Nein, Menschliches ist diesem Gelehrten ganz und gar nicht fremd: Lustvoll spürt er den Höhlengeheimnissen des Bauches nach, erweist der bitteren Galle seine Referenz und der melancholischen Milz. Gemächt und Geschlecht würdigt er ausführlich, aber auch Ohrenmirakel, Nasenwürmer und rollende Köpfe. Rudolf Schenda, ehemals Ordinarius für Europäische Volksliteratur an der Universität Zürich, begibt sich in seiner Dokumentation in die Rolle eines enthusiastischen Anatomen, der mit den Mitteln der Literatur- und Kulturwissenschaft den Körper in acht Portionen seziert – beginnend mit Haut und Haar, endend mit Hand und Fuß.
Es fängt immer ganz harmlos an: Schenda referiert zu Beginn erst einmal, worum es überhaupt geht. Etwa um die Nase, ein “recht schlichtes und einfaches Gebilde”, und landet dann irgendwann unversehens inmitten der Schrecken des Dreißigjährigen Krieges: “… behielt zwar ihre Jungfernehre, doch die Kerle schnitten ihr die Nase ab”. Dazwischen stehen Berichte aus der Praxis von Arzt und Folterknecht. Bewundernswert ist die Experimentierfreude der Doktoren, erstaunlich die Leidensfähigkeit der Patienten, noch bizarrer die Ausgeburten der Phantasie, wovon die zitierten Märchen, Sagen und Märtyrerlegenden schauerliches Zeugnis ablegen.
Schenda zieht einen weiten Bogen von der Antike bis zur Jetztzeit, um den Wandel des Menschenbildes im Lauf der Jahrhunderte zu dokumentieren und zu kommentieren. Daß er das lehrreiche Vorhaben sprachgewaltig und ungemein unterhaltsam vorantreibt, mindert in keiner Weise die wissenschaftliche Seriosität.
“Gut bei Leibe” erlaubt einen anderen, entspannteren Blick auf die eigene Körperlichkeit, ihre Wonnen und Beschwerden. Denn, wie Schenda meint: “Verschlungen sind die Wege der Gedärme; seltsam, daß noch niemand sie zum Sinnbild des menschlichen Lebens erkürt hat.
Rudolf Schenda GUT BEI LEIBE Hundert wahre Geschichten vom menschlichen Körper C.H. Beck München 1998 436 S., DM 48,-
Hans Schmidt / Rudolf Schenda




