Sie wissen doch sicher, wie Schuhe gebunden werden. Gut, wie gehen Sie vor? Die typische Antwort lautet ungefähr so: Also, erst macht man eine Schleife mit dem rechten Ende des Bandes, dann nimmt man das linke, wickelt es um das rechte und dann … „ Ungefähr so weit kommen die meisten”, spottet die Psychologin Jean Mandler, die an der University von Kalifornien in San Diego lehrt. „Dann geschieht irgendwie ein Wunder, und der Knoten ist zu.”
Offenbar ist uns doch nicht so klar, wie wir jeden Tag in die Schuhe kommen. Nur mit Mühe können wir die alltägliche Aktion aus dem Gedächtnis rekonstruieren, und das dauert auch noch länger als sie auszuführen. Wenn wir morgens die Schuhe anziehen, wissen wir nicht, was wir tun. Wir handeln automatisch.
Den Gedanken, dass derart schlichte Tätigkeiten ohne unsere bewusste Kontrolle ablaufen, können wir noch einigermaßen akzeptieren. Doch Psychologen ziehen aus Forschungsergebnissen der letzten Jahre einen radikaleren Schluss:
• Wir funktionieren die meiste Zeit automatisch, vielleicht sogar immer.
• Wir glauben, nach reiflicher Überlegung eine Entscheidung zu treffen, doch tatsächlich haben spezielle Hirnareale die längst und autonom gefällt.
• Wir sind sicher, unsere Einschätzung eines Menschen sorgfältig abzuwägen, doch in Wahrheit hat eine Konferenzschaltung von Neuronen sie bereits in Sekundenschnelle getroffen.
Sigmund Freuds „Unbewusstes” als Gegenspieler des Ichs ist in neuer Gestalt in die Psychologie zurückgekehrt. Die unbewussten Prozesse ähneln nun allerdings automatisch ablaufenden Computerprogrammen.
Wenn wir nicht so recht wissen, warum wir etwas tun, berufen wir uns gern auf unsere Intuition. Psychologen fanden diese Konstruktion vage, doch langsam kommen sie hinter das Geheimnis der Intuition. Es ist das so genannte implizite Lernen, argumentiert Matthew Lieberman, Psychologe an der University of California in Los Angeles: Wir lernen, ohne zu merken, dass wir lernen.
Sprachliche Regeln beispielsweise begreifen wir intuitiv, auch wenn Lehrer glauben, sie müssten sie ihren Schülern mühsam eintrichtern. In einem klassischen Experiment ließ der Psychologe Arthur Reber Versuchspersonen eine Nonsens-Sprache mit Bestandteilen wie XTRLTRJ lernen. Anschließend fragte er sie, ob ähnlich wirr gewürfelte Buchstaben eine korrekte Äußerung in dieser Sprache darstellten. Tatsächlich steckten hinter den kryptischen Konstruktionen Regeln. Sie waren jedoch so komplex, dass die Versuchspersonen sie nicht bewusst erkennen konnten. Trotzdem kamen sie öfter zu einem richtigen Ergebnis als es der statistische Zufall erlaubte. Sie verließen sich dabei nach eigenem Bekunden auf ihre Intuition. Offenbar hatte ihr Gehirn unbemerkt einige der geheimen Regeln analysiert.
Wir vertrauen implizitem Lernen häufiger als wir ahnen. Schon sechs Monate alte Babys können weibliche von männlichen Gesichtern unterscheiden. Doch sie wissen nicht, woran. Als Erwachsene wissen wir es immer noch nicht – nicht einmal die Wissenschaft ist bislang hinter dieses Geheimnis gekommen. Selbst bei so genannten Denksportaufgaben ist es mit dem bewussten Denken nicht weit her. Beim „Problem des Turms von Saigon” sind fünf unterschiedlich große Kugeln so auf einen Stab gespießt, dass sie eine Pyramide bilden – die größte unten, die kleinste oben. Genau in dieser Reihenfolge sollen sie am Ende um einen anderen Stab liegen. Ein dritter Stab dient als Zwischenablage. Der Spieler darf immer nur eine Kugel bewegen und sie nie auf eine kleinere legen. Die Kugeln müssen in einer vertrackten Reihenfolge zwischen den drei Stäben hin und her manövriert werden, um zum Ziel zu kommen. Die meisten Spieler praktizieren irgendwann den richtigen Ablauf – doch warum sie wann welche Kugel bewegen, können sie oft nicht sagen.
Ein besonders drastisches Beispiel für die Kraft des impliziten Lernens verdankt die Welt einem Patzer des Parapsychologen Rupert Sheldrake. Seiner Überzeugung nach können Menschen spüren, wenn sie von hinten angestarrt werden. Um dies zu beweisen, wurden in vielen Ländern ganze Schulklassen nach Anleitung von Sheldrake aktiv: In langen Versuchsreihen starrte ein Pennäler dem anderen auf den Rücken – oder auch nicht. Nach Tausenden von Experimenten stellte sich heraus, dass die Angestarrten in etwa 57 Prozent der Fälle richtig angeben konnten, ob sich der Blick des Schulkameraden in ihren Rücken gebohrt hatte. Die Wahrscheinlichkeit, eine solche auf den ersten Blick bescheidene Trefferquote durch reinen Zufall zu erhalten, ist astronomisch gering.
Muss man also an außersinnliche Wahrnehmung glauben? Immerhin: Der Londoner Psychologe John Colwell bestätigte das Resultat in einem kontrollierten Experiment. Aber: Colwell analysierte die von Sheldrake vorgegebene Abfolge von Starren und Nicht-Starren. Nach gutem Psychologenbrauch hätte diese Abfolge zufällig sein müssen, doch Colwell entdeckte, dass Sheldrakes Anordnung zu viel Abwechslung enthielt: Sollte in einem Durchgang gestarrt werden, wurde im nächsten eher weggesehen. Keine von Colwells „ Angestarrten” hatte dieses Prinzip bewusst bemerkt und ausgenutzt. Doch offensichtlich hatten sie es implizit gelernt – was möglich war, weil sie sofort erfuhren, ob sie richtig lagen. Als Colwell für eine tatsächlich zufällige Reihenfolge sorgte, klappte das parapsychologische Kunststück nicht mehr.
Offensichtlich analysiert unser Gehirn unablässig die Umwelt. Es bemerkt Dinge und Zusammenhänge, die unserem bewussten Geist entgehen. Die automatischen Prozesse greifen dann in unsere Entscheidungen ein, ohne dass wir es ahnen. Selbst beim Einkaufen fallen wir solchen unbewussten Abläufen zum Opfer: Psychologen der Universität Leicester ließen in einem Supermarkt jeden zweiten Tag französische Akkordeon-Weisen erklingen – prompt wurde dreimal mehr französischer Wein als deutscher verkauft. An den anderen Tagen beschallten sie den Laden mit bayerischer Blasmusik – schon griff die Kundschaft verstärkt zu Flaschen aus Deutschland.
Für alle, die nicht glauben wollen, dass sie so leicht zu manipulieren sind, halten Psychologen wie John Bargh zahlreiche experimentelle Beweise bereit. Der New Yorker Forscher ließ Versuchspersonen zunächst verhackstückte Sätze wieder in grammatisch richtiges English bringen. Wenn sie damit fertig waren, sollten sie sich beim Testleiter ihre nächste Aufgabe abholen. Der allerdings plauderte im Gang mit jemandem und ließ sich nicht stören, falls die Probanden die Konversation nicht unterbrachen.
Ob sie sich das trauten, war aber die entscheidende Frage des Versuchs. Denn ein Teil der Testteilnehmer hatte bei den verstümmelten Sätzen mit Wörtern hantiert, die mit Höflichkeit zu tun hatten. Von den so Eingestimmten unterbrachen nur 17 Prozent das Gespräch. Hatten die Vokabeln dagegen Assoziationen an rüdes Benehmen geweckt, platzten 63 Prozent in die Konversation.
Selbst die banalsten Klischees wirken: Wer an Supermodels denkt, dem fallen weniger richtige Antworten auf Quizfragen ein, Gedanken an Professoren dagegen erhöhen die Leistung. Wer sich mit dieser Taktik auf eine Prüfung vorbereiten will, darf allerdings nicht übertreiben. Vorab über Albert Einstein zu meditieren, erzeugt ein blockierendes Minderwertigkeitsgefühl und löst eine „Ich-blöd”-Reaktion aus, wie es das Team des Psychologen Ap Dijksterhuis von der Universität Nijmegen nennt.
Das alles sind Ergebnisse von Experimenten im psychologischen Labor. Nur da lässt sich exakt beobachten, wie unbewusste Einflüsse auf unser Verhalten wirken. Doch alles spricht dafür, dass automatische Prozesse uns auch im alltäglichen Leben steuern. Da werden Klischees über andere eben nicht „durch Listen von Worten ausgelöst”, kommentiert Forscher Bargh, „sondern zum Beispiel durch die Hautfarbe”.
Womöglich schießen weiße amerikanische Polizisten deshalb besonders schnell, wenn sie einem verdächtigen Schwarzen begegnen, obwohl der unbewaffnet ist. Eine neue Studie der Universität Washington zeigt: Wenn Weiße Bilder von Schwarzen sehen, halten sie hinterher kurz gezeigte Fotos von Werkzeugen häufiger für eine Waffe, als wenn sie das Bild eines Weißen gesehen haben. „Dieser Effekt tritt so automatisch auf, dass die Leute ihn selbst dann nicht unterbinden können, wenn sie es versuchen – das ist frappierend und beunruhigend”, kommentiert Forscher Keith Payne.
Auch bei Alltagsurteilen sind wir fix. US-Studenten beurteilten nach einem Semester Unterricht die pädagogischen Fähigkeiten ihrer Dozenten. Hatten sie sich ihre Ansicht nach reiflicher Überlegung gebildet? Kaum. Psychologen der Harvard-Universität zeigten anderen Studenten kurze Video-Aufnahmen aus dem Unterricht dieser Dozenten. Allein auf Grund dieser Stummfilmchen kamen die „fremden” Studenten fast zum gleichen Urteil wie die ein Semester lang Unterrichteten. Wie lang waren die Videoclips und damit die Zeit für das fast unumstößliche Urteil? Sechs Sekunden.
Wäre unser Urteil verlässlicher, wenn wir nicht so automatisch funktionieren würden? Vielleicht, aber die Evolution hat andere Prioritäten gesetzt: „Die Schnellverbindung zwischen Wahrnehmen und Handeln existiert wahrscheinlich aus guten Gründen der Anpassung”, argumentiert Bargh, der zusammen mit Gollwitzer 1990 den Forschungspreis der Max-Planck-Gesellschaft erhielt. Es ist besser, ohne nachzudenken vor einem Hasen Reißaus zu nehmen, wenn es im Gebüsch raschelt, als erst einmal abzuwarten, ob sich ein Bär heranpirscht.
Auch heute wäre unser Gehirn heillos überfordert, wenn es immer erst nachdenken müsste, bevor es den Befehl zum Handeln gibt. Der Philosoph Alfred Whitehead hatte schon 1911 festgestellt: „Es ist ein grundlegender Irrtum, … dass wir uns angewöhnen sollten, darüber nachzudenken, was wir tun. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Die Zivilisation schreitet voran, indem sie die Zahl der Operationen vergrößert, die wir tun können, ohne an sie zu denken.”
So bewegen wir uns weitgehend automatisch durch die Welt wie ein auf Autopilot geschaltetes Flugzeug. Aber bestimmen wir wenigstens selbst den Kurs? An dieser Stelle halten John Bargh und seine Kollegen ihre schockierende Überraschung bereit: Wir verfolgen Ziele, für die wir uns nie bewusst entschieden haben und die wir womöglich noch nicht einmal kennen. Wieder ließen sie Versuchspersonen durcheinander gebrachte Sätze in die richtige Form bringen, doch diesmal schmuggelten sie Worte ein, die wie „ streben” und „siegen” etwas mit Leistungswillen zu tun haben. In einem – von diesem Test scheinbar unabhängigen – Experiment mussten die Probanden anschließend bei einer Art Scrabble möglichst viele Wörter finden. Nach drei Minuten durften sie aufhören, doch eine versteckte Videokamera zeigte: 55 Prozent der Teilnehmer machten weiter, wenn im vorangegangenen Experiment ihr Leistungswille geweckt worden war. Ohne diese künstlich erzeugte Motivation arbeiteten nur 21 Prozent über die Zeit. Und: Die Fleißigen merkten nicht einmal, dass die Psychologen ihren Leistungswillen beeinflusst hatten, wie Nachbefragungen ergaben. Einmal erzeugt, wirkten die manipulierten Ziele wie selbst gesetzte.
Es ist kaum anzunehmen, dass sich Ziele nur im psychologischen Labor in unser Gehirn schleichen. Alles spricht dafür, dass wir ständig welche aufschnappen – wenn wir Zeitung lesen, fernsehen oder andere beobachten. Hören mag das niemand gern, wie Psychologe Bargh oft erfährt, wenn er Bekannten und Verwandten von seiner Forschung erzählt. Bargh selbst schätzt die automatischen Prozesse. In seinen Augen sind sie „Butler des Geistes”, die „unsere Neigungen und Vorlieben so gut kennen, dass sie sich für uns vorausschauend um sie kümmern, ohne je gebeten werden zu müssen”.
Harter Kampf gegen Vorurteile
Die automatischen Reaktionen des Unterbewusstseins im Zaun zu halten, gelingt selbst aufgeschlossenen Zeitgenossen schwer, wie etliche Experimente beweisen. So zeigten Gordon Moskowitz und Peter Gollwitzer in einem komplizierten Experiment an der Universität Konstanz, dass es den Versuchspersonen nur mit Mühe gelang, die eigenen Pauschalurteile zu unterdrücken. Sie präsentierten männlichen Studenten auf einem Computermonitor erst das Bild einer Frau und dann als Wort eine üblicherweise Frauen zugeschriebene Eigenschaft – wie sexy, sensibel oder schwach. Weil das Foto die einschlägigen Klischees abruft, schaffen Männer es so normalerweise besonders schnell, das Adjektiv vorzulesen. Doch zuvor als Verfechter der Gleichberechtigung identifizierte Probanden brauchten dazu mit Frauenbild länger als ohne visuelle Unterstützung. Offensichtlich wurden auch bei den Emanzipationsfreunden Vorurteile aktiviert – sonst hätte das Frauenfoto ja überhaupt keine Auswirkung gehabt. Die Bilder riefen aber sofort eine automatische Gegenreaktion hervor – einer Frau „sexy” hinterherzurufen, gehört sich nicht. Nur widerstrebend folgten sie schließlich den Vorgaben des Experiments. Das Ganze spielte sich in Sekundenbruchteilen ab – viel zu schnell für bewusste Reaktionen.
Kompakt
• Das Gehirn hat Entscheidungen schon getroffen, während wir noch nachdenken.
• Diese unbewusste Entscheidung kann mit banalen Mitteln vorher beeinflusst werden.
• Kehrt die Psychoanalyse in neuem Gewand zurück?
bdw-Community
LesenDeutsche oder wenigstens englischsprachige populärwissenschaftliche Literatur fehlt leider. Wer vor Fachartikeln nicht zurückschreckt:
John A. Bargh, Tanya L. ChartrandTHE UNBEARABLE AUTOMATICITYOF BEING American Psychologist July 1999 Vol. 54, No. 7, 462-479
Matthew D. LiebermanINTUITION – A SOCIAL COGNITIVE NEUROSCIENCE APPROACH Psychological BulletinJanuary 2000 Vol. 126, No. 1, 109-137
InternetEin Experiment zum Testen der eigenen automatischen Reaktionen und Vorurteile:buster.cs.yale.edu/implicit/
Das Anstarr-Experiment aus der Sicht von Rupert Sheldrake – mit überarbeiteter Reihenfolge der Versuche:sheldrake.org/deutsche/siebenex/starrexp.html
Homepage, die zeigt, dass Weiße bei Bildern von Schwarzen schnell Waffen assoziieren:news-info.wustl.edu/feature/archive/ science/faces.html
Jochen Paulus





