Die Fundstätte von Koobi Fora am Turkanasee in Kenia ist für ihre Fossilien und Fußabdrücke früher Menschenformen weltberühmt. In den Gesteinsschichten wurden Knochen von Vor- und Frühmenschen wie Homo ergaster, Homo rudolfensis und Homo erectus gefunden, außerdem Fossilien des vor rund 2,3 bis 1,4 Millionen Jahren lebenden Vormenschen Paranthropus boisei. 2007 wurden ganz in der Nähe versteinerte Fußspuren des Homo erectus entdeckt, 2024 dann gleich alte Abdrücke des Paranthropus boisei.
Zur selben Zeit am selben Ort
„Der Fund von in derselben Fundschicht auftretenden Fußspuren beider Homininenarten lieferte den ersten direkten Beleg dafür, dass diese beiden Spezies in derselben Landschaft koexistierten“, berichten Kevin Hatala von der Chatham University in Pittsburgh und seine Kollegen. Das wirft die Frage auf, wie diese beiden Menschenarten in ihrem Lebensraum zusammenlebten: Gab es größere Unterschiede im Verhalten, den Fähigkeiten oder den genutzten Ressourcen, die die Konkurrenz verringerten und ein gemeinsames Vorkommen ermöglichten?
Bisher gab es darauf nur wenige Antworten – auch, weil von Paranthropus boisei bisher fast nur Schädel erhalten geblieben sind. Einige Paläoanthropologen vermuteten aber, dass der Vormensch deutlich kleiner war als unser Vorfahr Homo erectus und sich auch in seinen Nahrungsvorlieben unterschied. „Aber wegen der wenigen eindeutig zugeordneten Skelett-Fossilien wissen wir relativ wenig über mögliche Unterschiede in Fortbewegung oder Körpergrößen zwischen Homo erectus und Paranthropus boisei“, erklären Hatala und seine Kollegen.
Neue Abdrücke des Paranthropus
Das hat sich nun geändert - dank neuer Spurenfunde. Hatala und sein Team haben bei neuen Ausgrabungen in Koobi Fora weitere Fußabdrücke des Paranthropus boisei entdeckt. Die 1,43 Millionen Jahre alten Spuren stammen von acht verschiedenen Individuen dieses Vormenschen, die damals gemeinsam unterwegs waren. „Die Abdrücke wurden im Sediment am wenige Zentimeter tief überspülten Ufer eines Urzeitsees hinterlassen“, berichtet das Team. Schrittabstände und Abdruckformen legen nahe, dass die Vormenschen eher gemächlich am Seeufer entlangliefen.

Blick über die neu freigelegten Fußspuren in Koobi Fora. — © Kay Behrensmeyer/ Smithsonian
Nähere Analysen ergaben, dass der Paranthropus noch keinen modernen Gang besaß, sondern ähnlich ging wie die älteren Vormenschen der Gattung Australopithecus. Wie diese hatte auch Paranthropus noch einen sehr flachen Spann und rollte den Fuß stark über den großen Zeh ab. „Dies deutet darauf hin, dass sich die Anatomie und Funktion der Zehenballen bei Homo erectus und Paranthropus boisei deutlich unterschieden“, erklären die Forschenden.
1,80 Meter groß und in einer Männergruppe unterwegs
Das Überraschende jedoch: „Die Größe der Fußabdrücke deutet auf menschenähnliche Körpermaße hin, mit einer Körpergröße von bis zu 1,80 Metern und einem Gewicht von etwa 75 Kilogramm“, sagt Hatala. Frühere Studien hatten das mittlere Körpergewicht des Paranthropus boisei dagegen auf nur 30 bis 55 Kilogramm und die Körpergröße auf 130 bis 162 Zentimeter geschätzt. Damit waren die Spurenmacher aus Koobi Fora überraschend groß für einen Vormenschen – und mindestens so groß wie der Frühmensch Homo erectus. Dies widerspricht den früheren Annahmen.
Gleichzeitig liefern die neu entdeckten Fußabdrücke spannende Einblicke in das Leben und Sozialverhalten des urzeitlichen Menschenverwandten. Denn Hatala und seine Kollegen vermuten, dass diese Fußspuren von einer Gruppe nur männlicher Vertreter dieses Vormenschen stammen. „Dass acht überwiegend erwachsene männliche Individuen von Paranthropus boisei hier gemeinsam als Gruppe unterwegs waren – ohne Frauen oder Kinder – deutet auf eine komplexe Sozialstruktur dieser Art hin“, sagt Co-Autor Neil Roach von der Harvard University.
Wie lebten die beiden Arten zusammen?
Zusammengenommen legt dies nahe, dass unser Vorfahr Homo erectus und der Vormensch Paranthropus boisei vor 1,4 Millionen Jahren nicht nur gemeinsam am Ufer eines urzeitlichen Sees lebten. Sie könnten auch ungefähr gleich groß gewesen sein. Das wirft die Frage auf, ob die beiden Homininen direkte Konkurrenten um Nahrung und andere Ressourcen waren oder ob jede Art ihre eigene Nische besetzte. Hatala und sein Team vermuten, dass die fruchtbaren Ufer des Sees ausreichend Nahrungsressourcen für beide Arten geliefert haben.
Möglicherweise sammelten sowohl Homo erectus als auch Paranthropus Wasserpflanzen, Schilf und Gräser am Seeufer und könnten auch gefischt haben. „Aber archäologische und paläontologische Daten stützen die Annahme, dass Homo erectus auf der Suche nach Nahrung größere Distanzen zurücklegte und ein breiteres Nahrungsspektrum besaß“, erklären die Forschenden. Der Vormensch Paranthropus boisei hatte dagegen ein kleineres Territorium und blieb eher am Seeufer.
Die Paläoanthropologen wollen noch in diesem Jahr nach Kenia zurückkehren, um die Forschung an den Fußspuren fortzusetzen. „Jede Fundstelle ist eine Momentaufnahme unserer Vergangenheit. Gemeinsam ergeben sie nach und nach ein Fotoalbum, das unterschiedliche Einblicke in die Anatomie, Fortbewegung, das Verhalten und die Umweltbedingungen von Homininen im frühen Pleistozän ermöglicht“, sagt Hatala.
Quelle: Kevin Hatala (Chatham University, Pittsburgh, USA) et al., Proceedings of the National Academy of Sciences, 2026; doi: 10.1073/pnas.2530996123





