Kooperation und Fairness sind nicht angeboren, sondern eine Kulturleistung. Die Menschen moderner Industriestaaten sind dabei nicht egoistischer als Naturvölker.
Der Traum des Zivilisationsmüden: eine vorindustrielle Gesellschaft, in der Mütter ihre Babys vier Jahre lang stillen, wo jeder jeden kennt und seinen Platz hat, wo Menschen liebevoll miteinander umgehen und sich zur vollen Blüte des Menschseins entfalten. Die Eigensicht des Zivilisationsmenschen: unsere hektische moderne Industriegesellschaft mit ihren unausweichlichen politischen und wirtschaftlichen Zwängen, ihrem Stress und ihrer Anonymität, die uns zu berechnenden Ellenbogenmenschen macht, nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Die Wahrheit: Der Mensch der Industriegesellschaften ist meist sehr viel vertrauensvoller und altruistischer als der „edle Wilde” . Eine aktuelle interkulturelle Studie ist menschlichem Verhalten – wie Fairness und Kooperation – in unterschiedlichen Gesellschaftsformen nachgegangen. Die Forscher fanden, dass die Menschen in den Industriegesellschaften mehrheitlich fair sind, während die Bereitschaft, mit Unbekannten zu teilen, bei den Naturvölkern viel stärker variiert. Stoff genug zum Nachdenken. Vom großzügigen Verhalten der Lamalera in Indonesien bis hin zu wahrhafter Knauserigkeit bei den Machiguenga im peruanischen Regenwald sahen die Forscher bei ihren Feldforschungen ein breites Spektrum an Verhaltensweisen, das offenbar vor allem von der Wirtschaftsform der jeweiligen Kultur geprägt ist. Der Wirtschaftswissenschaftler Ernst Fehr von der Universität Zürich demonstriert seit einigen Jahren mithilfe von einfachen Spielen, dass die meisten Menschen freiwillig mit völlig Fremden kooperieren und Werte wie Fairness und Gerechtigkeit verinnerlicht haben. Eines dieser Spiele heißt „Ultimatum”. Der Spielleiter gibt einer Person A einen Geldbetrag von beispielsweise 100 Euro und fordert sie auf, einer fremden Person B etwas davon abzugeben. Wenn B das Angebot zurückweist, verlieren beide alles. Nimmt B das Angebot an, dürfen A und B dieses Geld behalten. Welche Summe würden Sie dem Ihnen unbekannten B anbieten, wenn Sie wüssten, dass Sie sich niemals mehr begegnen würden? Nach der These der klassischen Wirtschaftswissenschaft würde der Homo oeconomicus als berechnender Egoist den kleinstmöglichen Betrag abgeben. Als Empfänger B würde er dagegen jeden Betrag akzeptieren. Die Universitätsstudenten, die als Testpersonen in Jerusalem, Pittsburgh, Tokio, Zürich oder Yogyakarta rekrutiert wurden, handelten jedoch anders: Der Anbieter gab in der Regel zwischen 43 und 48 Prozent des Betrags, wobei die meisten die Hälfte anboten. Nur einige waren deutlich geiziger. Von diesen Pfennigfuchsern erlebten dann allerdings viele, dass die Beschenkten den Betrag verärgert zurückwiesen. Damit gingen beide Spieler leer aus. Ist dieses Verhalten durch die jeweilige Kultur geprägt – oder ist es angeboren und damit allen Menschen eigen? Gemeinsam mit Robert Boyd und Herb Gintis vom Forschungsnetz „ Präferenzen und Soziale Normen” der McArthur Foundation organisierte Fehr ein Team aus erfahrenen Anthropologen, die längere Zeit mit 15 verschiedenen Gemeinschaften fernab der Industriegesellschaften lebten. Joe Henrich von der Universität Michigan – zurzeit am Wissenschaftskolleg in Berlin – arbeitete mit den Machiguenga im Amazonasgebiet von Peru. Diese Regenwaldbewohner leben von Fischfang, Jagd und der Brandrodung kleiner Felder. Sie wirtschaften allein und helfen einander nur innerhalb der Familie. Zwar wohnen mehrere Familien in einer Art Dorf zusammen, aber Kooperation beim Hausbau oder Teilen von Jagdbeute hatte Henrich nie beobachtet. Beim Ultimatum-Spiel waren die Machiguenga deutlich berechnender als die Studenten der Industrieländer. Sie boten dem Empfänger durchschnittlich nur 26 Prozent des Betrags an, was bis auf eine Ausnahme nie zurückgewiesen wurde. Michael Alvard von der Texas A&M University erlebte bei den Lamalera etwas ganz anderes. Das kleine Volk in Indonesien lebt vorwiegend vom Walfang. Die Lamalera boten im Mittel 57 Prozent, wobei die meisten zwar die Hälfte herschenkten, aber einige auch deutlich mehr gaben. Schlechte Angebote wurden häufig zurückgewiesen. Alvard führt dies auf die enormen Abhängigkeiten der Menschen in ihrer Gemeinschaft zurück: Beim Walfang müssen sie sich blind aufeinander verlassen können und auch darauf vertrauen, dass die Beute anschließend gerecht aufgeteilt wird. Vertrauen spielt daher eine entscheidende Rolle. Richard McElreath von der University of California Davis, der sich gerade in Berlin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung aufhält, spielte das Ultimatum-Spiel mit den Sangu in Tansania. Ein Teil dieser Bevölkerungsgruppe ernährt sich vom Ackerbau, ein anderer Teil von der Viehwirtschaft. Die Viehhirten sind meist etwas misstrauischer und aggressiver, während die Bauern mehr auf Harmonie mit den Nachbarn achten, berichtet McElreath. Beide Gruppen gaben im Durchschnitt rund 40 Prozent ab, allerdings wiesen die Bauern zu niedrige Angebote wesentlich häufiger zurück als die Hirten. Ihnen war es offenbar wichtiger, vom Anbieter respektiert zu werden. Auch in allen anderen untersuchten Gemeinschaften ergaben sich ähnliche Zusammenhänge zwischen dem Verhalten beim Ultimatum-Spiel und der Art der alltäglich praktizierten Kooperationen. Je mehr sich Kooperation auszahlt und je weitläufiger die Vernetzung mit anderen Partnern ist, desto „fairer” teilen die Menschen den zur Verfügung stehenden Betrag. Die kulturübergreifende Studie zeigt vor allem, dass das weltweit verbreitete Bild vom Homo oeconomicus falsch ist. Menschen geben unabhängig von ihrer Gesellschaftsform und Kultur immer wesentlich mehr ab, als sie müssten. Dass der Mensch des Menschen Wolf sei, wie der britische Philosoph Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert meinte, ist im Allgemeinen falsch. „Auch die entlegensten Familiengruppen leben nicht in einer Hobbes’schen Hölle, in der jeder nur an sich denkt”, sagt Robert Boyd. Was aber beispielsweise den Machiguenga fehlt, sind Erfahrungen, dass sich Kooperationen über den Familienverband hinaus lohnen. Sie kommen ohne solche partnerschaftliche Zusammenarbeit aus, beschränken damit aber auch ihren Handlungsspielraum und ihre Gestaltungsmöglichkeiten. Andere von der Moderne ebenfalls wenig berührte Gesellschaften wie die der Orma in Kenia haben dagegen ein ausgefeiltes Regelwerk, das „harambe”, nach dem sie für den Bau einer Schule, einer Straße oder auch bei der Kriegsführung gegen andere Gruppen zusammenarbeiten. Am gleichförmigsten verhielten sich allerdings die Mitglieder moderner Industriegesellschaften, egal ob in Japan, den USA oder in Europa. Noch „fairer” als die Studenten waren berufstätige Erwachsene, die dem unbekannten Gegenüber meist genau die Hälfte des Betrags abgaben, berichtet Fehr. Der Züricher Forscher und seine Kollegen vermuten, dass derlei soziales Verhalten evolutionär geprägt ist: Gemeinschaften, die gut kooperieren, könnten einen Vorteil gegenüber den Gruppen haben, deren Mitglieder weniger gern teilen. Unsere Mitmenschen erziehen uns von Kindheit an, damit wir in unserer Gesellschaft zurechtkommen – die basiert nämlich auf extremem Vertrauen. Das ist uns meist gar nicht bewusst: Wir bringen Geld zur Bank, geben Pakete bei der Post auf, zahlen Steuern und machen uns in der Regel weiter keine Sorgen darum – weil es eben erstaunlicherweise funktioniert.
Kompakt
Der stets brüderlich teilende „edle Wilde” ist eine Fiktion. Der Umgang der Menschen miteinander entwickelt sich mit der jeweiligen Wirtschaftsweise.
Antonia Rötger





