„ADHS ist eine Superkraft“, „Narzissten können nicht lieben“, „Autistische Menschen haben keinen Orientierungssinn“: Solche Aussagen erreichen auf TikTok Millionen Menschen. Gerade Jüngere schauen sich die kurzen Videos nicht mehr nur zur Zerstreuung an, sondern nutzen die TikTok-Videos auch als Informationsquelle – beispielsweise zu mentalen Erkrankungen und psychischen Störungen. Häufig werden die in solchen Videos beschriebenen Symptome dann für die Selbstdiagnose genutzt.
Doch das kann schwerwiegende Folgen haben: „Medizinische Falschinformationen können zu einer verzögerten oder ineffektiven Behandlung führen, das Leiden der Betroffenen verlängern und verstärken und zu einer Chronifizierung führen“, erklären Aaron Mroß vom Universitätsklinikum Essen und der Universität Witten/Herdecke und seine Kollegen. Einige Studien zu TikTok-Videos im englischsprachigen Raum legten bereits nahe, dass bis zu 90 Prozent solcher Videos irreführend sein könnten.
177 Videos mit zusammen 94 Millionen Klicks
Doch wie sieht es mit deutschsprachigen Videos auf TikTok aus? Sind auch sie größtenteils fachlich inkorrekt? Und wie unterscheidet sich dies für verschiedene Formen mentaler Störungen? Das haben Mroß und seine Kollegen jetzt genauer untersucht. Dafür analysierten sie Kurzvideos zu den sechs am häufigsten auf TikTok vorkommenden psychischen Erkrankungen: ADHS, Depression, Autismus, Angststörungen, Narzissmus und posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).
Für ihre Studie schufen sie zunächst ein TikTok-Profil, das den Hashtags dieser sechs psychischen Störungen folgt. Dann wählte das Team die jeweils ersten 30 vom TikTok-Algorithmus zu diesen sechs Themen angezeigten Videos aus und lud sie herunter. Sie untersuchten dann, wie korrekt, ungenau oder fehlerhaft die darin geteilten Informationen waren und ob das jeweilige Video von einem Laien, einem Betroffenen oder einem Experten stammte. Insgesamt analysierten sie knapp 180 deutschsprachige TikTok-Videos, die zusammen mehr als 94 Millionen Mal geklickt worden waren.
Nur jedes fünfte Video ist korrekt
Das Ergebnis: Nur 19,2 Prozent der TikTok-Videos – knapp jedes Fünfte – stellten die psychischen Störungen und ihre Symptome korrekt dar, wie die Forschenden ermittelten. „Dass wir problematische Inhalte finden würden, hatten wir erwartet“, sagt Mroß. „Dass aber so viele Videos falsche Informationen verbreiten, hat uns doch überrascht.“ Rund ein Drittel der TikTok-Videos war sachlich inkorrekt, weitere gut 18 Prozent waren stark verallgemeinert und dadurch in Teilen irreführend. Rund 29 Prozent der Videos schilderten lediglich persönliche Erfahrungen.





