Aktuell gehen Wissenschaftler davon aus, dass die Landwirtschaft vor rund 11.000 Jahren im Bereich des sogenannten Fruchtbaren Halbmonds entstanden ist. Diese Region umfasst den heutigen Irak, Syrien, Israel, den Libanon, Ägypten und Jordanien sowie die Randgebiete der heutigen Südost-Türkei und den westlichen Iran. Wann und wo genau Menschen in diesem Bereich das erste Mal säten und ernteten, ist unklar. Es zeichnet sich allerdings ab, dass die landwirtschaftliche Lebensweise um etwa 8300 v. Chr. bis nach Zentralanatolien vorgedrungen war.
Entstammten die Einwanderer selbst Einwanderern?
Dort kam es dann zu einer folgenreichen Entwicklung: Die frühen anatolischen Bauern wanderten von Anatolien ausgehend in alle Teile Europas ein, die zuvor von Jäger-Sammler-Kulturen geprägt waren. Diese Migration spiegelt sich im Erbgut der Europäer deutlich wider: Es stammt zu einem wesentlichen Teil von diesen anatolischen Bauern, wie genetische Vergleiche bereits gezeigt haben.
Doch woher hatten die anatolischen Überbringer der Landwirtschaft diese Kulturtechnik? Bislang war unklar, ob die Landwirtschaft in Anatolien – ähnlich wie später in Europa – von einer Gruppe einwandernder Bauern überbracht worden war oder ob die lokalen Jäger und Sammler Anatoliens eher selbst die landwirtschaftlichen Praktiken von ihren Nachbarn übernommen haben. Wie sich nun abzeichnet, war offenbar Letzteres der Fall.
Die Studie der Forscher um Michal Feldman vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena (MPI-SHH) basiert auf Analysen sogenannter fossiler DNA: Mit modernen genetischen Methoden ist es möglich, Jahrtausende alten Funden noch Erbgut zu entlocken, das sich für Vergleiche eignet. Konkret untersuchten die Forscher die DNA von acht prähistorischen Skeletten und es gelang ihnen erstmals auch, Genomdaten von den 15.000 Jahre alten Überresten eines anatolischen Jägers und Sammlers zu gewinnen. Dies ermöglichte es dem Team, die DNA dieser Person mit der von späteren anatolischen Bauern sowie von anderen Populationen zu vergleichen, um mögliche Verknüpfungen aufzuzeigen.
Ein 15.000 Jahre altes Genom gewährt Einblicke
Wie die Forscher berichten, zeigten die genetischen Vergleiche: Die überwiegende Mehrheit der frühen anatolischen Bauern stammte von Vorfahren ab, die mit dem anatolischen Jäger-und-Sammler verwandt waren. “Dies deutet auf eine langfristige genetische Stabilität in Zentralanatolien hin”, erklärt Feldman. “Unsere Ergebnisse liefern damit genetische Unterstützung für frühere archäologische Hinweise, die darauf hindeuten, dass Anatolien kein Zwischenstopp für die frühen Bauern aus dem fruchtbaren Halbmond nach Europa war”, sagt Co-Autor Choongwon Jeong. “Es war vielmehr ein Ort, an dem lokale Jäger und Sammler Ideen, Pflanzen und Technologien annahmen, die zu einem landwirtschaftlichen Lebensunterhalt führten.“





