In der Wissenschaft sind das biologische Geschlecht und die soziale Geschlechtsidentität, das Gender, von einander getrennte Konzepte. Zudem kennt die Biologie zahlreiche Variationen des klaren Entweder-Oder von „männlich“ und „weiblich“: Zahlreiche Tiere wie Schnecken und Fischen wechseln im Laufe ihres Lebens ihr biologisches Geschlecht oder sind gleichzeitig männlich und weiblich; bei vielen Reptilien bestimmen Umweltfaktoren wie die Temperatur, ob sich in den Eiern Männchen oder Weibchen entwickeln; und auch beim Menschen gibt es Individuen, bei denen das biologische Geschlecht bei der Geburt nicht eindeutig zuzuordnen ist.
Mängel in Lehrbüchern
Inwieweit Biologielehrbücher diese Vielfalt vermitteln, hat nun ein Team um Brian Donovan von der gemeinnützigen Organisation BSCS Science Learning in Colorado Springs analysiert. Dabei wählten die Forschenden sechs Biologiebücher aus, die zwischen 2009 und 2016 veröffentlicht wurden und in schätzungsweise zwei Dritteln der Highschool-Einführungskurse in Biologie in den USA verwendet werden. Aus diesen Büchern analysierten sie jeweils diejenigen Kapitel, die sich mit Genetik oder Geschlecht beschäftigen. Ihre Ergebnisse berichten sie in einem Debattenbeitrag in der Fachzeitschrift Science.
„Unsere Analyse zeigt, dass die Lehrbücher von den etablierten wissenschaftlichen Erkenntnissen über Geschlecht und Gender abweichen“, berichten die Forschenden. Kein einziges der ausgewerteten Werke machte einen Unterschied zwischen biologischem und sozialem Geschlecht. „Stattdessen entspricht die Darstellung eher dem Essentialismus, einer Sichtweise, die davon ausgeht, dass alle Lebewesen von einer festgelegten, ihnen innewohnenden Essenz bestimmt werden. In Bezug auf Geschlecht und Gender hat diese Annahme eine Reihe negativer Folgen, darunter Stereotypisierung und Diskriminierung.“
Essentialistische Konzepte
Die detaillierte Inhaltsanalyse von insgesamt 362 thematisch passenden Abschnitten aus den Büchern zeigte, dass die Lehrwerke auch weitere essentialistische Konzepte unterstützen. Darunter ist die Annahme, dass Männer aufgrund ihrer Genetik auch über das Körperliche hinaus bestimmte männliche Eigenschaften haben und Frauen bestimmte weibliche Eigenschaften, wobei es innerhalb der Geschlechter wenige individuelle Unterschiede gibt. „Das widerspricht der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass komplexe Merkmale wie Fähigkeiten und Interessen vor allem durch soziokulturelle Faktoren beeinflusst werden“, kritisiert das Forschungsteam. „Zudem bleibt unberücksichtigt, dass die Variabilität innerhalb der Geschlechtergruppen größer ist als zwischen den Geschlechtergruppen.“
Donovan und seine Kollegen weisen darauf hin, dass es nicht ungewöhnlich ist, dass Lehrbücher dem aktuellen Stand der Wissenschaft hinterher sind und Ideen vermitteln, die früher als richtig galten, sich dann allerdings als unvollständig erwiesen haben. „Beispielsweise vermitteln viele Biologiebücher bis heute nicht, dass Genetik komplizierter ist als die Vererbungsmuster, die Gregor Mendel im 19. Jahrhundert anhand von Erbsensorten gefunden hat“, schreibt das Team. Dabei ist längst klar, dass die von ihm aufgestellten Regeln eher einen Sonderfall bei der Vererbung darstellen.





