Erstaunlicherweise wurde bisher noch nicht systematisch untersucht, wie lange der Blickkontakt anhalten muss, um von den meisten Menschen als genau richtig empfunden zu werden. Binetti und ihre Kollegen haben dies nun in einem Experiment untersucht. Dafür baten sie knapp 500 Freiwillige unterschiedlichen Alters im Londoner Science Museum, sich kurze Videoclips anzuschauen. In diesen war das Gesicht eines Mannes oder einer Frau zu sehen, der oder die die Probanden jeweils unterschiedlich lange direkt ansah. Während der Videos trugen die Probanden Eyetracker, die ihre Blickrichtung, aber auch die Weite ihrer Pupillen erfassten. Nach jedem Clip gaben die Teilnehmer per Knopfdruck an, ob sie den Blickwechsel als angenehm oder unangenehm empfanden. Die Forscher führten zudem mit allen eine psychologische Befragung durch, um eine grobe Einordnung der Persönlichkeitsmerkmale zu erhalten.
Gut drei Sekunden sind optimal
Die Auswertung ergab, dass die meisten Menschen einen Blickkontakt von etwas mehr als drei Sekunden als genau richtig und angenehm empfinden. Im Experiment lag der Durchschnitt der Teilnehmer bei 3,3 Sekunden, wie die Forscher berichten. “Überraschenderweise stellten wir fest, dass die bevorzugte Blickdauer dabei nicht von grundlegenden Merkmalen wie dem Geschlecht, den Persönlichkeitsmerkmalen oder der Attraktivität abhängt”, erklärt Binetti. So war die als angenehm empfundene Dauer unabhängig davon, ob eine Frau und ein Mann sich anschauten oder zwei Personen gleichen Geschlechts. Auch wie die Probanden im Psychotest in Bezug auf ihre Extrovertiertheit, ihre Offenheit, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit oder den Neurotizismus abgeschnitten hatten, spielte für die bevorzugte Blickdauer keine Rolle. “Beim Alter haben wir ebenfalls keine signifikanten Abweichungen gefunden”, so Binetti und seine Kollegen. “Nur bei Männern nahm mit steigendem Alter die Blickdauer zu – wenn ihr Gegenüber eine weibliche Schauspielerin war.”
Einen Faktor gab es aber doch, der eng mit der Blickdauer verknüpft war, wie die Wissenschaftler mit ihrem Eyetracker herausfanden: Bei den Teilnehmern, die einen etwas längeren Augenkontakt bevorzugten, weiteten sich die Pupillen beim Anschauen ihres Gegenübers stärker und schneller. Schon länger ist bekannt, dass sich unsere Pupillen bei Freude, aber auch bei sexueller Erregung unwillkürlich weiten. Geweitete Pupillen gelten zudem als Zeichen des Vertrauens, verengte dagegen als Signal von Angst oder Aggression. Beim Blickaustausch achten wir daher unbewusst darauf, ob unser Gegenüber seine Pupillen weitet oder verengt. Ist Ersteres der Fall, neigen wir eher dazu, ihm zu vertrauen, wie Studien zeigen. Wie aber hängt die Pupillenweitung mit der bevorzugten Blickdauer zusammen? An der Attraktivität des Gegenübers liegt es offenbar nicht: Im Experiment konnten die Wissenschaftler keinen Zusammenhang zu den Meinungen der Probanden über die jeweils angeschauten Video-Portraits feststellen.





