Bei der Recherche dieser Geschichte hat sich Sascha Karberg oft gefragt, warum die Amish zugunsten der Wissenschaft so große Zugeständnisse machen, obwohl sie doch isoliert vom Rest der Welt leben. Eine überraschende Antwort gab ihm Naomi Esh, eine 50-jährige Amish-Frau: „Ich habe nicht das Gefühl, dass wir isoliert sind, wir fühlen uns verbunden”, sagte sie. „Die Nicht-Amishen können gut ohne uns leben, aber wir nicht ohne sie, denn wir brauchen mehr von ihnen als sie von uns. Zum Beispiel müssen wir für alles, wofür eine höhere Bildung nötig ist, außerhalb unserer Gemeinde nach Hilfe suchen.”
Auch Gen-Forscher Alan Shuldiner hat die Erfahrung gemacht, dass die Amish zwar abgesondert leben, aber nicht abgeschottet vom Wissen der Welt. „Sie haben keine höhere Bildung, weil sie nur bis zur 8. Klasse zur Schule gehen”, sagt er. „Aber sie sind alles andere als dumm. Selbst ohne die Details zu kennen, verstehen sie genug von Vererbung, um zu wissen, dass sie möglichst keine Cousins oder Cousinen ersten Grades heiraten sollten.” Über die Konsequenzen ihres Lebensstils musste er sie nicht extra aufklären. „Zum einen, weil sie Bescheid wissen. Zum anderen, weil schwerbehinderte Kinder, die in unserer Kultur als eine große Bürde für Familie und Gesellschaft empfunden werden, bei den Amish als Gottesgeschenke angesehen und von der Gemeinschaft verehrt werden.”
Haben die Jahre der Zusammenarbeit mit den Amish Shuldiner verändert? „Oh ja, die Amish können die Außenwelt eine Menge lehren. Die Bedeutung von Familie und Gemeinschaft ist in unserer Kultur abhanden gekommen. Ich habe mich jahrelang gewundert, warum sich die meisten jugendlichen Amish, die für eine gewisse Zeit unsere Autos und Fernseher testen dürfen, für eine Rückkehr in die Amish-Gemeinde entscheiden. Aber wer ein paar Tage bei den Amish verbringt, versteht ihre Wertvorstellungen besser. Es ist ein sehr behagliches Gefühl zu wissen, dass immer jemand da ist, der sich um einen kümmert, wenn die Zeiten hart werden, ob man nun jung oder alt ist.”





