Gängiger Annahme nach führten die Pharaonen des alten Ägypten und ihre Familien ein Leben im Luxus: Sie wohnten in prächtigen Palästen, wurden von Dienern und Sklaven bedient und aßen feinste Speisen. Das zumindest legen Wandbilder in Tempeln und Gräbern, aber auch einige Mumien nahe. Deshalb interpretierten Archäologen Grabbeigaben wie Dolche, Bögen und andere Waffen bei Pharaonen und anderen Angehörigen der ägyptischen Elite als rituelle Beigaben und Machtsymbole – insbesondere bei weiblichen Toten.
Mumien von Pharaonentöchtern untersucht
Doch jetzt könnten uns fünf ägyptische Prinzessinnen eines Besseren belehren. Sie waren Töchter des Pharaos Amenemhet II., der bis 1842 vor Christus über Ägypten herrschte und in einer Pyramide der südlich von Gizeh gelegenen Nekropole Dahschur bestattet wurde. Die kopflosen Mumien seiner Töchter Ita, Khenmet, Itaweret und Noub-Hotep wurden in zwei Grabkammern direkt neben den Königspyramiden von Amenemhet II. und Amenemhet III. gefunden. Die Identität einer fünften dort entdeckten weiblichen Mumie blieb zunächst ungeklärt.
„Die Grabbeigaben dieser Frauen, darunter Pfeile und Bögen, Streitkolben und höfische Insignien, unterstreichen ihren Elitestatus“, erklären Zeinab Hashesh von der Universität Beni-Suef in Ägypten und ihre Kolleginnen. Im Grab von Prinzessin Ita lag zudem ein reich verzierter Dolch. Waren diese Waffen wirklich nur Symbole der Macht? Um das herauszufinden, untersuchten die Bioarchäologin und ihr Team die Knochen und Muskelansatzstellen der im Alter zwischen 20 und 45 Jahren gestorbenen Pharaonentöchter noch einmal genauer.
Ungewöhnlich gut trainierte Schulter- und Armmuskeln
Dabei zeigte sich: Alle fünf Frauen besaßen ungewöhnlich gut entwickelte Muskelansatzstellen im Schulter- und Oberarmbereich. „Dies deutet auf wiederholte, hochintensive Belastungen hin“, erklären die Forschenden. Ebenfalls auffällig war, dass die Muskeln von Armen und Schultern bei den Prinzessinnen asymmetrisch entwickelt waren: Sie hatten zu Lebzeiten vor allem die Finger, Arme und Schultern der rechten Seite belastet und trainiert.
„Wir interpretieren dieses Muster der strukturellen Anpassung als biomechanische Reaktion auf wiederholte, anstrengende Greifaktivitäten, wie sie für das Stabilisieren und Ziehen eines Bogens benötigt werden“, schreiben Hashesh und ihre Kollegen. Skelettmerkmale der Prinzessin Ita legen zudem nahe, dass sie routinemäßig auch Waffen wie Dolche und Streitkolben genutzt haben muss.

Verletzungsspuren am Kniegelenk und Stressfrakturen an den Mittelhandknochen (D) von Prinzessin Itaweret. Unten die stark ausgeprägten Muskelansatzstellen an den Schlüsselbeinknochen. — © Hashesh et al./ Frontiers in Environmental Archaeology, CC-by 4.0
Verletzungsspuren und die Identität der fünften Mumie
Ungewöhnlich auch: An den Knochen mehrerer Prinzessinnen zeigten sich gut verheilte traumatische Verletzungen. Bei Prinzessin Itaweret entdeckten die Forschenden Anzeichen früherer Rippenbrüche, bei Khenmet gab es Hinweise auf wiederholte Stöße gegen das Schienbein. Bei Prinzessin Noub-Hotep fand das Team ebenfalls Indizien für stressbedingte Knochenverletzungen und -veränderungen. „Diese Verletzungen wurden höchstwahrscheinlich durch Unfälle, Stürze, harte Schläge und andere heftige Impakte verursacht“, erklärt Hashesh.
Die wahrscheinliche Identität der fünften in den Prinzessinnengräbern gefundenen Mumie konnten Hashesh und ihre Kollegen durch ihre Untersuchungen ebenfalls klären. Ihre Grabbeigaben umfassten ebenfalls Bogen, Pfeile, Szepter sowie eine Geißel – neben dem Krummstab ein Symbol pharaonischer Macht. Daraus und aus Übereinstimmungen der Knochen und Abnutzungsmuster schließen die Forschenden, dass es sich bei der unbekannten Frau um Sathathormeryt handeln muss, eine weitere Tochter des Pharaos Amenemhet II.
Bogenschießen, Jagd und Waffentraining
Nach Ansicht von Hashesh und ihrem Team legen ihre Befunde nahe, dass die ägyptischen Pharaonentöchter ihr Leben keineswegs nur verwöhnt und bewegungsarm im Palast verbrachten. „Die Mitglieder der königlichen Familie, auch die Frauen, nahmen aktiv an körperlich belastenden Aktivitäten wie dem Bogenschießen und der Jagd teil“, sagt Hashesh. „Davon zeugt die Entwicklung ihrer an starke Muskeln angepassten Knochen.“
Die in den Gräbern der Pharaonentöchter gefundenen Waffen könnten demnach mehr gewesen sein als nur Symbole ihres königlichen Stands. „Die Bögen, Pfeile und Streitkolben in den Gräbern der Prinzessinnen waren nicht bloß symbolische Gaben, sondern Werkzeuge, die sie aktiv genutzt haben“, sagt Hashesh. Ob die Prinzessinnen aus Dahschur damit Ausnahmen unter den weiblichen Familienmitgliedern ägyptischer Pharaonen waren, oder ob es im alten Ägypten noch mehr waffengeschulte Prinzessinnen gab, ist jedoch offen.
Ausnahme für hochrangige Frauen?
Sollten sich die Befunde jedoch bestätigen, würde dies ein neues Licht auf die Privilegien – und Pflichten – hochrangiger Frauen im alten Ägypten werfen. Denn archäologische Funde zeugen davon, dass gewöhnliche Frauen in Ägypten zwar hart arbeiteten, aber nicht an Kämpfen teilnahmen oder mit Waffen trainierten. „Die Belege aus Dahschur komplizieren diese Sichtweise: Offenbar konnte ein hoher sozialer Status die Geschlechterrollen neu definieren oder zumindest erweitern“, so Hashesh und ihr Team.
Quelle: Zeinab Hashesh (University of Beni-Suef, Ägypten) et al., Frontiers in Environmental Archaeology, 2026; doi: 10.3389/fearc.2026.1844402





