Die Alpenfeldzüge unter Kaiser Augustus führten um das Jahr 15 v. Chr zur Ausdehnung des Römischen Reichs nach Norden. Als knapp 500 Jahre später das Weströmische Reich zusammenbrach, endete auch die römische Herrschaft im Limesgebiet. Doch mitten im Umbruch entstand etwas Neues: Die Menschen schufen sich eine gemeinsame Zukunft.
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von David Neuhäuser
Der Limes war keine starre Grenze des Römischen Reiches, sondern ein komplexes Überwachungssystem. Große und kleine Kastelle dienten als militärisches Frühwarnsystem, waren Zollgrenze für den Warenaustausch mit den Germanen und Kontrollpunkte für sich dort bewegende Menschen. Und das waren viele.
Denn im Limesgebiet ließ sich viel Geld verdienen – hier blühte das Leben. Zu den stationierten Soldaten und dem zivilen Militärpersonal sowie deren Angehörigen kamen Hilfstruppen und Händler aus anderen Gebieten des Reichs. Jenseits der militärischen Sicherheitsbereiche entstanden zivile Siedlungen, sogenannte vici, in denen sich auch Handwerker und Geschäftsleute aus der Region niederließen. Die Versorgung übernahmen angeschlossene landwirtschaftliche Güter.
In den römischen Garnisonsstädten entwickelte sich eine bunt gemischte Bevölkerung. Ein großes Kastell mit rund 3.000 Soldaten und angeschlossener Zivilsiedlung entstand etwa in Augsburg als Augusta Vindelicum. Nach einem Brand 70 n. Chr. wurde das Militärlager nicht wieder aufgebaut. Die Siedlung jedoch bestand weiter und wuchs auf rund 20.000 Einwohner an. Die vielen anderen Kastelle entlang des Limes waren deutlich kleiner, erfreuten sich in den Kastellvici jedoch ebenfalls starker Bevölkerungszuwächse.
Dank der weitreichenden etablierten Handelsrouten mussten weder Römer noch andere wohlhabende Bewohner in der römischen Provinz auf Annehmlichkeiten verzichten. Archäologen haben etwa Tafelgeschirr aus Südgallien und Olivenöl aus Spanien nachweisen können – und in den großen Städten gab es Foren, Tempel und Theater. Im Zuge der Romanisierung profitierten alle von der großen Aufmerksamkeit, die Rom seinen Grenzen angedeihen ließ.
Der Reichtum dieser Regionen entwickelte bald eine enorme Sogwirkung und begünstigte eine Entwicklung, die später als Völkerwanderung bezeichnet werden sollte. Lange stellten sich Historiker diese Völkerwanderung als eine Reihe gewaltiger Invasionen vor (im Französischen spricht man von „les invasions barbares“). Doch heute weiß man, dass die großen Bewegungen nur einen Teil des sehr vielschichtigen Phänomens der Immigration ins Römische Reich darstellten. Gemeinsam war jedoch allen Formen, dass die römisch kontrollierten Gebiete Außenstehenden höchst attraktiv erschienen. Manche Gruppen kamen aus weiter Ferne, viele blieben nicht in den Grenzgebieten, sondern drängten weit ins Reich hinein. Die Markomannenkriege im 2. Jahrhundert, die gotische Expansion ab dem 2. Jahrhundert und der Vorstoß der Alamannen im 3. Jahrhundert stehen in diesem Kontext. In den betroffenen Gebieten kam es zu Plünderungen, es gab Ernteausfälle, Handelswege brachen ein, ganze Regionen gingen Rom als Einnahmequellen verloren – auch dort, wo sich die Invasoren mit römischer Zustimmung ansiedelten, denn als sogenannte Föderaten mussten sie keine Steuern zahlen.
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Diese Entwicklung trug zum Ende des Weströmischen Reiches im 5. Jahrhundert bei, erklärt der Historiker Peter Heather vom King’s College London, einer der wichtigsten Experten auf diesem Gebiet: „Die groß angelegten Wanderungsbewegungen in das Kernland des Weströmischen Reiches reißen große Lücken in die Steuereinnahmen des weströmischen Zentrums – und 75 Prozent der römischen Steuereinnahmen fließen in die Armee. Jedes Mal also, wenn das römische Zentrum infolge dieser Siedler im Herzen des Reiches einen Teil seiner Steuerbasis einbüßt, verliert es zugleich die Fähigkeit, seine Streitkräfte zu unterhalten.“
Die Folgen lassen sich etwa in den Notitia dignitatum erkennen, einem Staatshandbuch, das in den 420er-Jahren entstanden ist. Hier ist bereits abzulesen, dass das Römische Reich die Fähigkeit verloren hatte, in altbewährter Weise Soldaten zu rekrutieren. Rom konnte es sich letztlich nicht mehr leisten, die Kontrolle im Reich durch Stärke aufrechtzuerhalten. Um die Jahre 450 und 460 erreichte diese Abwärtsspirale ihren Tiefpunkt. Noch wurden Hoffnungen an die Wiedereroberung Nordafrikas geknüpft, das die Vandalen erobert hatten, doch als auch dies 468 n. Chr. fehlschlug, war alles verloren.
„Der Zusammenbruch erfolgt sehr plötzlich“, so Heather. „Die Menschen erkennen auf einmal: Wäre der nordafrikanische Feldzug erfolgreich gewesen, hätten wir dem Westreich neues Leben einhauchen können – der Osten hätte es finanzieren können –, doch mit der gescheiterten Rückeroberung Nordafrikas verfügt der Westen schlichtweg über keinerlei Geld mehr, und damit ist alles vorbei.“ Es folgen die Übernahme Spaniens durch die Westgoten, die Ausbreitung der Burgunder im Rhonetal und die Unabhängigkeit der Franken in Nord- und Zentralgallien.
Ein Beispiel aus Bayern
Doch wie haben die Menschen auf diesen Kollaps des Römischen Reichs reagiert? In einer neuen Studie gingen Forschende dieser Frage mithilfe von aDNA-Analysen von Individuen dieser Zeit im heutigen Bayern nach. Ein internationales Team untersuchte mehrere Friedhöfe aus Spätantike und Frühmittelalter – genauer gesagt 258 Gräber aus der Zeit von 400 bis 700 – und dazu bereits bestehende Datensets aus 2.500 antiken und 379 modernen Genomen. Das Ergebnis: Eindrucksvoll lässt sich nachvollziehen, wie sich dort eine Gruppe nordeuropäischer Einwanderer und deren Nachkommen mit der bisherigen Bevölkerung des Römischen Reichs vermischte, nachdem die Kontrolle der Zentralmacht in sich zusammengebrochen war.
„Wir waren eigentlich an dem Familiensystem dieser Zeit interessiert“, erklärt der Anthropologe und Populationsgenetiker Joachim Burger von der Johannes Gutenberg Universität in Mainz, der das Projekt leitete. „Dann haben wir aber festgestellt: Wir können nicht einfach Stammbäume rekonstruieren – weil da irgendetwas Verrücktes vor sich gegangen ist. Wir mussten daher in einem ersten Schritt die vorausgehenden Bevölkerungsbewegungen verstehen, um erkennen zu können, wer hier eigentlich wen geheiratet hat.“
Ab dem 19. Jahrhundert bestand bei vielen Historikern die Meinung, dass die zeitgleich mit dem Untergang des Weströmischen Reiches auftauchende Reihengräberkultur von einmarschierenden Germanen mitgebracht worden sei. Diese Kultur ist dadurch gekennzeichnet, dass Tote unverbrannt beigesetzt wurden, die Gräber in Reihe in Ost-West-Achse ausgerichtet waren und umfangreiche Grabbeigaben den Status des Verstorbenen spiegelten.
Doch diese Kultur den Nordeuropäern zuzuschreiben, gilt als widerlegt, seit darin römisch-frühchristliche Elemente erkannt wurden. Und nun wurde die Theorie auch im Labor endgültig als unhistorisch entlarvt. Die untersuchten Fundstätten (allen voran das bayerische Altheim) bargen eine Mischpopulation, die sich scheinbar in sehr kurzer Zeit aus zwei vormals separaten Bevölkerungsgruppen gebildet hatte. Was wir heute als Reihengräberkultur kennen, war ein Resultat dieser Vermischung.
Phasen der Bevölkerungsentwicklung
Die Forscher unterscheiden in ihrer Studie drei Phasen der Bevölkerungsentwicklung. In der ersten sind die beiden Gruppen noch genetisch getrennt: „In der ersten Phase finden wir Leute, die mindestens aus Norddeutschland gekommen sein müssen, wenn nicht sogar aus Skandinavien“, so Burger. „Und über ihre Verwandtschaftsverhältnisse haben wir festgestellt, dass sie noch während der römischen Herrschaft eingewandert sind.“ Diese Nordeuropäer kamen in kleinen Gruppen und Familienverbänden, ließen sich zwar auf römischem Boden nieder, vermischten sich aber über mehrere Generationen nicht mit der bereits dort ansässigen Bevölkerung. Ein wichtiger Grund dafür liegt wohl darin, dass ihre Gemeinschaften in rechtlicher Hinsicht von den Einheimischen getrennt blieben.
Wer schon in der vorrömischen Zeit in Bayern als Einheimischer lebte, lässt sich zumindest im Labor nicht leicht beantworten. „Es gibt nur wenige Daten darüber, wie die Bevölkerung in Mitteleuropa vor den Römern ausgesehen hat“, so Burger. Dagegen lässt sich ein in der Region begrabener Römer mit ostasiatischen Wurzeln dank dem Gräberfeld von Berel (Altaigebirge/Ostkasachstan) identifizieren – von dort gibt es Vergleichsfunde aus der Zeit vom Ende des 4. bis zum frühen 3. Jahrhundert v. Chr. Eine ähnliche Referenz gibt es für mögliche keltische Einschläge im bayerischen Altheim nicht. Man kann nur vermuten, dass alteingesessene Familien seit dem Beginn der römischen Besatzung über Generationen hinweg mit den römischen Neuankömmlingen zu einer gemischten reichsrömischen Bevölkerung verschmolzen sind, die sich vor allem in den Garnisonssiedlungen sammelte.
Phase zwei der Bevölkerungsentwicklung wurde durch den Zusammenbruch der weströmischen Herrschaft ausgelöst. Die Menschen verließen – freiwillig oder gezwungen – die Garnisonsstädte, zogen aufs Land und vermischten sich mit den dort ansässigen Nachkommen der Nordmänner. „Wir sehen, dass diese beiden Gruppen von Tag eins an fusionieren, das heißt untereinander heiraten, Kinder bekommen und zur typischen Gesellschaft der Reihengräberkultur verschmelzen“, erklärt Burger. Wenn es bei diesem Verschmelzungsprozess zu Gewalt gekommen sein sollte, so hat diese keine Spuren im Boden hinterlassen. „Es gab offenbar wenig kulturelle Differenz zwischen den Gruppen, und sie hatten wohl wenig Mühe, ein Zusammenleben zu gestalten – denn in der archäologischen Kultur sehen sie ganz ähnlich aus“, sagt der Historiker Steffen Patzold von der Eberhard Karls Universität Tübingen, einer der Initiatoren der Studie. „Das ist ein starkes Argument dafür, dass die beiden Gruppen auch in der intakten römischen Welt keine Probleme miteinander gehabt hatten.“ Vermutlich hat bei den Nordmännern über die Jahre auch bereits eine Anpassung stattgefunden, die die Menschen aneinander annäherte.
Doch unabhängig davon beweist der Bruch, der die Phasen eins und zwei voneinander trennt, wie stark sich der Kollaps der fernen Zentralmacht auf die Grenzregion auswirkte. Eine der wichtigsten schriftlichen Quellen, die beschreibt, was in dieser Zeit vor sich ging, ist die im Jahr 511 vom Abt Eugippius verfasste Vita des heiligen Severin. Die geschilderten Ereignisse trugen sich zwar nicht in dem Gebiet zu, das für die Studie untersucht wurde, aber in unmittelbarer Nachbarschaft, genauer gesagt in der römischen Provinz Ufernoricum, die sich über Teile des heutigen Österreichs und Bayerns erstreckte. In der Vita ist von Garnisonsbesatzungen die Rede, die nach dem Ende der Soldzahlungen – als die Verbindung nach Rom gelöst war – von den ansässigen Nordeuropäern ausgemerzt wurden oder verschwanden, also ins Umland flüchteten oder den Weg in eine ferne Heimat antraten. Es wird auch beschrieben, dass Rugierkönige, lokale Warlords, die Bevölkerung der Städte von der Grenze ins Zentrum des eigenen Machtbereichs zwangsumsiedelten. „Sie siedelten die Menschen um, weil die Bevölkerung dieser Städte eine wertvolle Ressource darstellte und weil die römische Provinzbevölkerung über Fähigkeiten verfügte, welche die neuen Herrscher nicht besaßen“, erklärt Heather und ergänzt: „Im Grunde geht es darum, die landwirtschaftliche und ökonomische Produktivität einer großen Bevölkerungsgruppe zu kontrollieren. Genau das beobachten wir bei der Entstehung der poströmischen Nachfolgestaaten.“
Während wir also das Ergebnis des weströmischen Zusammenbruchs im heutigen Bayern – die umgehende Vermischung zweier Volksgruppen – zur Kenntnis nehmen, verraten uns die Quellen etwas über den Hintergrund dieser Vermischung: eine zutiefst krisenhafte Zeit, in der die Staatsgewalt von einem Tag auf den anderen verschwand und Anführer der vorher eingewanderten nordeuropäischen Gruppe das Machtvakuum füllten. „Aus der Studie lässt sich meines Erachtens ganz eindeutig schließen, dass das Ende der römischen Herrschaft in dieser Region tiefgreifende kulturelle, politische und demographische Auswirkungen nach sich zog“, so Heather.
Genetisch von Römern geprägt
Wie stark die Bevölkerung, die ihre Kastellsiedlungen verließ, durch Menschen aus unterschiedlichsten römischen Reichsteilen geprägt war, lässt die Studie deutlich erkennen. In Altheim weisen sechs der untersuchten Individuen aus dem 6. Jahrhundert Abstammungsprofile auf, die überwiegend auf italienische Ursprünge zurückzuführen sind. Und auch weiter entfernte Abstammungslinien sind erkennbar: Ein Mann aus Altheim teilt lange IBD-Segmente mit Individuen aus der Nekropole von Berel im heutigen Kasachstan (IBD steht für „Identical by Descent“ und bezeichnet DNA-Segmente, die zwei oder mehr Personen von einem gemeinsamen Vorfahren geerbt haben). Zwei Drittel seiner Abstammung lassen sich auf ostasiatische Quellen und ein Drittel auf Populationen der westlichen Steppen zurückführen.
In seinem Stück „Des Teufels General“ lässt Carl Zuckmayer seinen Protagonisten, den Luftwaffengeneral Harras, über die Ahnen eines rheinländischen Leutnants sagen: „Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. – Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär […].“ So kann man sich die Zusammensetzung einer römischen Garnisonsstadt vorstellen. Ihre Vorfahren kamen gewissermaßen aus der ganzen römischen Welt – und sogar von jenseits ihrer Grenzen im Osten. Gerade Hilfstruppen, die durch die römische Geschichte hindurch ungefähr die Hälfte der römischen Streitkräfte ausmachten, sorgten wohl für ein hohes Maß an genetischer Diversität.
Nun vermischte sich diese römische Garnisonsbevölkerung also mit den Nordeuropäern und änderte ihre Lebensweise. Wie und in welchem Maße sie dies tat, ist ebenfalls Gegenstand der Studie: Obwohl sich gerade im Alltag der ehemaligen Städter sehr viel geändert haben dürfte, blieben spätantik-römische Familienstrukturen erhalten.
„Vor dem Hintergrund dessen, was wir über das Christentum der römischen Spätantike wissen – von normativen Texten bis zur gelebten Praxis, die sich archäologisch im Römischen Reich insgesamt fassen lässt – sieht es sehr danach aus, dass vor Ort römische Tradition weitergeführt wurde“, meint Patzold. Tatsächlich zeichnet sich die neu vermischte Gesellschaft am Rand des zusammengebrochenen Reiches durch Kernfamilien aus, in denen weiter gefasste Clanstrukturen keine Rolle spielten. Wechselnde Sexualpartner waren selten, ebenso eine erneute Heirat nach dem Tod eines Ehepartners. Inzest wurde streng vermieden. Und auch die Leviratsehe (bei der ein Bruder oder naher Verwandter des Ehemanns bei dessen Tod seine Witwe heiratet) gab es nicht. Die Familienstruktur bot also Kontinuitäten in Zeiten der Unsicherheit und des Umbruchs. Sie war der feste Kern, um den herum sich alles änderte.
Die Familienstruktur blieb bestehen
Zeugnis über das Leben der einfachen Bevölkerung legt auch ein Gesetzestext aus dem 6. bis 8. Jahrhundert ab: die Lex Baiuvariorum, das „Gesetz der Bayern“. „Was da an Regeln für das Familienleben festgesetzt ist, entspricht sowohl normativen Texten aus dem 5. Jahrhundert – aus den letzten Jahrzehnten des Weströmischen Reiches – als auch dem, was wir jetzt durch die Untersuchung der Gene herausgefunden haben“, erklärt Burger. Die Lex Baiuvariorum war bis ins Hochmittelalter hinein gültig. Erst 700 Jahre nach dem Untergang Westroms verlor sie ihre Bedeutung.
Die familiären und sozialen Strukturen der Spätantike blieben indes erhalten. „Das ist – mit Einschränkungen – letztlich genau das Familiensystem, welches das lateinisch-christliche Abendland prägt und über den Kolonialismus der Neuzeit schließlich auch die halbe Erde“, so Burger.
Genetisch hatte sich die von den Forschern untersuchte Gemeinschaft zu diesem Zeitpunkt wiederum deutlich sichtbar verändert. Die Forscher sprechen von Phase drei. In dieser nahm der nordeuropäische Einfluss stark zu: „Während Phase zwei noch sehr von der römischen Garnisonsbevölkerung geprägt ist, schwingt das Pendel in Phase drei zurück: Immer mehr Leute aus Nord- und Mitteleuropa stoßen jetzt hinzu“, erklärt Burger. „Als Populationsgenetiker denken wir in Populationsgrößen, und wenn sich zwei Gruppen vermischen und zum Schluss eine der beiden dominiert, dann war diese einfach nummerisch überlegen.“
Erste Seite der Lex Baiuvariorum. Der Gesetzestext regelte das Leben im frühmittelalterlichen Bayern.
Die einzigartige Bevölkerungsmischung der römischen Grenzstädte war in den folgenden Jahrhunderten in dieser Region nicht mehr denkbar. Die Mobilität von Soldaten, Händlern und Beamten im Reich gehörte der Vergangenheit an. Ein System, das erst den Isis-Kult nach Mainz und später das Christentum bis an die Donau gebracht hatte, wurde von Nachfolgekönigreichen abgelöst, deren Funktionsweise es deutlich unwahrscheinlicher machte, dass sich Menschen aus aller Welt – von Nordafrika bis Schottland und von Spanien bis zum Schwarzen Meer – in Altheim trafen. Stattdessen riss der Zustrom von Zuwanderern aus Nord- und Mitteleuropa nicht ab. Die Garnisonsbevölkerung war Teil der Gründerpopulation gewesen – maßgeblich für Phase zwei. Die Nordeuropäer ließen diesen genetischen Anteil im Laufe der Jahrhunderte jedoch immer weiter zurücktreten. Bis zum Ende des 7. Jahrhunderts war eine Bevölkerung entstanden, die bereits den heutigen Mitteleuropäern ähnelte. Herrschaftswechsel in der Zeit nach dem Ende des Weströmischen Reiches (wie die Machtübernahme der Franken ab 540) hatten indes keine sichtbaren Auswirkungen auf die Bevölkerungszusammensetzung.
aDNA-Studien für umfassende Einblicke
Wie lief es zur gleichen Zeit in anderen Grenzregionen ab? Und was ging jenseits der Grenzen vor? Heather berichtet, dass eine noch unveröffentlichte Studie für Bulgarien ein ähnliches Bild der massiven Veränderungen nach dem Zusammenbruch Westroms zeichnet wie die vorliegende Studie zum heutigen Bayern. Er vermutet, dass auch kommende Arbeiten die Ergebnisse bestätigen werden. Um das Gesamtbild sehen und beurteilen zu können, ist aber noch viel zu tun: „Wir brauchen ungefähr 80 dieser Studien“, sagt Heather nur halb im Scherz. „Jede ist ein Teil des Puzzles. Wenn wir all diese Studien zusammenfügen, wird ein völlig neuer Datensatz entstehen, der uns weitaus mehr Klarheit darüber verschaffen kann, was das Ende des römischen Systems bedeutet hat.“
Auch jenseits der Grenzregionen würden sich wertvolle Informationen gewinnen lassen. Das Weströmische Reich war gewaltig, und seine Auflösung zeigte sich regional unterschiedlich und auch mit zeitlichen Verschiebungen: „Die Ereignisse können sehr verschieden aussehen – je nachdem, ob man nach Bayern schaut, nach Afrika, in den Osten des römischen Imperiums, nach Nordgallien oder nach Britannien“, so Patzold.
Besonders über das heutige Frankreich – konkret Nordgallien – wo sich in einem hoch entwickelten römischen Gebiet die Reihengräberkultur unter dem Frankenkönig Clodwig I. früh ausgebreitet hat, gebe es bisher nur unzureichende Daten; hier könne man zuerst ansetzen. Jede neue Studie wird mehr über die nachrömische Reihengräberkultur verraten: darüber, wer sie prägte und verbreitete und wie sich von Ort zu Ort eine genetisch unterschiedliche Bevölkerung gebildet hat. ■
Römische Grenzen
Zu Zeiten der römischen Republik wurde die Zugehörigkeit eines Landes zum Reich noch mit Grenzsteinen markiert. Julius Cäsar begann damit, die von seinen Legionären im Feindesland angelegten Straßen und in den Wald geschlagenen Schneisen mit Wachtürmen zu versehen. Mit dem Heraufziehen des Kaiserreichs wurden diese Wege zunehmend zu festen Grenzen, gesichert von Legionen und Hilfstruppen.
Der Donau-Iller-Rhein-Limes, an dem sich die meisten der in der Studie untersuchten Siedlungen befinden, wurde nach Aufgabe des über Land verlaufenden Obergermanisch-Raetischen Limes angelegt und nutzte weitestgehend die Flüsse Rhein, Iller und Donau als Grenze.
Im Grenzgebiet dominierte die römische Kultur bis über den Fall Westroms hinaus, besonders durch Sprache und gemeinsame Sitten, auch wenn die Bäder bald verfielen, die gepflasterten Straßen der Städte nicht mehr gewartet wurden und die neuen Herrscher von nun an davon absahen, sich an Rom zu orientieren.
David Neuhäuser ist promovierter Historiker. Er schreibt unter anderem für das Magazin DAMALS und ist Mitgründer, Co-Autor und Co-Moderator des Podcasts „Damals und heute“.
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