„Ein Kringel ist kein A…loch”. So titelte unlängst die Berliner Boulevardzeitung BZ. Es ging um die Geschichte zweier Männer im Straßenverkehr. Der eine, ein Feuerwehrmann, zeigte dem anderen, einem Polizisten, aus dem Auto heraus mit Daumen und Zeigefinger besagten Kringel. Der Polizist fand das gar nicht komisch. Tief beleidigt zerrte er den Feuerwehrmann vors Amtsgericht Tiergarten. Dort gab sich der Hauptbrandmeister überrascht und führte aus, die Kringelgeste sei nicht bös gemeint, sondern ein Zeichen für „Alles prima!”. Der Richter recherchierte den gestischen Fall und kam zu dem Schluss, dass beide Bedeutungen geläufig sind. Er sprach den Feuerwehrmann frei. Hätte sich der Polizist vorher bei Massimo Serenari an der Arbeitsstelle für Semiotik der Technischen Universität Berlin erkundigt, hätte er sich den Gang vor den Kadi vielleicht erspart. Denn dort ist schon lange bekannt, dass die justiziable Kringelgeste alles mögliche heißen kann: Überliefert auf 2500 Jahre alter Vasenmalerei, galt sie den Griechen als Symbol der Liebe, wurde aber auch zur Untermalung präziser Aussagen genutzt. Verbriefter Ursprung: Daumen und Zeigefinger symbolisieren sowohl sich küssende Lippen als auch den Präzisionsgriff nach einem kleinen Gegenstand. Zum Symbol einer Körperöffnung, und damit zur sexuellen Beleidigung, mutierte der Fingerring erst später, so die Forscher. Auch dass der Kringel das „O” von „O.K.” – den Initialen eines für seine Präzision bekannten Ingenieurs – und damit „Alles prima!” symbolisiert, ist neueren Datums. Hätte der Feuerwehrmann hingegen – anstatt einen Kringel zu machen – den Mittelfinger gereckt, hätte ihm auch die Wissenschaft nicht helfen können. Eindeutig als Phallussymbol identifiziert, war diese Geste schon in der griechisch-römischen Antike ein Affront. Die Berliner Semiotiker wissen das so genau, weil sie seit Jahren an einem Buch schreiben, das von Tag zu Tag dicker wird, ohne dass ein Ende absehbar wäre: Das „Berliner Lexikon der Alltagsgesten” wird es heißen und soll, so das unbescheidene Ziel, Bedeutung und Herkunft sämtlicher Gesten Mitteleuropas aufführen. Hunderte von Hand-, Arm- und Kopfgesten haben sie dafür unter die Lupe genommen, um von „Arsch zeigen” bis „Zähne blecken” das schier unerschöpfliche Ausmaß menschlicher Gebärden kulturell und verbal zu entschlüsseln: Warum hebt der Mensch den Arm zum Gruß, wie legt er die Hand ans Ohr, seit wann streckt er den Mittelfinger in die Höhe? Fragen über Fragen. Serenari und seine Mitarbeiter suchten nach Hinweisen in antiken Schriften und mittelalterlichen Büchern, studierten die Malerei auf griechischen Vasen, Fresken, Mosaiken, befragten Ägyptologen, Assyrologen und selbst Franziskanermönche, und sie forschten natürlich in den Straßen der Hauptstadt: Dutzende von Berlinern – vom Pastor bis zur Hausfrau – gaben Auskunft über ihre Gestenkenntnisse. Neben dem praktischen Nutzen eines solchen „ Gestikons”, wie die Forscher ihr Werk nennen, dient das Buch in erster Linie dem tieferen Verständnis menschlicher Kulturentwicklung. „Die meisten Gesten haben ihren Ursprung in einer Handlung”, sagt Dr. Cornelia Müller, Linguistin und Psychologin an der Freien Universität Berlin. Die Spurensuche nach dem Ursprung einer Geste führt daher meist zu einer Tätigkeit, die Hinweise auf die jeweilige Kultur gibt, in der die Geste geboren wurde. Zum Beispiel die Grußhand: Wer in früheren Tagen das Visier der Rüstung hochklappte oder den Helm abnahm, zeigte deutlich, dass er kein Feind ist und nicht kämpfen will. Die Waffe niedergelegt, wird die Hand als verbindliches Zeichen für den Frieden gereicht. Aus den einst handfesten Bedeutungen sind im Laufe mehr und mehr freundschaftliche Alltagsgesten geworden: das Hutlupfen und das Handheben. „Wann immer jemand eine Körperbewegung macht, die keinen physischen Zweck zu haben scheint, versuchen die Anwesenden, sie als Zeichen zu interpretieren”, beschreibt Roland Posner, Semiotikprofessor an der TU Berlin, das Wesen der Geste. Genau genommen geht es dabei nur um jene Gesten, die – für sich allein verständlich – ganze Sätze oder einzelne Worte ersetzen können, so genannte Embleme wie eben die Grußhand („Hallo!”) oder der erhobene Zeigefinger („ Pass bloß auf!”). Der Gegensatz dazu sind spontane, redebegleitende Gesten, die in der Regel nur zusammen mit dem Erzählten verständlich sind. An der TU Berlin geht Posner der Frage nach, wie emblematische Gesten überhaupt entstehen. Am Anfang steht meist eine zweckgebundene Handlung. Ein Kind, das auf die heiße Herdplatte fasst, verzieht das Gesicht vor Schmerz, schüttelt die Hand und pustet kühle Luft auf die Finger. Sieht die Mutter diese Handbewegung, weiß sie sofort, was los ist und eilt dem Kind zur Hilfe – und der Sprössling lernt, dass man durch diese Bewegung zeigen kann, was passiert ist. Verbrennt sich das Kind noch einmal die Finger, wird es wieder so handeln, auch dann, wenn es gar nicht sehr weh tut. Der erste Schritt zur Geste ist getan, so Posner, der ursprüngliche Zweck – das Kühlen der Finger – tritt hinter dem Ziel zurück, durch diese Handlung die Aufmerksamkeit anderer auf das Ereignis zu lenken. Durch Übertreiben oder Vereinfachen wird die Handlung mehr und mehr ritualisiert. Losgelöst vom ursprünglichen Zweck kann das Händeschlenkern nun als Warnung vor allen möglicherweise heißen Gegenständen eingesetzt werden. In einem letzten Schritt wird die Geste durch weiteres Ritualisieren zur Metapher für eine „heiße Sache” überhaupt. Mehrmaliges Handschlenkern, verbunden mit einem leisen Pfeifen, kann dann vor einer heißen Transaktion warnen („ Lass die Finger davon!”) oder eine brenzlige Situation im Straßenverkehr kommentieren („Das war knapp!”) und dient somit nur noch der Kommunikation. Aus einer Zweckhandlung ist eine Kulturhandlung geworden. Seit wann der Mensch gestikuliert, ist nicht bekannt. Ebenso wenig ist geklärt, was zuerst da war: die Geste oder das Wort. „Vermutlich haben sich Sprache und Gestik Hand in Hand entwickelt”, meint Cornelia Müller. „Gefühle wurden wahrscheinlich schon sehr früh lautlich geäußert. Aus dem Greifen nach einem Gegenstand wurde jedoch wohl schon früh die Zeigegeste.” Und wie früh? „Es gibt Höhlenmalereien, die Hände zeigen, an denen einige Finger fehlen”, erzählt die FU-Linguistin und spekuliert: „Das könnten früheste Zeugnisse menschlicher Gestenkenntnis sein.” Wissenschaftler begeben sich nur äußerst ungern auf so dünnes Eis. Mit dem Finger auf etwas zeigen – diese Geste haben vermutlich schon die ersten Menschen verstanden, die auf Jagd gingen. Schriftlich erwähnt – und damit wissenschaftlich belegt – wird sie erstmals in einem babylonischen Gesetzestext 1750 Jahre vor Christi Geburt. Der Kodex König Hammurabis schrieb damals fest, dass es als ehrverletzend gilt, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Wer sich als Laie auf das weite Feld der Gestenforschung begibt, gerät leicht in die Fallstricke allzu einfacher Alltagserklärungen. Zahlreiche Ratgeberbücher wollen weismachen, die Gestik eines Menschen sei der Schlüssel zu seiner Persönlichkeit, insbesondere die spontanen, redebegleitenden Gesten offenbarten seine innersten Gefühle, so der Tenor. „Humbug” , urteilt Cornelia Müller, „Gesten sind nur im Kontext zu deuten.” Dazu gehören die Beziehung der Gesprächspartner, der Inhalt des Gesprächs und die Situation ebenso wie Körperhaltung, Mimik, Stimme. „Wenn jemand die Arme vor der Brust verschränkt, heißt das noch lange nicht, dass er abweisend und verschlossen ist, weil er wie einst vielleicht der Steinzeitmensch sein Herz vor Angreifern schützt”, so Müller. „Er kann auch einfach nur frieren. Oder die Geste seines Gegenübers imitieren – ein häufig zu beobachtendes Phänomen bei gegenseitiger Sympathie.” Die Vorstellung von der Beredsamkeit des Körpers als „Sprache des Herzens” hat sich dennoch bis heute gehalten. Politiker und Fernsehmoderatoren werden darin geschult, mit der richtigen Gestik Kompetenz und Autorität auszudrücken. „Ob diese Signale tatsächlich ankommen, ist wissenschaftlich bisher kaum erforscht” , sagt Cornelia Müller. Eine Auswahl an ruhigen, gefassten Gesten könne durchaus staatsmännischer wirken als hektisches Gezappel, „ wenngleich es fast unmöglich ist, redebegleitende Gesten bewusst einzusetzen, ohne dass es künstlich wirkt.” Die Kontrolle der Körperbewegungen findet sich als soziales Phänomen schon sehr früh und in allen Kulturen. Auch die antiken Rhetoriker haben das ausufernde Gestikulieren als Makel gebrandmarkt. Ein Standpunkt, der die erhabenen Gesten weltlicher und geistlicher Würdenträger prägte und von Adolph Freiherr von Knigge bis in unsere Zeit getragen wurde. Noch heute gilt die „gezähmte Geste” vielen als Zeugnis von Anstand und guter Bildung, meint Müller. Dieses Dogma verstellte lange Zeit den wissenschaftlichen Blick auf die spontanen Alltagsgesten, sie galten schlicht als nicht der Rede wert. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts änderte der Italiener Andrea de Jorio den Blickwinkel. Dem Archäologen und Kurator am neapolitanischen Antikenmuseum fiel bei seinen Führungen auf, dass die Besucher im Gespräch die gleichen Gesten benutzten, wie sie auf den griechischen und römischen Vasen, Fresken und Mosaiken dargestellt waren. Er ging der Sache auf den Grund und legte 1832 die ersten ethnografischen Beschreibungen über den Gestengebrauch im Alltag vor. Demnach haben die Einwohner Neapels zahlreiche Gesten von ihren griechisch-römischen Vorfahren „ geerbt”. Gesten, da sind sich die Forscher heute einig, werden allerdings nicht biologisch vererbt, sondern sozial: Sie werden gelernt. „Angeborene Gesten gibt es nicht”, so Müller. „Gesten sind kulturell geprägt, und daher gibt es in unterschiedlichen Kulturräumen auch unterschiedliche Gesten.” Auf den Spuren de Jorios untersucht Müller gemeinsam mit dem Briten Prof. Adam Kendon die kulturellen Einflüsse auf alltägliche Gesten. Dass ein Südeuropäer anders gestikuliert als ein Norweger ist zwar schon sprichwörtlich, wissenschaftlich ergründet war das aber bislang nicht. Jetzt ist es raus: Süditaliener und Spanier gestikulieren im Gegensatz zu Briten und Deutschen vor allem sichtbarer und raumgreifender, zum Teil auch mit mehr Vielfalt, so die Ergebnisse von Müller und Kendon. Während ein Nordländer seine sparsamen Gesten meist aus dem Handgelenk nah am Körper schüttelt, entzündet ein Neapolitaner gern ein Gestenfeuerwerk bis hoch über seinem Kopf. Dass dies mit angeborenem Verhalten nichts zu tun hat, belegen Studien mit italienischen US-Einwanderern, die auch in Amerika italienisch weiter gestikulierten, während sich die Gebärden ihrer dort geborenen Kinder an die amerikanische Gestenkultur anglichen. Neben der Vermutung, es gebe angeborene Gesten, haben sich die meisten Forscher mittlerweile auch von der Vorstellung verabschiedet, Gesten könnten eine Art Universalsprache der Menschheit sein. Die Idee einer solchen, der babylonischen Sprachverwirrung entgangenen Verständigungsform kam im 17. Jahrhundert auf, als Seefahrer die Neue Welt entdeckten und berichteten, dass sie sich allein mit Händen und Füßen verständigen konnten. Zwar sind bejahendes Kopfnicken oder verneinendes Kopfschütteln weit über den Erdball bekannt, es gibt aber Ausnahmen: In Griechenland und Bulgarien etwa wird beim Nein genickt. Und einige Gruppen der australischen Aborigines zeigen nicht wie üblich mit dem Zeigefinger, sondern mit dem Mittelfinger. „Es gibt immer kulturelle Variationen”, resümiert FU-Forscherin Müller, „deshalb ist die Frage nach angeborenen Gesten und Universalien vom Tisch.” Sprache und Gesten hängen dagegen untrennbar zusammen. Müllers Untersuchungen zeigen, dass Gesten auch entsprechend Wortschatz und Syntax einer Sprache variieren. Wie das gesprochene Wort, können redebegleitende Gesten Gefühle ausdrücken, an den Zuhörer appellieren oder etwas darstellend beschreiben. „Durch die Möglichkeit, anhand von Gesten einzelne Worte oder Sätze hervorzuheben, macht der Sprecher deutlich, worum es ihm eigentlich geht, was der Kerngedanke seiner Äußerung ist”, fasst Müller aktuelle Forschungsergebnisse zusammen. Manche Wissenschaftler vermuten sogar, dass die spontane Geste beim Sprechen den Ursprung eines Gedankens bildhaft darstellt. Der Amerikaner Prof. David McNeill geht davon aus, dass die Äußerung eines Gedankens ein selbstorganisatorischer Prozess ist, vorangetrieben durch das Zusammenspiel von bildlichen und sprachlichen Vorstellungen. Er hofft, über die Sprach- und Gestenanalyse Einblicke in die Denkweise des Menschen überhaupt zu bekommen. Um der Vielfalt in der Gestenforschung gerecht zu werden und ihr ein eigenes Forum zu bieten, gründet sich in diesem Monat die „International Society for Gesture Studies”. Auf der Gründungskonferenz in Austin, Texas, werden neben Linguisten, Psychologen, Biologen, Medizinern, Kunstgeschichtlern und Forschern aus vielen anderen Wissenschaftsbereichen auch Informatiker erwartet. Am „Berliner Lexikon der Alltagsgesten” waren Informatiker der TU Berlin von Anfang an beteiligt. Sie haben einen „Gebärdenhandschuh” entwickelt, der zum Patent angemeldet ist. Sensoren messen dabei die Gelenkwinkel und die dreidimensionale Beschleunigung der Finger- und Handbewegungen. Damit können heute Roboterhände geführt werden, etwa bei medizinischen Eingriffen oder bei Robotereinsätzen auf gefährlichem Terrain. Doch die Ingenieure wollen mehr: Die tumben Blechgesellen sollen menschlicher werden und vor allem soll der Mensch es einfacher haben, mit ihnen zu kommunizieren. Und weil der Mensch nun mal gerne gestikuliert, arbeiten sie daran, dass der Roboter der Zukunft auch alle seine Gesten verstehen kann – zumindest die wichtigsten wie „Arsch zeigen” oder „Zähne blecken” .
Kompakt
Gesten sind ein unerlässlicher und alter Bestandteil menschlicher Kommunikation. Nicht alle Fingerzeige sind jedoch international, sie können sehr unterschiedliche Bedeutungen haben. Menschliche Gesten sind kein Überbleibsel einer universellen Ursprache.
Kathryn Kortmann Thomas Müller




