Der amerikanische Militär-Konvoi ist auf einer holprigen Wüstenstraße im Irak unterwegs. Plötzlich ohrenbetäubender Lärm: Ein Humvee explodiert, schwarzer Rauch steigt auf. Rebellen greifen die Fahrzeuge von allen Seiten an – Schüsse, Schreie. Der Geruch nach verbranntem Gummi schwängert die Luft.
Bereits seit 2008 komponiert Skip Rizzo derartige Schreckensszenarien an seinem Computer. Der Forscher vom kalifornischen Institute for Creative Technology erschafft virtuelle Kriegswelten. Traumatisierte Soldaten, die mit ihren Erinnerungen nicht fertig werden, sollen in sie eintauchen.
Es ist ein Therapieprogramm auf allen Sinnesebenen – mit Kopfhörern, Brillen-Display, einer Gerüche versprühenden Duftorgel, vibrierenden Fahrsimulatoren und einer Spielkonsole, die der Patient in Händen hält, in Form einer nachgebauten Kalaschnikow. Damit „kämpft” er sich durch sein individuelles Trauma und verarbeitet es dabei, unter ständiger Aufsicht eines Psychologen (bild der wissenschaft 10/2008, „Heilung durch Kriegsspiele”). Rizzos Konzept traf den richtigen Nerv: Was damals als Virtual Reality Exposure Therapy System (VRET) in 20 medizinischen Einrichtungen zur Probe stand, hat sich mittlerweile in 80 Zentren in den USA als festes Therapieangebot etabliert – auch im rheinland-pfälzischen Landstuhl, wo sich das größte Militärkrankenhaus außerhalb der USA befindet. „Mehr als 2000 Veteranen haben VRET bisher genutzt”, berichtet der Psychologe und ist stolz auf eine enorme Erfolgsquote von 80 Prozent.
Doch für Rizzo hat der Cyberspace nicht nur das Potenzial, mentale Wunden zu heilen. Sein Team kreierte 2014 eine virtuelle Simulation – von Technik und Aufwand dem VRET-System ähnlich –, das Soldaten in sechs Sitzungen schrittweise auf traumatische Ereignisse vorbereiten soll. Genauer gesagt: Das Training soll sie abstumpfen.
„Wir schicken sie für fünf bis acht Minuten auf eine virtuelle Mission in ein Kriegsgebiet, beispielsweise um den Dorfältesten zu finden”, erklärt Rizzo. Aber dann passiert etwas Furchtbares – eine Frau wird öffentlich misshandelt, ein Kind läuft durch ein Minenfeld und stirbt, ein Kamerad muss bestattet werden. Währenddessen dokumentiert Rizzo Herz- und Pulsfrequenz der Probanden und nimmt Blutproben, um vor und nach dem induzierten Trauma den Pegel an Stressfaktoren messen zu können.
In einer Pilotstudie hat Rizzo 2014 diese Simulation an 30 männlichen und weiblichen Soldaten unterschiedlichen Alters und Berufserfahrung getestet, die anschließend neun Monate lang in Afghanistan kämpften und derzeit psychisch evaluiert werden. „So etwas wurde noch nie zuvor gemacht”, sagt Rizzo und hofft, dass dieses Trauma-Training psychische Leiden mindern oder gar komplett verhindern kann.
Sollte dabei herauskommen, dass manche der jungen Soldaten für Kriegseinsätze gänzlich ungeeignet sind und keine Zukunft in der Armee haben, hat Rizzo für sie ebenfalls eine virtuelle Lösung parat. Seit wenigen Monaten steht am Veteranen-Center im kalifornischen Long Beach ein von ihm entwickeltes Interviewprogramm. Junge arbeitslose Veteranen können hier die verschiedensten Situationen eines Bewerbungsgesprächs simulieren, etwa mit einem netten oder einem ruppigen Personalchef. Während der Jobsucher auf 20 Fragen antwortet, laufen Kamera und Tonbandgerät. Später gibt es Feedback von einem Psychologen.
„Wir wollen damit das Selbstvertrauen der jungen Leute stärken” , sagt Rizzo. „Der Übergang vom Militär- zum Zivilleben fällt vielen schwer.” In den Vereinigten Staaten haben 25 Prozent aller 18- bis 24-jährigen Ex-Soldaten keine Arbeit. Bei den gleichaltrigen Zivilisten sind es nur 16 Prozent. Désirée Karge





