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Vorsicht bei TikTok-Videos zu psychischen Störungen
Gesellschaft & Psychologie

Vorsicht bei TikTok-Videos zu psychischen Störungen

Viele Klicks, wenig Wahrheit: Videos zu psychischen Störungen sind auf TikTok verbreitet und beliebt. Doch wie korrekt sind die darin geteilten Informationen? Das haben Forschende jetzt erstmals für deutschsprachige TikTok-Videos zu sechs psychischen Störungen untersucht, darunter ADHS, Autismus, Depression und…
Autor
Redaktion
03. Juni 2026
Lesezeit
4 Minuten
Rubrik
Gesellschaft & Psychologie

„ADHS ist eine Superkraft“, „Narzissten können nicht lieben“, „Autistische Menschen haben keinen Orientierungssinn“: Solche Aussagen erreichen auf TikTok Millionen Menschen. Gerade Jüngere schauen sich die kurzen Videos nicht mehr nur zur Zerstreuung an, sondern nutzen die TikTok-Videos auch als Informationsquelle – beispielsweise zu mentalen Erkrankungen und psychischen Störungen. Häufig werden die in solchen Videos beschriebenen Symptome dann für die Selbstdiagnose genutzt.

Doch das kann schwerwiegende Folgen haben: „Medizinische Falschinformationen können zu einer verzögerten oder ineffektiven Behandlung führen, das Leiden der Betroffenen verlängern und verstärken und zu einer Chronifizierung führen“, erklären Aaron Mroß vom Universitätsklinikum Essen und der Universität Witten/Herdecke und seine Kollegen. Einige Studien zu TikTok-Videos im englischsprachigen Raum legten bereits nahe, dass bis zu 90 Prozent solcher Videos irreführend sein könnten.

177 Videos mit zusammen 94 Millionen Klicks

Doch wie sieht es mit deutschsprachigen Videos auf TikTok aus? Sind auch sie größtenteils fachlich inkorrekt? Und wie unterscheidet sich dies für verschiedene Formen mentaler Störungen? Das haben Mroß und seine Kollegen jetzt genauer untersucht. Dafür analysierten sie Kurzvideos zu den sechs am häufigsten auf TikTok vorkommenden psychischen Erkrankungen: ADHS, Depression, Autismus, Angststörungen, Narzissmus und posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

Für ihre Studie schufen sie zunächst ein TikTok-Profil, das den Hashtags dieser sechs psychischen Störungen folgt. Dann wählte das Team die jeweils ersten 30 vom TikTok-Algorithmus zu diesen sechs Themen angezeigten Videos aus und lud sie herunter. Sie untersuchten dann, wie korrekt, ungenau oder fehlerhaft die darin geteilten Informationen waren und ob das jeweilige Video von einem Laien, einem Betroffenen oder einem Experten stammte. Insgesamt analysierten sie knapp 180 deutschsprachige TikTok-Videos, die zusammen mehr als 94 Millionen Mal geklickt worden waren.

Nur jedes fünfte Video ist korrekt

Das Ergebnis: Nur 19,2 Prozent der TikTok-Videos – knapp jedes Fünfte – stellten die psychischen Störungen und ihre Symptome korrekt dar, wie die Forschenden ermittelten. „Dass wir problematische Inhalte finden würden, hatten wir erwartet“, sagt Mroß. „Dass aber so viele Videos falsche Informationen verbreiten, hat uns doch überrascht.“ Rund ein Drittel der TikTok-Videos war sachlich inkorrekt, weitere gut 18 Prozent waren stark verallgemeinert und dadurch in Teilen irreführend. Rund 29 Prozent der Videos schilderten lediglich persönliche Erfahrungen.

Für Laien ist dabei oft kaum zu erkennen, welche Videos auf TikTok richtige, hilfreiche Informationen enthalten und welche nicht. Dazu kommt, dass nur 18 Prozent der TikTok-Videos von Psychologen und anderen Fachleuten stammten, mehr als 50 Prozent wurden von Betroffenen hochgeladen und knapp 30 Prozent von Laien. Die Videos der letzten beiden Gruppen waren besonders häufig entweder extrem subjektiv, falsch oder zumindest irreführend, wie Mroß und seine Kollegen berichten.

PTBS noch am besten, Narzissmus komplett daneben

Wie verlässlich und richtig Informationen auf TikTok sind, hängt jedoch auch von der Art der psychischen Störung ab, wie das Team feststellte. Zur posttraumatischen Belastungsstörung waren fast zwei Drittel der TikTok-Videos korrekt, bei Depression dagegen weniger als ein Drittel. Bei ADHS, Angststörungen oder Autismus lagen die Anteile der richtigen Informationen nur um die zehn Prozent.

Mit Abstand am schlechtesten schnitten Videos über Narzissmus ab. Kein einziges der analysierten Videos wurde als korrekt bewertet. Viele Inhalte stellten Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung pauschal als kalt, manipulativ oder beziehungsunfähig dar. „Das wird den Betroffenen nicht gerecht“, sagt Mroß. „Viele dieser Menschen haben selbst schwere, belastende Erfahrungen gemacht.“

Was sind die Folgen?

Damit bestätigen die Ergebnisse, dass auch im deutschsprachigen TikTok jede Menge Fehlinformationen über psychische Erkrankungen kursieren. Das bedeutet: Wenn gerade jüngere Menschen sich vorwiegend über diese Plattform informieren, laufen sie Gefahr, falsche Vorstellungen von Störungen wie ADHS, Depression, Autismus oder Zwangsstörungen zu entwickeln. Das kann dazu führen, dass sie falsche Selbstdiagnosen treffen. So werden beispielsweise Konzentrationsprobleme auf TikTok oft mit ADHS gleichgesetzt, obwohl sie viele Ursachen haben können.

Die Forschenden warnen deshalb davor, alltägliche oder unspezifische Symptome vorschnell selbst als psychische Erkrankungen oder Störungsbilder zu diagnostizieren. Hinzu kommt: „Mehr als 90 Prozent der TikTok-Videos zu ADHS-Tests verwiesen auf irreführende oder fehlerhafte Tests und Informationen“, berichten Mroß und sein Team. Wer diese Tests absolviert, kann schnell zu dem Schluss kommen, unter einer ernsten psychischen Störung zu leiden, obwohl er gesund ist. Umgekehrt können echte Erkrankungen dadurch verharmlost werden.

Mroß und seine Kollegen raten daher dazu, medizinische und psychologische Informationen auf Social Media besonders kritisch zu hinterfragen und darauf zu achten, wer die Videos produziert hat – ob ein Experte oder Laie. Wer den Verdacht hat, selbst von einer psychischen Störung betroffen zu sein, sollte besser fachliche Beratung einholen, sei es bei psychologischen Beratungsstellen, Psychotherapeuten oder auch anerkannten Selbsthilfeorganisationen.

Quelle: Aaron Mroß (Universitätsklinikum Essen/ Universität Witten/Herdecke) et al., Clinical Psychology in Europe, 2026; doi: 10.32872/cpe.17279

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