fehlen bislang plausible Erklärungen. Viel Leptin im Blut und Chaos im Zuckerstoffwechsel werden zwar für die Krebsentstehung mitverantwortlich gemacht. So heißt es, Insulin docke an Antennenmolekülen von Krebsvorläuferzellen an und fördere damit deren Wachstum. Doch das gilt nur für bestimmte Krebsarten, etwa in Gebärmutter- oder Brustgewebe. „Über die Mechanismen, wie der Jojo-Effekt bestimmte Krankheiten fördert, wissen wir noch zu wenig”, sagt Heiner Boeing. Auch wenn die Details noch unklar sind: „Weight Cycler haben eine erhöhte Sterblichkeitsrate”, lautet Boeings Resümee für die Weltgesundheitsorganisation (WHO), das er im „Handbook of cancer prevention No. 6″ formulierte.
Wenn nach Diäten die Pfunde immer wiederkehren, schlägt das auch aufs Gemüt. In einer aktuellen Harvard-Studie diagnostizierten Ärzte häufiger Depressionen, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch bei jungen Akademikerinnen mit schwankendem Gewicht, nicht jedoch bei bloßer Gewichtszunahme. Grace Wyshak, Psychiaterin und Autorin der Studie, gibt allerdings zu bedenken: „Bislang ist nicht klar, was zuerst kommt: psychische Probleme oder Gewichtsschwankungen.” Schon frühere Studien und Erfahrungen aus der Praxis haben Hinweise darauf gegeben, dass der Jojo-Effekt das Selbstwertgefühl erheblich mindert. „Die Betroffenen berichten von Gefühlen wie Kontrollverlust und Versagen und machen sich Selbstvorwürfe”, so Johanna Friedli, promovierte Psychologin am Kompetenz-Zentrum für Essstörungen und Adipositas in Zürich. Durch das geänderte Körperbild haben vor allem Frauen das Gefühl, weniger attraktiv zu sein. Zudem sind Gewichtsschwankungen sichtbarer als eine stete Zunahme. „Die Umwelt reagiert entsprechend negativ”, so Friedli. Denn Gewichtsprobleme halten die meisten Menschen für selbst verschuldet. Dabei gilt heute als bewiesen, dass Gene und eine dick machende Umwelt – falsche Ernährungserziehung, Bewegungsmangel von Kindesbeinen an – wesentliche Ursachen dafür sind, dass immer mehr Menschen Übergewicht haben. Laut der US-Studie NHANES neigt jeder dritte Übergewichtige zu Jojo-Diäten. In Finnland sind sogar knapp 30 Prozent der Bevölkerung betroffen. Zahlen für Deutschland gibt es bislang nicht. Im Grunde müsste man 90 bis 95 Prozent derjenigen einbeziehen, die mindestens einmal in ihrem Leben eine Diät machen. Denn so hoch ist die Rückfallquote: Sie alle schaffen es nicht, ihr Gewicht länger als ein Jahr zu halten.
Frauen sind nicht nur häufiger übergewichtig, sie unterziehen sich auch häufiger Diäten. In der Praxis von Adipositas-Therapeuten sind acht von zehn Patienten weiblich. Andere Eigenschaften, die einen für den Jojo-Effekt prädestinieren, konnten bislang nicht aufgedeckt werden. Eine aktuelle US-Studie zeigte immerhin: Gefährdet sind vor allem Menschen, die in Crash-Diäten viele Pfunde herunterhungern, dafür aber stundenlang täglich fernsehen und kaum sportlich aktiv sind.
Schon Kinder sind auf Diät
Das Thema ist von erheblicher Brisanz. Die Menschen werden weltweit immer dicker. Gleichzeitig sind schon Kinder und Jugendliche vom Schlankheitswahn betroffen: In einer Studie, die Alison Field, Wissenschaftlerin der Harvard Medical School, unter amerikanischen Schülern durchgeführt hat, war jedes vierte 9- bis 14-jährige Kind auf Diät. Doch soll man generell von Diäten abraten, weil sie so häufig in den Misserfolg führen? Nein, sagen die Experten einhellig. Aber: „Diäten sollten bei Kindern und Jugendlichen nur gemeinsam mit einem Arzt durchgeführt werden”, empfiehlt etwa die US-Forscherin Field. Für Erwachsene gilt: „ Keine Crash-Diäten, sondern dauerhafte Umstellung der Ernährungsgewohnheiten und körperliche Aktivität”, meint Dife-Präsident Joost. Friedli plädiert zudem für einen Besuch beim Psychotherapeuten: „Verhaltensweisen wie Essen gegen Stress können das Übergewicht nicht nur verursachen, sondern auch den Diäterfolg immer wieder zunichte machen.” ■
Kathrin Burger
Kompakt
· Das Auf und Ab der Kilos kann zu ernsten Stoffwechselstörungen wie Diabetes und Herzkrankheiten führen und sogar Krebs begünstigen.
· Bei jungen Akademikerinnen gibt es einen Zusammenhang zwischen Diäten, Depressionen und Suchtverhalten.
INTERNET
Deutsches Institut für Ernährungsforschung: www.dife.de





