Intelligenz ist „in”. Zumindest seit Deutschlands Fernseh-Genie, Günther Jauch, am 8. September 2001 beim „Großen IQ-Test” auf RTL Blondinen gegen Beamte, Krankenschwestern gegen Kraftsportler antreten ließ. Von der neuen Popularität des Gripses profitiert auch ein altgedienter Verein: der Mensa-Club. In den Mensa-Club kann nur eintreten, wer zu den schlauesten zwei Prozent der Bevölkerung gehört. Gemessen wird das mit einem psychologisch anerkannten Intelligenztest. Jedenfalls sind in dem Halbjahr nach Jauch rund 500 neue Mitglieder der deutschen Mensa-Sektion beigetreten, und mehr als doppelt so viele Menschen haben ihre Intelligenz bei Mensa testen lassen. Darüber freut sich nicht zuletzt Carl-Christian Dressel. Er ist im Hauptberuf Richter am Verwaltungsgericht Bayreuth, im Nebenjob Vorsitzender des mittlerweile 3500 Mitglieder starken Vereins Mensa in Deutschland e.V. „Der Igitt-Faktor ist weg”, sagt er. Igitt-Faktor? Dressels Stellvertreter Dieter Gellermann aus Tübingen erläutert: „Bis vor vier, fünf Jahren war Intelligenz ein Igitt-Thema. Man hat uns beschuldigt, Elitezüchtung zu betreiben. ,Ihr haltet euch wohl für was Besseres?‘, hat man uns unterstellt.” Und nun dies: Auf der Bewerberliste tummeln sich Aspiranten vom Kleinkind bis zum Greis. Das jüngste Mitglied ist 4, das älteste 84 Jahre alt. „Zurzeit treten vor allem Leute um die 30 ein”, sagt Swanhild Fischer, eine von zwei Frauen im deutschen Vorstand. Und beklagt, dass noch viel zu wenige Geschlechtsgenossinnen dabei sind. Der Frauenanteil bei Mensa liegt bei 25 Prozent. „Frauen trauen sich nicht, weil sie Angst haben, ihr Mann könnte von dem Test erfahren”, plaudert Fischer aus dem Nähkästchen. „Besonders schlimm ist es, wenn sie beim Test besser abschneidet als er.” Aber was erwartet die vielen neuen Mitglieder beim Mensa-Club? Wirklich ein Klüngel elitärer Erfolgsmenschen, wie die Kritiker einst befürchteten? Das Gegenteil ist der Fall. „Wir verstehen uns auch als Selbsthilfegruppe”, sagt Gellermann. „Wir leisten Integrationsarbeit. Denn eine hohe Intelligenz ist noch lange keine Garantie für beruflichen Erfolg.” Und davon kann sich jeder ein Bild machen, der sich unter die Teilnehmer einer Mensa-Mitgliederversammlung mischt – zum Beispiel beim Jahrestreffen im April 2002 in Tübingen. Dort konnte man zum Beispiel auf Joachim stoßen. Joachim (der Name wurde zu seinem Schutz geändert) stammt aus einem Dorf in der Nähe von Stuttgart. Er hat sein Abitur mit der Durchschnittsnote 1,6 und zwei Ausbildungen mit Erfolg abgeschlossen: als chemisch-technischer Assistent sowie als Industriekaufmann. Dennoch gelang dem heute 30-Jährigen der Berufseinstieg nicht: 80 Bewerbungen hat er im Laufe von eineinhalb Jahren verschickt, dreimal durfte er sich vorstellen – erfolglos. Heute jobbt Joachim in der Poststelle eines großen Verlags. Und in der Freizeit pflegt er seine Hobbys: Paläontologie, Höhlenforschung, Etymologie und Sprachspiele. Joachim wirkt ein wenig kauzig, wenn man ihn zum ersten Mal trifft, aber überaus freundlich. Warum stellt so jemanden keiner ein? Ist es wirklich die Angst der Chefs vor Überqualifikation und Besserwisserei, wie Joachim befürchtet? Oder fehlt seinen Bewerbungen das Quäntchen soziale Intelligenz, das erst den Erfolg im Berufsleben bringt? Schwer zu sagen. Joachim ist nicht der Einzige, den Probleme im realen Leben in die Mensa-Selbsthilfegruppe getrieben haben. Da ist auch Ulrike, 32, Architektin aus dem Fränkischen, die in Wirklichkeit ebenfalls anders heißt. Die hinreißend aussehende Blondine leidet unter den Folgen ihrer Intelligenz. Schon in der Grundschule fühlte sie sich „ausgebremst” von verständnislosen Lehrern. Die konnten es nicht ertragen, dass sie immer dazwischen rief. „Sei mal still! Lass doch mal die anderen!”, hieß es. Schließlich saß Ulrike in der Ecke und meldete sich gar nicht mehr. Ein IQ-Test, den sie mit 11 Jahren machte, zeigte Ulrikes Hochbegabung. Doch das nützte ihr gar nichts. Im Gegenteil: „Wenn ich Männer kennen lernte, habe ich lieber nichts von meiner Begabung erzählt. Nur fünf Mal habe ich etwas durchblicken lassen, und in vier Fällen war die Reaktion negativ.” Aus einer von Ulrikes gescheiterten Beziehungen stammt Sohn Patrick, 13. Er fiel schon als Kleinkind auf: Lernte viel früher laufen, sprechen und lesen als andere Kinder, brauchte weniger Schlaf. Als die Mutter merkte, dass er in der Schule unter den gleichen Schwierigkeiten litt wie sie selbst einst, ließ sie Patrick beim Psychologen testen. Diagnose: Hochbegabung. Ulrike meldete ihren Sohn daraufhin beim Mensa-Club an, um ihm mehr geistige Förderung angedeihen zu lassen. Kinder lernen dort – im Mensa-Kids-Programm – Dinge wie Gebärdensprache, Japanisch oder Programmieren. Patrick ist begeistert. Und Ulrike selbst? Mitglied ist sie bislang nicht geworden, aber sie fühlt sich wunderbar im Kreis der Mensaner: „Da gehörst du hin, war mein erster Eindruck. Niemand sagt hier zu mir: Du bist so anstrengend.” Tatsächlich muss es für Menschen mit einem IQ über 130 (so die Schwelle bei dem in Deutschland üblichen Mensa-Test) eine Erleichterung sein, sich unter „Gleichhirnigen” aufzuhalten, wie Vorsitzender Dressel das ausdrückt. Menschen, die ihre Wortspiele verstehen. Menschen, die über einen Witz nicht eine halbe Stunde lachen. Menschen, die sich auch als Erwachsene mit Brettspielen amüsieren. Dieses Zusammensein mit anderen Hochintelligenten spielt darum bei Mensa die größte Rolle. Es gibt keine vorgeschriebenen Vereinsaktivitäten, und so machen die Mitglieder meist ganz normale Dinge: gemeinsam Motorrad fahren, Grillabende, Diskussionszirkel, die Herausgabe von Mitgliederzeitungen und die weltweite Kommunikation mit anderen Mensa-Mitgliedern. Allerdings: Große Vorbilder, berühmte Wissenschaftler, mächtige Politiker oder Industriebosse, die der Karriere auf die Sprünge helfen könnten, wird man als Mensa-Neuling vergeblich suchen. Oder kennt jemand die Schriftstellerin Olga Masur („Ich wollt, ich wär’ die Letzte”)? Oder den Gedächtnismeister Gunter Karsten? Die gehören schon zu den prominenteren Mitgliedern im deutschen Mensa-Club. Erfolgsmenschen mit hohem IQ scheinen den Club ansonsten eher zu meiden. Und wenn schon die Karriere kaum profitiert, wie sieht es mit den Idealen aus? Wurde Mensa, ein internationaler Verein mit heute über 100000 Mitgliedern weltweit, nicht einst gegründet, um sich mit geballter Intelligenz für den Frieden in der Welt einzusetzen? Jedenfalls war das die Idee der Gründungsväter im Jahr 1945. Viel ist nicht davon geblieben, aber doch ein wenig. So berichtet Annette Kurz vom internationalen Mensa-Vorstand über ein Treffen der mittel- und osteuropäischen Mensa-Gruppen. Es fand im Jahr 1999, mitten im Kosovo-Krieg, in Sofia statt. „Aus allen Teilen des ehemaligen Jugoslawien kamen Mensa-Mitglieder und verstanden sich prächtig. Zwei Mädchen hatten es sogar geschafft, aus dem bombardierten Belgrad herauszukommen. Tagelang waren sie im Bus gefahren, um in Sofia dabei zu sein. Das zu erleben war sehr schön.” Ein bisschen Frieden also – eine Intelligenz-Oase im Irrsinn der Welt. Immerhin.
Judith Rauch





