Die grosse Nachbargalaxie der Milchstraße, der rund 2,5 Millionen Lichtjahre entfernte Andromeda-Nebel, verspeist Zwerggalaxien in seiner Nähe. Seine „Verdauungsreste” hat jetzt ein internationales Astronomenteam um Rodrigo Ibata vom Observatorium Straßburg, Frankreich, aufgespürt. Es handelt sich um einen Strom von Sternen im Halo – der sphärischen Sternenregion, die die Galaxie umhüllt.
Andromeda ist der große Bruder der Milchstraße. Die Astronomen haben vom südöstlichen Teil des Halos über 50 langbelichtete elektronische Aufnahmen mit Hilfe des 2,5-Meter-Isaac-Newton-Teleskops auf La Palma gemacht. „Wir wollten sehen, ob der Halo eine ähnlich klumpige Struktur hat wie der unserer Milchstraße”, beschreibt Ibata das Ziel der Studie.
Das ist tatsächlich der Fall. Die Forscher fanden einen Strom von Sternen, die jünger als die anderen Halosterne sind. Eigenschaften und Lage des Sternstroms deuten darauf hin, daß er mit Andromedas beiden Begleitgalaxien M32 und NGC205 zusammenhängt. Sie sind 16 000 beziehungsweise 29 000 Lichtjahre vom Zentrum der Spiralgalaxie entfernt und gravitativ an sie gefesselt. Sie kreisen ums Zentrum und scheinen immer wieder Sterne zu verlieren. Im Lauf der Zeit wird sich Andromeda diese Satelliten vollständig einverleiben. „Wir können aber nicht ausschließen, daß der Halo-Sternstrom das Relikt einer dritten Zwerggalaxie ist, die bereits kannibalisiert wurde”, schreiben die Forscher in ihrer Studie.
„Andromedas gesamter Halo könnte durch die Zerstörung früherer Begleitgalaxien entstanden sein”, kommentiert Amina Helmi vom Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching die Entdeckung und betont, daß die neuen Befunde zu dem Bild passen, das die Wissenschaftler von der Vergangenheit unserer Milchstraße zeichnen. Deren Halo zeigt ebenfalls Spuren verschluckter Galaxien, und gegenwärtig verschlingt sie die Zwerggalaxie Sagittarius (bild der wissenschaft 5/2001, „Die kannibalische Milchstraße”). Die meisten Astronomen sind heute davon überzeugt, daß sich alle großen Galaxien aus solchen Akkretionen kleinerer Bausteine gebildet haben.
Andromedas Gefräßigkeit hat freilich ihren Preis: Astronomen um Puragra Guhathakurta von der University of California, Santa Cruz, haben mit dem 0,9-Meter-Burrell-Schmidt-Teleskop auf dem Kitt Peak in Arizona eine S-förmige Verbiegung von Andromedas galaktischer Scheibe nachgewiesen: Die eine Seite ist nach oben, die andere nach unten gekrümmt. Das hatte sich schon auf früheren Fotos angedeutet. „Doch erst die neuen großformatigen Digitalaufnahmen sind empfindlich genug, um den Effekt deutlich sichtbar zu machen”, sagt Guhathakurta. Für eine Verbiegung spricht auch die Entdeckung von Scheibensternen außerhalb der eigentlichen Spiralarme. Tatsächlich scheint Andromedas Scheibe eine der am stärksten verformten aller bekannten Spiralgalaxien zu sein.
Hans Groth




